Wintermärchen und Wintergeschichten zum Lesen und Vorlesen | Märchenstiftung | Mutabor Verlag

 

Winter- und Weihnachtsmärchen

Die Wintermärchen erzählen von der Kälte und der Begegnung mit den Wintergestalten, wie den Trollen, Frau Holle und Vater Frost. Sie berichten aber auch davon, wie sich Menschen gegenseitig helfen können, Mitgefühl zeigen und wunderbare Geschenke machen. In diesem Sinne erzählen sie auch von Weihnachten, von Nächstenliebe in einer Zeit, die dunkel und kalt ist. Über siebzig Märchen zum Thema Winter, Schenken, Weihnachtsschmaus und Schnee sind in unserem Buch "Wintermärchen aus aller Welt" versammelt.

 

 

Gedanken zu einer märchenhafte Weihnachts- und Winterszeit


Draussen liegt Schnee, das Feuer im Kamin prasselt, alle sind in warme Decken gehüllt und jemand erzählt ein Märchen. Ist das nicht ein schönes Bild? Das Erzählen gehört zu den ältesten Traditionen der Menschheit. Beim Zuhören taucht man in eine andere Welt ein, in die Welt der Fantasie, wo Frau Holle es schneien lässt, die Heldinnen und Helden ihre Abenteuer bestehen und am Ende auch diejenigen das Glück finden, mit denen es das Leben nicht so gut gemeint hat. In diesem Sinne spenden die alten, überlieferten Märchen Trost und machen Mut. Doch fast wären die Märchen vergessen gegangen, denn im Zuge der Industrialisierung verschwanden die Spinnstuben und andere Gelegenheiten, bei denen man sich traf. Später kam das Fernsehen, heute sind es Streamingdienste, deren Geschichten man Aufmerksamkeit und Zeit schenkt. Doch in der Adventszeit und an Weihnachten ist nichts schöner, als gemeinsam wunderbaren Märchen zu lauschen. Es gibt weit mehr als die bekannten und mehrfach verfilmten Märchen der Brüder Grimm, und der tschechischen Geschichte von Aschenbrödel und den drei Haselnüssen. Es gibt Märchen aus aller Welt, aus dem fernen Sibirien genauso, wie aus Neuseeland. Wer die Winterszeit mag, möchte vielleicht etwas von den Trollen lesen, die an Weihnachten in Norwegen auftauchen oder von der Feldmaus und der Stadtmaus, die sich gegenseitig zum Weihnachtsschmaus einladen. Auch die Märchen und Sagen aus der Schweiz sind eine Entdeckung wert. Etwa die luzernische Geschichte «Das Geschenk des Erdmännleins» oder das Märchen aus dem Jura «Der Zwerg am Berg». Fünf Märchen aus der Schweiz fanden sogar Eingang in die «Kinder- und Hausmärchen» der Brüder Grimm, die übrigens zum Unesco Weltkulturerbe gehören. Die Erzählkultur hat sich in den letzten zwei Jahrzenten wieder belebt. Immer mehr Menschen erlernen das Erzählen und beschäftigen sich wieder mit der Vielfalt der überlieferten Märchen. Man kann sie für besondere Gelegenheiten buchen und damit einen Geburtstag, Advent oder Dreikönigstag unvergesslich machen. Oft hört man dann: «Ich wusste gar nicht, dass es so viele schöne Märchen gibt.» Was sich unsere Vorfahren erzählt haben, ist ein unerschöpflicher Schatz. Nur ein Teil davon wurde bewahrt, schriftlich notiert und in Büchern festgehalten. Über siebentausend verschiedene Märchen-Buchtitel sind erfasst. Wenn man bedenkt, dass in manchem Buch nur zehn Märchen, in anderen aber tausendundeine Geschichte enthalten sind, so ergibt das eine sehr hohe Zahl. Anders als man meinen könnte, sind die meisten Märchen für Erwachsene erzählt worden. Sie berichten von Dingen, die wir bis heute kennen und die schon unsere Vorfahren beschäftigt haben. Wie findet man das Glück, wie überwindet man schwierige Zeiten, und was tut man, wenn man drei Wünsche frei hat? Beispielhaft erzählen die Märchen von Chancen, Freundschaft oder Feindschaft, und davon, dass es sich auch im dunkelsten Winter lohnt, an eine Tür zu klopfen und um ein Dach über dem Kopf zu bitten. Das erinnert an die Weihnachtsgeschichte, eine Erzählung über Nächstenliebe und Hoffnung. Auf eine gewisse Art haben die Märchen diesen Hoffnungsstern bewahrt. Sie überwinden Zeiten, Generationen und Ländergrenzen, und sie vermögen zu besonderen Zeiten ihren Zauber zu entfalten. Die Advents- und Weihnachtszeit eignet sich dafür gut. Die Kerzen brennen, alle sind beisammen und freuen sich über eine schöne Geschichte. Vielleicht jene von dem Jungen, der im Winter im Wald eine Schatzkiste und einen goldenen Schlüssel findet. Langsam öffnet er die Kiste und darin sind …

