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Märchen zum Tier des Jahres

Der Rothirsch wurde von Pro Natura zum Tier des Jahres ausgerufen. Der Hirsch ist in den Mythen und Märchen ein wichtiges Symbol. Lesen Sie hier ein Tiermärchen, das erzählt, wie die Hirsche einst die Wölfe auslachten und sie deshalb von ihnen bis heute gejagt werden.

Die Wölfe und die Hirsche

Einst trafen sich am Ufer eines Flusses die Wölfe der ganzen Gegend. Sie kamen in ganzen Rudeln, sogar der Graue Wolf, der Griesgram, war gekommen.

Als erstes sangen sie ihre lang gedehnten Lieder in Ruhe und Ordnung, aber nach und nach wurde eine so schlimme Musik daraus, dass die anderen Tiere des Waldes wie von Sinnen über Stock und Stein liefen, um nichts mehr davon zu hören. Die Fische verkrochen sich unter Sand und Steinen, aber die Lachse flüchteten stromaufwärts um dem Geschrei am Ufer zu entgehen und es heisst, dass der Lachs es erst damals gelernt hat, über Stromschnellen zu springen. Nicht einmal die Sonne wollte das Geheule der Wölfe hören. Sie mummelte sich bis zum Kinn hinaus in rosige Abendwolken, denn auch sie wollte Ruhe haben. Dafür kam der neugierige Mond über die Wipfel der Tannen und die Wölfe verdoppelten gleich ihre Anstrengungen. Schliesslich war die Meute heiser geworden und wie das bei derartigen Zusammenkünften ist, fingen sie schliesslich an, längst vergessene Heldengeschichten zu erzählen. Manch alter Wolf zeigte den jungen Wölflein seine alten Narben von ruhmreichen Kämpfen. So sassen sie lange, bis der Nebel über dem Fluss aufstieg. Um diese Zeit kamen die Hirsche ans andere Ufer. Der Wind trug die Worte der Wolfsgeschichten an ihre Ohren, und als sie hörten, was die alten Wölfe alles erzählten, mussten einige von ihnen laut herauslachen. Schliesslich lachten sie immer lauter, bis eine Stimme über den Fluss rief: «Wer wagt es, die tapferen Wölfe zu verhöhnen?» Da mussten die Hirsche noch mehr lachen, und die Wölfe warteten vergebens auf eine Antwort. Da der Nebel sehr dicht war, hatten die Hirsche keine Angst vor den Wölfen, doch da dämmerte es langsam und als die Sonne kam, war es mit dem Nebel vorbei.
«Hallo Hirsche», riefen da die Wölfe, als sie ihr Gegenüber sehen konnten. «Ihr könnt ja noch nicht einmal richtig lachen. Ha ha ha!» Dabei fletschten sie die Zähne, dass sich die Sonne darin spiegelte.
«Jetzt wir», schrieen die Hirsche: «Hm hmhm, hm... » Dieses unterdrückte Lachen bei geschlossenem Kiefer reizte die Wölfe noch mehr zum Spott: «Ha ha ha! Wenn ihr lachen wollt, müsst ihr die Mäuler aufreissen!»
Und als die Hirsche ihre Mäuler ein wenig aufmachten, sahen die Wölfe, dass das Gebiss ihrer Widersacher sehr dürftig war. Bei dem Gedanken an die sichere Beute lief ihnen das Wasser im Munde zusammen. Sie sprangen in den Fluss und schwammen ans andere Ufer. Die Hirsche stoben nach allen Richtungen auseinander, aber die Wolfsmeute blieb ihnen auf den Fersen und verfolgt sie bis heute.

Märchen aus Tschechien, Fassung Djamila Jaenike



 

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Märchen zum Schnee

Die alten Volksmärchen erzählen, wie Frau Holle den ersten Schnee bringt. Lesen Sie die Sage "Frau Holle schüttelt die Betten aus":

Im Waldecker Land erhebt sich eine Wegstunde südlich von Korbach, über den Abraumhügeln alter Bergwerke, jene Felsenkuppe, welche im Volksmund «Auf der Frau Holle» geheissen ist.

Frau Holle schüttelt die Betten aus

Im Waldecker Land erhebt sich eine Wegstunde südlich von Korbach, über den Abraumhügeln alter Bergwerke, jene Felsenkuppe, welche im Volksmund «Auf der Frau Holle» geheissen ist. Dort sieht man unter den Klippen noch die Grundsteine von ihrem Haus, wo sie vor Zeiten gewohnt haben soll. Wenige Meilen südlich davon, über dem winzigen Städtchen Sachsenberg, ragt der Knöchelberg zu den blauen Kuppen des Uplandes auf. Eine alte Landstrasse zerschneidet ihn in den höheren Jungenknöchel und den geringeren Mädchenknöchel. Nun hatte aber Frau Holle ihr Taubenhaus auf dem höchsten Bühl jenes Berges. Das hatte Luken nach allen Launen des Windes. Dort züchtete sie die allerliebsten Täubchen zu ihrer Lust. Wenn der Herbstwind die Blätter von den Bäumen riss und die Täubchen in die Mauser kamen, dann sammelte Frau Holle die abgeplusterten Federn und stopfte die lichten Daunen in ihre Bett- und Ruhekissen. Die alten Federn vom Vorjahr schüttete sie zuvor über die ganze Landschaft aus. Die wirbelten dann lustig dahin, verfingen sich an den Berglehnen, schichteten sich locker und weich über die Wälder, breiteten sich auf die Felder und bedeckten schliesslich das ganze Land mit einer weissen Decke. Dann klatschten die Kinder im Menschenland in die Hände und riefen: «Ei, Schnee, Frau Holle schüttelt die Betten aus, nun soll wohl bald Weihnachten sein?»

Sage aus Waldeck

Aus: Djamila Jaenike, Cristina Roters (Ill.),  Wintermärchen, Mutabor Verlag, herausgegeben von der Mutabor Märchenstiftung

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