Märchen aus Äthiopien | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus Äthiopien

Das heutige Äthiopien ist ein Vielvölkerstaat mit über 80 ethnischen Gruppen im abessinischen Hochland. Trotz grosser sozialer Fortschritte im 21. Jahrhundert zählt Äthiopien zu den ärmsten Ländern der Welt. Gemäss den Vereinten Nationen sind fast die Hälfte der Bevölkerung unterernährt und haben keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser. Die jüngere Geschichte ist geprägt von Kriegen mit den Nachbarstaaten und innerpolitischen Unruhen, seit 2020 herrschen erneut bürgerkriegsähnliche Zustände.

Märchen
Ein dummer Mann und eine kluge Frau
Genug!
Vom reichen alten Mann


Ein dummer Mann und eine kluge Frau

Es sass einmal ein dummer Mann in einer Versammlung. Um die anderen Männer in der Runde zu beeindrucken, gab er mit seinem angeblichen Wissen an. «Ich kenne das Mass der Erde. Ich weiss genau, wie gross sie ist. Morgen sage ich es euch.» Die anderen glaubten ihm nicht und forderten ihn zu einer Wette heraus. Am Ende des Abends hatte er sein ganzes Vermögen eingesetzt und ging missmutig nach Hause.  Seine Frau merkte gleich, dass etwas nicht in Ordnung war. «Was hast du heute Schlimmes erlebt, dass du nichts essen magst und dich schon zum Schlafen hinlegst?»
«Ach, ich habe mein Vermögen gewettet, dass ich morgen das Mass der Erde sagen kann.» Die Frau wusste einen Rat und sagte: «Das ist eine leichte Sache. Geh morgen an den vereinbarten Ort und stecke einen Stock in die Erde. Sage den Männern dann: Die Erde ist von hier aus so und so viele tausend Schritte weit und in die andere Richtung noch einmal so und so viele tausend Schritte. Und wenn sie behaupten, dass du nicht die Wahrheit sagst, fordere sie auf nachzumessen. Falls sie beweisen können, dass es nicht stimmt, so sollen sie dich bestrafen.» Nun ass der Mann zufrieden sein Abendbrot und ging schlafen. Am nächsten Morgen machte er es, wie seine Frau es ihm gesagt hatte. Natürlich war sich keiner sicher, ob der Mann recht hatte. Aber keiner wollte es überprüfen. So konnte er sein Vermögen behalten.
Von dieser Sache hörte aber auch der König. Er liess den Mann zu sich kommen und fragte ihn: «Sag, wer hat dir diesen Rat gegeben?"
«Meine Frau», antwortete der Mann ehrlich.
Das wollte der König genau wissen: «Deine Frau ist klug. Ist sie auch schön?»
Und wieder sagte der Mann wahrheitsgemäss: «Ja, meine Frau ist klug, schön und jung.»
«Wenn deine Frau klug, schön und jung ist, dann steht sie mir als König zu. Bringe sie morgen zu mir, ich werde sie heiraten.»
Auch an diesem Tag ging der Mann niedergeschlagen nach Hause. Seine Frau fragte gleich: «Was ist los? Warum bist du so traurig?»
«Der König fragte mich nach deiner Klugheit und ich sagte, dass du klug, schön und jung bist, und jetzt will er dich zur Frau haben.»
Seine Frau schüttelte den Kopf. «Du dummer Mann. Wieso sagst du dem König sowas? Nun geh morgen zu ihm und sag, dass ich mich so sehr über sein Angebot gefreut habe, dass ich für den König und seine Berater ein Essen vorbereitet habe.» So machte es der Mann. Er lud den König ein und kam mit ihm und seinen Beratern zu seinem Haus zurück. Die Frau hatte bereits den Tisch gedeckt. Darauf standen Schüsseln und Fleischplatten. Doch sie hatte alles Geschirr mit Flachs gefüllt und dann über jedes ein Stück Stoff gelegt. Es gab Wolle, feinste Seide, ein goldbesticktes Tüchlein, bunt gewebte Stoffe, ein Leinentuch und auch ein Stück Baumwolle.
Als der König sich an den Tisch setzte, nahm er eine Schüssel und hob das Tuch. Doch es war nur Flachs darin. Da griff er nach einer anderen Platte, hob das goldbestickte Tüchlein und fand nur Flachs. So ging es ihm auch, als er Wolle, Seide, Leinen und alle anderen Tücher von den Schüsseln nahm. Nun wurde der König zornig. «Deine Frau hat uns zum Narren gemacht. Sie macht sich über uns lustig. Was soll all das bedeuten?»
Die Frau kam an den Tisch und sagte: «König, die Gesichter der Frauen sind so verschieden wie die Tücher auf meinem Tisch. Es gibt feine und grobe, bunte und edle. So sind Gesichter und Natur der Frauen. Aber im Inneren ist alles wie Flachs. Egal ob wir schön oder reizlos sind, unser Wesen ist gleich.»
Der König staunte und verstand, dass diese Frau lieber treu bei ihrem Mann blieb, als ihn zu verlassen und die Ehre zu haben, einen König zu heiraten. Als Dank für die Klugheit dieses Vergleiches gab der König den Eheleuten viel Geld und sagte: «Ich habe dich und deinen Mann mit meinem schlimmen Plan erschreckt. Aber Du hast mich durch dieses Gleichnis vor einer Sünde bewahrt.»

