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bild Bild: Artus Scheiner
Fotos: Christian Imfeld


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Schweizer Märchenschatz

Wir freuen uns, dass Sie sich für den Schweizer Märchenschatz interessieren.
Den Grundstock dieser Datenbank bildet die klassische Sammlung von Otto Sutermeister mit den Kinder- und Hausmärchen der Schweiz von 1869. Sie finden darin auch Teile der Sammlungen von Dietrich Jecklin, Johannes Jegerlehner, Caspar Decurtins, Curt Englert-Faye und Meinrad Lienert und die Schweizer Märchen aus der Sammlung der Brüder Grimm. Die Datenbank wird nach und nach erweitert und vervollständigt. Neben den Märchen finden sich auch einige Sagen, die den Märchenschatz ergänzen.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen und Weiter-Erzählen!

Unesco-Logo   Ein Projekt der Mutabor Märchenstiftung unter dem Patronat der Schweizerischen UNESCO-Kommission.




Eine Kostprobe aus dem Märchenschatz


Die drei Spinnerinnen, Caspar Decurtins, Engadin

Einmal schimpfte eine Mutter mit ihrer Tochter, weil sie nicht spinnen konnte. Ein Herr, der vorbeiging, hörte den Lärm und ging hinauf, um zu fragen, was es zu schimpfen gebe. «Oh, das Mädchen will das Moos aus den Wänden verspinnen», antwortete die Mutter. Das gefiel dem Herrn, der viel zu spinnen hatte. Er stellte das Mädchen als Magd ein und gab der Mutter einen schönen Beutel Geld.

Die ersten Tage, als sie bei ihm war, brachte der Herr ihr eine grosse Menge Wolle und befahl, alles zu spinnen. Da sie dies nicht konnte, begann sie, als der Herr fort war, zu weinen, und flehte ihre Grossmutter um Hilfe an.

Im nächsten Augenblick kommt die Grossmutter, die schon lange gestorben ist, zur Tür herein. Es ist eine kleine Alte, die stark hinkt. Aber sie treibt das Rad an, dass es eine Freude ist, und in kurzer Zeit ist alles gesponnen.

Am andern Tag gibt ihr der Herr eine noch grössere Menge Wolle zum Spinnen. Diesmal ruft die Ärmste ihre Urgrossmutter zu Hilfe, und gleich kommt die Urgrossmutter, eine Alte mit einer fürchterlich grossen Nase, zur Tür herein und spinnt die Wolle im Hui.

Als der Herr merkt, was für eine hervorragende Spinnerin seine Magd ist, gibt er ihr das dritte Mal noch viel mehr Wolle zum Spinnen. Voll Angst und Sorge ruft das Mädchen diesmal ihre Ururgrossmutter zu Hilfe, und die hat sich nicht zweimal bitten lassen. Bevor das Mädchen die blinde Ururgrossmutter richtig sieht, hat diese alles fertig gesponnen.

Da der Herr sich über das flinke Spinnen freute, nahm er seine Magd zur Frau. Am Hochzeitstag, während des Mittagessens, erschienen plötzlich die drei toten Spinnerinnen: die Grossmutter, die Urgrossmutter und die Ururgrossmutter. Die erste sagte zum Bräutigam: «Schaut, mein Bein ist lahm geworden vom Rad antreiben!» Die Urgrossmutter sagte: «Vom Fadennetzen habe ich eine so grosse Nase bekommen!» -«Vom dauernden Auf-den-Faden-schauen bin ich blind geworden», sagte zuletzt die Ururgrossmutter, «und deshalb darfst du die Braut nicht spinnen lassen, wenn du nicht willst, dass sie hässlich wird!» Von nun an liess der Herr seine Frau nie mehr spinnen, und sie dankte immer wieder ihren toten Grossmüttern.


Aus: Die drei Hunde
, Rätoromanische Märchen aus dem Ober- und Unterengadin, Schams und Oberhalbstein, Caspar Decurtins, Ursula Brunold-Bigler (Hg), Kuno Widmer (Übers.), Desertina Verlag

 

 
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