Die Holundermutter

Vor langer, langer Zeit, da lebte in Lothringen einmal ein Mann und dem starb seine Frau und sie hinterließ ihm nur eine einzige Tochter, das Mariele. Das Mariele war fröhlich und freundlich, half jedem Menschen und war die beste Spinnerin weit und breit.
Neben dem Mann wohnte eine Witwe, auch die hatte eine Tochter mit Namen Marie. Aber die Marie half keinem Menschen, war immer unfreundlich und spinnen wollte sie überhaupt nicht. So verschieden die beiden waren, gingen sie doch immer werktags zusammen zur Schule und am Sonntag zur Kirche.
Eines Tages sprach die Mutter der Marie zur Mariele des Mannes: "Mariele, ihr beiden Mädchen geht immer mitein­ander, sag doch deinem Vater, er ist allein, und ich bin allein. Wenn wir heiraten würden, könnten wir zusammenziehen und viel sparen an Licht und Feuerung.
Das Mariele ging nun zu ihrem Vater und erzählteihm was ihr die Nachbarin gesagt, und da sprach dieser: "Ja, was soll ich denn tun? Das Heiraten ist ein Lotteriespiel. Aber wenn morgen der Holunderbaum im Hof in Blüte steht, soll das mir das Zeichen sein, die Nachbarin zur Frau zu nehmen."
Siehe, als der Mann die Läden am nächsten Morgen au­schlug, stand der Holunderbaum in voller Blüte, obwohl es mitten im Winter, mitten in den zwölf Heiligen Nächten war.
Da sprach er zu seiner Tochter: "Geh hinüber zur Nachbarin und sage ihr, der Holunderbaum habe mir das Zeichen gegeben, sie zur Frau zu nehmen. Da kam die Nachbarin gleich gelaufen, und sie schwor ihm bei allem was ihr hoch und heilig war, daß sie seine Tochter genauso halten würde wie die ihre. Das hat er auch zur Bedingung gemacht.
Am Anfang ging auch alles gut, denn da das Mariele eine fleißige Spinnerin war, hatten sie manchen Gewinn. Aber dann merkte die Frau, daß das Mariele bei den Leuten viel beliebter war. Vor allem die jungen Burschen sahen nur nach dem Mariele, und da fing eine schlimme Zeit an für diese. Die beiden Weiber quälten und plagten sie, wo sie nur konnten.
Eines Tages stießen sie das Mariele gegen das Spinnrad und da verletzte sich diese an der Hand, und die Kunkel wurde blutig. Sie lief hinaus zum Brunnen, um sie abzuwa­schen, und da fiel die Kunkel in den Brunnen hinab. Sie lief zurück und erzählte weinend der Mutter, was ihr wider­fahren war.
Da sprach diese: "Also, hast du die Kunkel in den Brunnen fallen lassen, holst du sie auch wieder herauf. Du setzt dich jetzt in den Schöpfeimer, ich lasse dich hinab, und irgendwo wirst du sie schon finden."
Das Mariele weinte und zitterte und hatte große Angst. Als es aber im Schöpfeimer saß, kam plötzlich eine große Ruhe über sie. Die beiden ließen nun den Eimer tief hinab in den Brunnen und als er weit unten war, ließen sie den Hebel los und der Eimer sauste in den Brunnengrund. Die beiden gingen zurück und dachten, daß sie nun das Mariele für alle Zeit loshätten.
Das Mariele kam nun auf den Brunnengrund. Da sah es ein großes Tor. Sie schritt durch das Tor, kam zu einer blühenden Wiese, auf der stand ein Apfelbaum, und der hing voll Äpfel und die Äpfel riefen ihr zu: "Schüttle uns, Schüttle uns, wir sind schon überreif."
Das Mariele schüttelte die Äpfel, las alle zu einem großen Haufen zusammen, ging weiter, und die Äpfel riefen ihr hin­terher: "Sollst das Glück haben, das du verdienst."