Märchen aus Äthiopien, Fassung Anina Meile, nach: Carl Meinhof,  Afrikanische Märchen, Jena 1917 © Mutabor Märchenstiftung


Vom reichen alten Mann

Ein Mann hatte einmal sieben Söhne. Er war sehr reich, und als er älter wurde, kaufte er für jeden Sohn ein Stück Land. Daraufhin genoss er das Leben, gab das Geld mit vollen Händen aus und lud alle Nachbarn zum Schmausen ein. Wenn die Freunde sagten: «Du musst doch Geld für deine Söhne beiseitelegen!», dann antwortete er: «Ich vertraue auf das Glück und die Schlauheit meiner Söhne!» Die Söhne waren aber zu faul, um das Land zu bearbeiten. Als der Vater starb, warteten sie vierzig Tage, danach öffneten sie die Kiste, in welcher der Vater sein Geld bewahrte. Doch die Kiste war leer, nur ein Brief lag darin. In diesem stand: «In jedem Stück Land, das ich euch geschenkt habe, steckt Gold im Boden.»
Die Söhne waren enttäuscht. Jeder hatte gehofft, ein gutes Stück Geld zu erben. Schliesslich sagte der älteste Sohn: «Wenn in jedem Stück Land Gold steckt, so müssen wir die Felder umgraben, um das Gold zu finden.» Die Brüder waren einverstanden und so gruben sie ein Feld nach dem anderen um, doch das Gold fanden sie nicht.
​​​​​Müde und erschöpft sagten die jüngeren Brüder: «Wir haben nichts gefunden, also wollen wir unser Glück lieber woanders suchen und als Knechte auf einem Hof arbeiten.» So gingen sie davon, nur der älteste Bruder blieb zu Hause. Da alle Felder frisch umgegraben waren, säte der älteste Sohn Gerste. Diese wuchs so gut, dass er eine reiche Ernte einbrachte und mehrere Scheunen füllen konnte. Er verkaufte von dem Getreide und kaufte noch mehr Felder auf. Nicht lange, da war er der reichste Bauer weit und breit.
Die anderen Brüder jedoch mussten auf den fremden Höfen schwere Arbeit gegen kleinen Lohn verrichten. Nach einiger Zeit sagten sie zueinander: «Dieses Leben ist viel zu schwer. Lasst uns nach Hause gehen und sehen, wie es unserem Bruder ergangen ist.»
Gemeinsam machten sie sich auf den Heimweg. Hungrig, staubig und in zerrissenen Kleidern kamen sie dort an. Sie klopften an die Tür und als der Bruder sie nicht erkannte, sagten sie: «Wir sind es, deine Brüder! Wir haben viel gearbeitet und viel gelitten. Sag, hast du das Gold gefunden?»
Der Älteste liess die Brüder ein, gab ihnen zu essen und zu trinken und sagte: «Das Gold, das unser Vater meinte, war der fruchtbare Boden unserer Felder. Seht, es hat mir viel Reichtum gebracht und diesen will ich von nun an mit euch teilen.»
Von diesem Tag an arbeiteten die sieben Brüder fleissig miteinander auf den Feldern und lebten in Glück und Reichtum.