 


Sampo und der Bergkönig

​​​​Im hohen Norden in Lappland leben Menschen, die mit ihren Rentieren von Weide zu Weide ziehen und in Zelten wohnen. In ihrem Land scheint die Sommersonne Tag und Nacht, im Winter jedoch herrscht wochenlang völlige Dunkelheit. Wir können uns ausmalen, wie sehr die Menschen nach langen dunklen Winterwochen die Sonne herbeisehnen. So ging es auch dem kleinen Lappenjungen Sampo. Es war Winter, Weihnachten schon lang vorbei und immer noch finster. Nur der Mond schien, die Nordlichter leuchteten und die Sterne funkelten Tag und Nacht. Eines Tages aber entdeckte Sampo einen schmalen roten Streifen am Horizont. «Das sind die ersten Boten der Sonne», erklärten die Eltern. «Morgen wird die Sonne über dem Berg Rásttigáisá aufgehen.» In dieser Nacht konnte der kleine Junge nicht einschlafen. Vor seinen Augen sah er den Berggipfel im rötlichen Schein – und da fiel ihm ein, was die Mutter erzählt hatte: Dort auf dem Rásttigáisá wohnte der mächtige Bergkönig. «Hüte dich vor dem Bergkönig», hatte die Mutter gewarnt, «er ist riesengross und schrecklich; ein Rentier verschlingt er auf einen Biss und kleine Jungen frisst er wie Fliegen!» Wie schaurig, wie aufregend! Ach, wie gern würde Sampo einmal den Bergkönig sehen, wenigstens von Weitem ... Bei diesem Gedanken schlüpfte der Junge leise aus seinem Rentierfell, nahm Felljacke und Hose, Pelzstiefel und Handschuhe und schlich sich aus dem Zelt. Bitter kalt war es da draussen, der Schnee knirschte unter seinen Füssen. Sampo hörte sein kleines Rentier scharren, und sogleich wusste er, was zu tun war: anschirren, den Schlitten anspannen, hinaufgesprungen, und los ging die sausende Fahrt über Schnee und Eis, bergauf und bergab zum Rásttigáisá hin. Der Mond schien, die Sterne funkelten und Sampo sang vor sich hin:

«Immer weiter ohne Ruh,
Wölfe heulen immerzu ...»