Wie nun das Mariele weiterlief, kam es an einer Kuh vorüber, die einen silbernen Eimer an ihr Horn gebunden hatte, und die Kuh rief ihr zu: "Melke mich, melke mich, mein Euter ist übervoll."
Das Mariele setzte sich, molk die Milch in den silbernen Eimer, ging weiter, und die Kuh rief ihr hinterher: "Sollst das Glück haben, das du verdienst."
Wie nun das Mariele weiterging, kam es an einem Backofen vorüber, der war voller Brote und die Brote riefen ihr zu: "Zieh uns heraus, zieh uns heraus, wir sind schon fertig gebacken. "Das Mariele nahm den Brotschieber, zog alles Brot heraus, legte alle in eine Reihe, ging weiter, und die Brote riefen ihr zu: "Sollst das Glück haben, das du verdienst."
Wie nun das Mariele weiterging, kam es zu einem Häuschen, das inmitten eines Hofes voller Holunderbäume stand. Vor dem Häuschen saß eine alte Frau und die spann einen Faden, der war fein, wie aus Seide und aus purem Gold, und die Alte rief ihr zu: "Sei gegrüßt, ich kenne dich wohl. Willst du in meine Dienste treten? Du wirst die besten Tage bei mir haben. Du mußt nur immer meine Gebote befolgen und vor allen Dingen, mußt du meine Betten schütteln, damit es zur richtigen Zeit auf der Erde regnet und schneit."
"Gern trete ich in Eure Dienste", sprach das Mariele, "aber wie heißt Ihr, wie muß ich Euch ansprechen."
"Ich bin die Holundermutter", sprach die Alte. Sie ging in das Haus, das Mariele folgte ihr und hatte nun die besten Tage bei der Holundermutter. Sie befolgte deren Gebote, sie schüttelte auch immer die Betten richtig. So regnete und schneite es auf der Erde immer zur richtigen Zeit.
Als aber ein Jahr vorüber war, bekam das Mariele Heimweh, es machte sich auch Sorgen um seinen Vater.
Und da sprach die Holundermutter: "Geh zurück zu den Deinen und dein Lohn soll sein wie deine Arbeit." Sie reichte ihr ein Säckchen mit Samen und sprach: "Säe diesen Samen auf dem Acker hinter deines Vaters Haus."
Das MarieIe sprang nun über die Wiese davon. Unter dem Tor aber, da wand sie sich noch einmal um, sie wollte der Holundermutter noch einmal zum Abschied zuwinken. Und siehe, da fiel ein goldener Regen herab und das Gold bedeckte das Mariele über und über. Ihre langen, seidenen Haare umhüllten sie wie ein goldener Mantel. In dem Au­genblick kam der Eimer herabgerasselt in den Brunnengrund, das Mariele stieg ein, der Eimer wurde emporgezogen, sie wußte nicht von wem.
Sie sprang aus dem Brunnen und lief in den Hof. In dem Augenblick, als sie den Hof betrat, da fing der Holunder­baum an zu erblühen und der Gockel, der auf dem Mist­haufen saß, krähte: "Kikeriki, unser goldenes Mariele ist wieder hier."
Im Haus aber fiel das Mariele ihrem Vater um den Hals und erzählte ihm alles.
Nun kamen die beiden Weiber gelaufen, und die Frau woll­te, daß ihre Marie das gleiche Glück haben müsse. Die Marie setzte sich in den Eimer, und die Mutter ließ sie in den Brunnengrund hinab. Die Marie schritt nun auch durch das Felsentor, kam zu der blühenden Wiese, auf der wiederum der Apfelbaum stand, und auch ihr riefen die Äpfel zu: "Schüttle uns, schüttle uns, wir sind schon überreif."
"Dann verfault ihr halt", sprach die Marie. "Ich habe keine Lust, einen von euch noch auf den Kopf zu bekommen." Sie ging weiter, und die Äpfel riefen ihr hinterher: "Sollst das Glück haben, das du verdienst."