Fassung Djamila Jaenike, nach:  C. Detlef, G. Müller, Märchen aus Äthiopien, München 1992 © Mutabor Märchenstiftung

 


Genug!

Es lebte einmal ein König, der mochte nichts auf der Welt so gerne wie Märchen. Am liebsten lauschte er den Märchenerzählern, die aus weit entfernten Ländern kamen, um ihm Geschichten zu erzählen und vergass dabei das Regieren.  Er hatte nie genug vom Märchenhören, deshalb liess er die Trommeln schlagen und ausrufen: «Wer dem König eine so lange Geschichte erzählen kann, dass er ruft: ‹Genug!›  der wird reich belohnt!» Da kamen noch mehr Märchenerzähler in den Palast als sonst, jeder wollte beschenkt werden. Doch der König lauschte den Märchen bis in die Nacht hinein und sagte niemals: Genug!
Einmal kam ein Bauer zum Palast und wollte dem König ebenfalls Märchen erzählen. Der König lachte ihn aus: «Die besten Märchenerzähler Äthiopiens haben mir ihre Märchen erzählt und ich habe immer bis zu Ende gehört. Wie willst du das schaffen? Aber gut, versuche es und erzähle!»
Der Bauer setzte sich auf den Teppich und begann: «Es war einmal ein Bauer, der hatte auf einem grossen Feld Korn gesät. Als es reif war, war die Ernte sehr gross. Es war so viel Korn, dass es kaum Platz fand in seiner grossen Scheune. Diese Scheune war überall verschlossenen. Nur an einer Ecke war ein winziger Spalt. So klein, dass noch nicht mal ein Getreidehalm durchpasst. Durch diesen kleinen Spalt kroch eine Ameise. Sie griff sich ein Korn und trug es durch den Spalt in den Ameisenhaufen.»
«Weiter!», rief der König. «Dieses Märchen kenne ich nicht, erzähl weiter!»
«Am nächsten Tag kam eine andere Ameise. Sie nahm ein Korn und trug es ebenfalls durch den Spalt in den Ameisenhaufen.»
«Gut, aber was geschieht dann?», wollte der König wissen.
«Am folgenden Tag kam wieder eine Ameise. Sie nahm ein Korn und trug es durch den Spalt nach Hause.»
«Ja, ja, aber du musst jetzt erzählen, was danach geschah!», rief der König.
«Also am nächsten Tag kam wieder eine Ameise. Sie ging durch den Spalt und trug …»
«Das habe ich schon gehört. Jetzt erzähl weiter!», sprach der König ungeduldig.
«Ich erzähle doch!«, sagte der Bauer. «So geschieht das in diesem Märchen: Am nächsten Tag kam wieder eine Ameise in die Scheune, nahm ein Korn und trug es nach Hause. Dann kam die nächste Ameise und …»
«Ich weiss, was die nächste Ameise tut, also mach vorwärts und erzähle was danach geschieht!», befahl der König.
«So schnell geht das nicht. Da sind sehr viele Körner in der Scheune und ich muss so lange erzählen, bis die Scheune leer ist, denn so geht dieses Märchen. Also, am nächsten Tag…»
Da stand der König auf, fuchtelte mit den Armen und schrie. «Hör auf! Genug! Genug!»
«Aber am nächsten Tag kam wieder eine Ameise und holte ein Korn…»
«Hör auf zu erzählen! Ich schenke dir das Land, auf dem du wohnst und mache dich zum Fürsten, aber höre auf zu erzählen, genug ist genug!»
Da lächelte der Bauer, schwieg und ging mit Reichtümern und einem Fürstentitel nach Hause.
Der König kümmerte sich von nun an wieder besser um sein Königreich. Doch wenn er Märchen hörte, dann durften sie auch einmal ein Ende haben.

Märchen aus Äthiopien. Fassung Djamila Jaenike, nach: Gyula Ortutay (Hrsg.), Sara Karig, Tibor Bodrogi, Gertrud Dubovitz (Übers.): Das Herz der Sterne, Budapest 1972 © Mutabor Märchenstiftung

 

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