Ja, die Wölfe schlichen in der Dunkelheit um den Schlitten herum, aber kein Wolf war so schnell wie das leichtfüssige Rentier. Da geschah es, dass der Schlitten umkippte und der Junge in eine Schneewehe stürzte. Das Rentier bemerkte nichts und lief weiter in die dunkle Nacht hinein. Als Sampo sich aufgerappelt hatte, bemerkte er, dass er am Fusse eines hohen Berges stand. Hier also war der Rásttigáisá, hier wohnte der Bergkönig. Da wollte er doch hin – und schon stapfte er tapfer durch den Schnee. Plötzlich tauchte neben ihm ein Schatten auf: Es war ein grosser struppiger Wolf. ‹Nur keine Angst zeigen›, dachte Sampo. Da begann der Wolf auch schon zu sprechen: «Wer bist du winziger Knirps, und was tust du mitten im Schnee?»
«Ich bin Sampo, und ich bin auf dem Weg zum Bergkönig. Und wer bist du?»
«Ich bin der Leitwolf des Bergkönigs. Ich habe sein Volk zum grossen Sonnenfest zusammengerufen und bin auf dem Heimweg. Wenn du willst, setz dich auf meinen Rücken, ich trage dich.»
Sampo stieg auf, und fort ging es in wildem Lauf. Der Wolf erzählte, dass heute kein Wesen einem anderen etwas zuleide tun dürfe.
«Gilt das auch für dich und den Bergkönig?», erkundigte sich Sampo.
«Gewiss», sagte der Wolf. «Eine Stunde vor Sonnenaufgang und eine Stunde nach Sonnenuntergang bist du sicher – aber dann ist es um dich geschehen, Sampo Lappenkind!»
So kamen die beiden auf den hohen Berg; und richtig – ganz oben thronte der Bergkönig, auf dem Haupt eine Mütze aus Schneeflocken. Augen wie der Vollmond hatte er, die Nase wie ein Berggrat, den Mund wie eine tiefe Schlucht. Lange Eiszapfen waren sein Bart über dem Schneemantel, und die Hände glichen Tannenwurzeln. Sampo erschauerte, er glitt vom Rücken des Wolfes und versteckte sich hinter einem Felsblock. Rings um den Bergkönig sassen Tausende von Trollen und Zwergen. Sie waren aus allen Ecken und Enden gekommen, um die Sonne zu begrüssen. Und es waren alle Tiere versammelt, die es in Lappland gab, vom grossen Eisbär bis zur kleinen Rentierfliege. Der Bergkönig erhob sich, und die Nordlichter flammten um ihn auf. Seine Stimme klang wie dumpfes Donnergrollen: «So soll es sein, so soll es bleiben: ewiger Winter, ewige Nacht!» Da kreischten die Trolle auf, und die Ratten und Raubtiere stimmten ihnen zu, denn es gibt ja Geschöpfe, die das Licht scheuen, weil sie lieber in der Nacht ihr Unwesen treiben. «So soll es sein, so soll es bleiben!», heulten sie. «Die Sonne ist tot!» Unter den anderen Tieren breitete sich Murmeln und Murren aus: «Wir sind doch hierher gekommen, um die Sonne zu verehren!»
«Die Sonne ist tot», brüllte der Bergkönig. «Ich beherrsche die ganze Welt mit ewigem Eis und ewiger Nacht!»
Da hielt es Sampo nicht mehr aus in seinem Versteck. Er erhob sich und rief mit heller Stimme: «Du lügst, Bergkönig, du lügst ganz unverschämt! Gestern habe ich die ersten Sonnenstrahlen gesehen. Die Sonne kommt wieder!» Da verdüsterte sich das frostige Gesicht des Bergkönigs, er vergass das Gesetz und erhob seinen gewaltigen Arm, um Sampo zu zerschmettern. In diesem Augenblick verblassten die Nordlichter. Ein roter Streifen leuchtete am Horizont auf und schien dem Bergkönig in die Augen. Geblendet liess er den Arm sinken.
Und langsam erglänzte der goldene Rand der Sonne am Himmel, erleuchtete die Schneewüsten und Eisberge, die Trolle und Tiere und den tapferen kleinen Sampo. Auf dem Schnee lag ein Schimmer wie von unzähligen Rosen, und die Sonne schien in die Gesichter und tief in alle Herzen. Und alle, alle waren glücklich, die Sonne wiederzusehen. Lachen und Jubel erscholl überall, und des Bergkönigs Bart begann zu schmelzen. Doch rasch war eine Stunde vorüber. Sampo sah, wie die ersten Rentiere fortliefen, und er bemerkte die gierigen Blicke der Bären und Wölfe. Neben sich sah er ein Rentier mit goldenem Geweih, und blitzschnell sprang er dem Tier auf den Rücken, fort ging es den steilen Abhang hinab. Ist Sampo dem Bergkönig, den Bären und den Wölfen entkommen? Dessen könnt ihr sicher sein, so sicher wie der hellen Sonne, die wiederkehrt nach dem kältesten Winter, nach der längsten Nacht. Aus Sampo ist ein tüchtiger Rentierhirte geworden. Viele, viele Male noch hat er lange dunkle Winter erlebt, doch kein Wolf, keine Nacht und keine Lüge können ihn schrecken!