Die Marie schritt nun auch an der buntscheckigen Kuh vorüber, die wiederum den silbernen Eimer an ihr Horn gebunden hatte. Und die Kuh rief ihr zu: "Melke mich, melke mich, mein Euter ist übervoll."
"Ich habe keine Lust, mich an dir schmutzig zu machen", rief die Marie und ging weiter.
Und die Kuh rief ihr hinterher: "Sollst das Glück haben, das du verdienst."
Die Marie schritt nun auch an dem Backofen vorüber, der wiederum voller Brote war. Und auch ihr riefen die Brote zu: "Zieh uns heraus, zieh uns heraus, wir sind schon fertig gebacken."
"Dann verbrennt ihr halt, ich habe Wichtigeres zu tun."
Sie ging weiter, die Brote riefen ihr hinterher: "Sollst das Glück haben, das du verdienst."
Die Marie kam nun auch zu dem Häuschen im Holunderhof, und wieder saß die Holundermutter davor und spann einen Faden, dick wie ein Finger und schwarz wie aus purem Pech.
Die Marie trat ganz keck zur Holundermutter und verdingte sich als Magd. Die ersten Tage gingen ganz gut, denn sie dachte an den goldenen Lohn. Aber dann fiel sie in ihre alte Art zurück. Sie befolgte die Gebote der Holundermutter nicht, vor allen Dingen schüttelte sie nicht die Betten, und so schneite es nicht auf der Welt, obwohl doch gerade die zwölf Nächte waren.
Da sprach die Holundermutter zu ihr: "Ich kann dich nicht länger brauchen, geh' zurück zu den Deinen, dein Lohn soll sein wie deine Arbeit." Sie reichte ihr ein Säckchen mit Samen und sprach: "Säe diesen Samen auf dem Acker, den deine Mutter dir hinterläßt."
Die Marie rannte nun über die Wiese davon und dachte, unter dem Tor komme nun auch der goldene Regen. Ein Regen senkte sich herab, aber der war aus purem Pech und das Pech bedeckte sie über und über.
Und in dem Augenblick kam der Eimer herabgerasselt, sie stieg ein und dachte das Wasser des Brun­nens würde das Pech hinwegneh­men. Aber das Pech blieb an ihr haften. Der Eimer wurde emporgezogen, sie wußte nicht von wem.
Oben sprang sie aus dem Brunnen, lief in den Hof und auf dem Misthaufen saß wiederum der Gockel und krähte: "Kikeriki, unsere Pechmarie ist wieder hier."
Als sie aber das Haus betrat und ihre Mutter sie so sah, fiel diese vor Schreck tot um.
Nun haben die beiden Marien den Samen gesät, den sie von der Holundermutter empfangen haben.
Auf dem Acker der Marie sind lauter Dornen und Disteln gewachsen. Auf dem Acker des Mariele aber, da hat ein Flachs geblüht, so blau wie der Himmel selbst. Und als sie den Flachs gebrochen und versponnen hat, ist ein reicher Bauer gekommen, und der hat das Mariele zur Frau genommen. Als der Holunderbaum wieder geblüht hat, haben sie Hochzeit gefeiert. Ihren Vater hat das Mariele mitgenommen, das Häusle haben sie der Marie gelassen, weil diese nicht mehr unter die Leute konnte.
Das Mariele aber ist eine reiche Bauersfrau geworden und der Trost aller Armen. Im Winter hat sie immer ihren Flachs versponnen, in den zwölf Nächten aber, da hat sie nicht gesponnen, denn sie wußte, daß dies die Holundermutter beleidigen würde.
In diesen Nächten aber hat sie dem Gesinde, den Kindern, den Nachbarn erzählt vom Reich der Holundermutter, bei der sie gewesen und mit deren Segen sie wieder zur Erde zurückkehrte.

Märchen aus Deutschland, ausgewählt und neu erzählt von Sigrid Früh