Ein Märchen aus Lappland, nach Zacharias Topelius, aus: Wintermärchen aus aller Welt ​​​​​

 


Das Geschenk für den Vater

Ein Mann wollte einmal in die weit entfernte Stadt fahren. Da fragte er seinen Vater: «Was für ein Geschenk soll ich Euch mitbringen, Väterchen?»
«Mein lieber Sohn», antwortete der Vater, «bringe mir was übrig bleibt vom Essen und die Brotkrümel als Geschenk.» Der Sohn ging mit seinen Gefährten auf die Reise und sie nahmen reichlich zu essen mit, denn es war Winter und der Weg lang. Unterwegs aber packte er alle Reste und Brotkrümel in einen Stoffbeutel. Seine Weggefährten lachten ihn aus: «Du sammelst die Reste von unserem Essen, warum tust du das?» «Ich sammle sie als Geschenk für meinen Vater, er hat mir dies aufgetragen», gab er zur Antwort. Auf der Rückreise kamen sie durch eine Gegend, die einsam und verlassen war. Ein Schneesturm kam auf, und die Männer mussten sich in einer Hütte verstecken. Ihre Vorräte aber waren aufgebraucht und sie hungerten und froren. Da fiel dem Mann der Beutel ein, und sie nahmen ihn und assen drei Tage davon, bis der Schneesturm sich legte und sie ihren Weg fortsetzen konnten. Als der Sohn nach Hause kam, fragte ihn der Vater: «Nun, mein Sohn, hast du mir das versprochene Geschenk mitgebracht?»
«Nein, Väterchen», sprach der Sohn, «ich habe wohl alle Reste gesammelt und die Brotkrümel in den Stoffsack getan. Doch unterwegs gerieten wir in einen Schneesturm und nur das Geschenk für dich hat uns am Leben erhalten.»
«Nun, das macht nichts», sprach der Vater, «denn mein Geschenk hatte ich mir eigens dafür gewünscht, dass es euch helfen möge, wenn ihr in Not geratet.» Und Vater und Sohn umarmten sich.

Märchen aus der Ukraine, © Mutabor Verlag, aus: Wintermärchen aus aller Welt

 

Die zwei Wiesenmäuse 

Vor langer Zeit lebten einmal zwei Mäuse auf einer Wiese. Die eine war sehr fleissig. Von früh bis spät sammelte sie Vorräte für den Winter. Sie grub Wurzeln aus, trug die Samen von Gräsern in ihre Höhle, holte Knollen und Früchte und füllte damit eine Vorratshöhle nach der anderen. Besorgt schaute sie jeden Tag zur Sonne hinauf und dachte: ‹Noch ist Sommer, aber bald kommt der Herbst.› Und als der Herbst kam, dachte sie: ‹Noch ist Herbst, aber bald kommt der kalte Winter.› Sie sammelte noch fleissiger, gönnte sich keine Ruhe, bis alle Vorratskammern gefüllt waren. Die andere Maus aber war faul. Sie stand erst auf, wenn die Sonne schon hoch am Himmel stand. Wenn sie aber erst einmal auf der Wiese stand, hatte sie Lust zu tanzen. Sie tanzte und sang und führte ein gutes Leben. Wenn die faule Maus an der fleissigen vorüber kam, rief sie ihr zu: «Komm, tanz und sing mit mir!» Doch die fleissige Wiesenmaus rief: «Ich habe keine Zeit! Ich muss Vorräte sammeln.» Die warmen Tage vergingen und es wurde kalt. Jetzt fing auch die faule Maus an, Vorräte zu sammeln, doch sie fand nur noch ein paar wenige Körner und Nüsse. Als es zu schneien begann, sass die fleissige Maus in ihrer Höhle. Wenn sie Hunger hatte, ging sie zu einer ihrer Vorratskammern und naschte von ihren Vorräten. Doch schon bald wurde ihr langweilig. ‹Wenn doch nur jemand zu Besuch kommen würde›, dachte sie, ‹dann könnten wir zusammen plaudern.› Zur gleichen Zeit hatte die andere Maus alle Vorräte aufgefressen. Sie sass da, hungerte und fror und wurde immer schwächer. Mit letzter Kraft ging sie zur Höhle der anderen Maus und sprach: «Bitte hilf mir. Ich bin so hungrig. Wenn ich nicht bald etwas zu essen bekomme, muss ich sterben.»
«Was ist denn mit deinen Vorräten?», fragte die andere Maus. «Hättest du so fleis-sig gesammelt wie ich, müsstest du jetzt nicht hungern!» «Du hast ja recht!», rief die faule Maus. «Doch im Sommer, da machte es so viel Freude zu tanzen und zu singen und ich habe vergessen, für den Winter zu sammeln.» Die fleissige Maus hatte keine Lust, ihre mühsam gesammelten Vorräte zu teilen und schickte die hungrige Maus fort. Kaum aber war diese gegangen, da sass sie wieder allein in ihrer Höhle und langweilte sich. Schnell sprang sie auf, hüpfte zur Höhle der anderen Maus und rief: «Komm! Ich teile mit dir meine Vorräte, aber du musst den ganzen Winter mit mir tanzen, singen und plaudern!» Und so sassen bald beide in der Höhle und assen Samen und Knollen und wenn sie satt waren, begann die eine Maus zu singen und zu tanzen und bald tanzte auch die andere Maus mit. Wenn du mir nicht glaubst, so geh hin und schau nach!

Märchen aus Nordamerika, Lakota, Fassung Djamila Jaenike, aus:  Kindermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag, 

 

 


Wie Sommer- und Winter entstanden

Lang, lang ist es her, da herrschte grausame Kälte auf unserer Erde. Eine dicke Schneedecke lag auf dem Land. Alle Meere waren zugefroren. Es gab keine Sonne, und die Welt war in Dunkelheit gehüllt. Damals schliefen alle Tiere gemeinsam in einem grossen Jarange aus Walhaut. Gleich am Eingang brannte ein Feuer, in dessen Nähe der Fuchs schlief. Darum hat er noch heute ein braunes Fell. Endlich erwachte der Eisfuchs aus seinem Schlaf. Er rieb sich die Augen und rief: «Aufstehen! Hört einmal, mir hat geträumt, die Sonne sei zu uns gekommen. Sie will, dass es bei uns warm wird.» Da wachten augenblicklich alle Tiere auf.
«Und wann kommt die Sonne?», fragte das Ren.
«Das weiss ich nicht», sagte der Fuchs.
«Mir schien, der alte Eisbär hält sie im Himmel versteckt. Doch ich habe einen Plan. Wir müssen ein Loch in den Himmel machen und die Sonne befreien!»
​​​​​​Die Tiere berieten sich. Am Ende beschlossen sie, die Sonne auf die Erde zu holen. Aber sie konnten sich nicht einigen, wie das geschehen sollte. Da machte der Rabe Kurkyl einen klugen Vorschlag. «Hört, Brüder und Schwestern», sagte er. «Ich, der Rabe Kurkyl, werde ein Loch in den Himmel picken. Durch dieses Loch schlüpfen wir dann alle in den Himmel.»
Gesagt, getan.
Die Tiere machten sich auf und stiegen auf den höchsten Berg, der fast bis zum Himmel reichte. Der Rabe Kurkyl flog von hier zum Himmel und begann dort emsig ein Loch in den Himmel zu picken. Der Himmel war aber gefroren und so hart, dass der Rabe mit aller Kraft picken musste. Immer wieder wetzte er den Schnabel. Endlich war er fertig. Es war ein grosses Loch, das er gepickte hatte. Sogar der Wal kam hindurch. Als alle Tiere im Himmel waren, gingen sie die Sonne suchen. Es war nicht schwer, sie zu finden, denn sie strahlte gerade herrlich warm. Schon von Weitem sahen sie den Feuerball.
«Wie seid ihr in den Himmel gekommen?», fragte die Sonne.
«Ich habe mit meinem Schnabel ein Loch in den Himmel gepickt», sagte der Rabe Kurkyl. «Wir möchten, dass du auf unsere Erde scheinst und die Kälte und die Dunkelheit vertreibst.»
«Das wird nicht einfach sein», seufzte die Sonne. «Ich werde von einem alten Eisbären bewacht. Er ist gerade auf der Jagd. Wenn er aber zurückkommt und euch hier bei mir sieht, ist der Teufel los, das sage ich euch.»
«Nur keine Angst», lachte der Rabe. «Ehe der Eisbär kommt, sind wir schon auf und davon. Sollte er früher kommen, halte ich ihn auf. Und nun geht alle zu dem Himmelsloch! Ich warte hier auf ihn.»
Und die Tiere nahmen die Sonne in ihre Mitte und führten sie zu dem Loch. Es dauerte nicht lange, und der Eisbär kam. Er schleppte eine Beute mit. Als er den Raben erblickte, fragte er: «Was willst du hier?»
«Ich bin hierher geflogen, um dich zu warnen. Die Tiere wollen die Sonne stehlen.»
«Schnickschnack», brummte der Eisbär und kratzte sich mit der Tatze. «Wie wollen sie denn in den Himmel kommen, der ist doch gefroren und hart? Ausserdem würden sie die Sonne nicht finden. Nicht einmal ich kann im Augenblick sagen, wo sie steckt. Trotzdem ist es freundlich von dir, dass du mich gewarnt hast. Schau, was für eine gute Beute ich gemacht habe! Ein schöner Schafbock, nicht wahr? Wenn du schon einmal hier bist, dann halte mit! Ich lade dich zum Essen ein.»
Und die beiden machten sich heisshungrig über den Schafbock her. Als sie sich sattgegessen hatten, tranken sie Tee. Als sie mit dem Tee fertig waren, wurde der Eisbär plötzlich stutzig. «Wie bist du eigentlich in den Himmel gekommen?», fragte er.
«Ganz einfach», sagte der Rabe Kurkyl. «Ich habe ein Loch in den Himmel gepickt.»
«Ist das nicht gefährlich? Da könnten ja auch die Tiere in den Himmel hinein um die Sonne stehlen?»
«Schon möglich», lachte der Rabe, «doch ich habe dich ja gewarnt.»
Der dumme Eisbär erschrak und rief: «Schnell, führe mich zu dem Loch!»
Der Rabe Kurkyl führte den Eisbären zu dem Loch. Als sie ankamen, sahen sie gerade noch, wie die Sonne fröhlich auf die Erde sprang. Der Eisbär war überaus wütend, als die Sonne verschwunden war.
Kälte und Finsternis herrschten jetzt im Himmel. Der weisse Geselle wurde griesgrämig. Eines Tages beschloss er, zu der Sonne auf die Erde hinabzusteigen.
«Ich bin gekommen, um mir die Sonne zu holen», sagte er zu den Tieren.
«Wir geben sie dir nicht», sagte der Fuchs. Er zitterte vor Schreck.
«Ohne Sonne herrschten wieder Finsternis und Kälte auf der Erde.»
«Dafür ist es jetzt im Himmel dunkel und kalt», brummte der Eisbär.
Die Tiere berieten sich, wurden sich aber nicht einig. Da meldete sich der Rabe Kurkyl zu Wort. «Wir alle, Brüder und Schwestern, brauchen die Sonne, auch der Eisbär. Ich schlage vor, dass die Sonne den Sommer über bei uns bleibt. Die zweite Hälfte des Jahres soll sie im Himmel sein. Dann ist sowieso Winter, und viele Tiere halten den Winterschlaf. So ist es gerecht.»
Und so taten sie auch. Seit dieser Zeit dauert im fernen Osten der Tageinen ganzen Sommer und die Nacht einen ganzen Winter lang. Der Eisbär überlegte nicht lange und zog zu den anderen Tieren auf die Erde hinab. Im Winter, wenn die Sonne im Himmel war, hielt er seinen Winterschlaf. Da brauchte er die Sonne nicht. Im Sommer war die Sonne auf der Erde. Und da lief er ihr immer hinterher.

Märchen aus Sibirien, aus: Wintermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag , Bild: Cristina Roters

 

 

Die Befreiung der Sonne

Als der Winter kam, verschluckte der Rabe Welwimtilyn die Sonne und legte sich hin. Da brach grosse Kälte und Dunkelheit über die Menschen, und die Schneestürme zogen weiss, wild und frostig über das Land. Die Kälte und die Stürme aber hörten nicht auf, weil der Rabe die Sonne verschluckt hatte. 
Eines Tages sprach Ememkut zu seiner Tochter Klükenewyt: «Geh zum Raben und sag ihm, er soll die Sonne freilassen.»
Klükenewyt setzte sich auf den Schlitten und fuhr zur Hütte des Raben. Die Frau Welwimtilyns sah sie kommen und sie sagte zum Raben: «Steh auf! Da kommt jemand zu dir.»
Doch der Rabe sagte nur: «M-m-m!»
Unverrichteter Dinge zog Klükenewyt nach Hause. Der Himmel blieb dunkel. Es stürmte immer mehr. Als sie nach Hause kam, fragte Ememkut: «Wo ist der Rabe? Hat er die Sonne freigelassen?»
«Nein», sprach Klükenewyt, «er wollte nicht mitkommen. ‹M-m-m›, hat er nur gesagt.»
Da rief der Alte nach seiner zweiten Tochter, Inianawyt.
«Kämme dich und geh zum Raben. Sag ihm, er soll die Sonne freilassen.»
Die schöne Inianawyt kämmte sich, zog ihre schönsten Kleider an, setzte sich auf den Schlitten und kam zum Raben Welwimtilyn. Die Frau sah sie kommen. Sie rief den Raben: «Rabe, steh auf! Man will dich holen.»
«M-m-m!», murmelte der Rabe nur.
Doch die Frau führte das Mädchen hinein und als der Rabe die schöne Inianawyt sah, lachte er vor Freude.
«Ah, hahaha!», und beim Lachen schlüpfte die Sonne dem Raben aus dem Mund und sie stieg hinaus an den Himmel. Der Himmel wurde klar, der Schneesturm hörte auf und der Winter hatte ein Ende.

Märchen der Korjaken aus Russland, © Mutabor Verlag, aus: Wintermärchen aus aller Welt ​​​​​

 

 


Der Schnee und das Schneeglöckchen

Als der Schöpfer alle Dinge erschuf, gab er ihnen auch die Farben. Die Sonne erhielt ein leuch­tendes Gelb, der Himmel ein kühles Blau, die Erde hatte alle Brauntöne gewählt und die Blumen durften von allen Farben ein wenig nehmen. Ganz zuletzt blieb nur noch der Schnee und der Schöpfer sagte zu ihm: «Du darfst dir die Farbe aussuchen. So einer wie du, der in jeden Winkel kommt, wird ja wohl etwas finden.» Der Schnee war ein wenig eitel und wollte schöne bunte Kleider haben. Also ging er zum Gras und bat: «Bitte, gib mir ein wenig von deiner schönen grünen Farbe!» Das Gras aber wollte nichts hergeben und sprach nicht mit ihm. Da ging der Schnee zur Rose und bat sie um ein Stückchen von ihrem roten Kleid. Doch auch sie wollte nicht teilen und das Veilchen und die Sonnenblume lachten gar über ihn. Schliesslich setzte er sich traurig auf die Wiese am Waldrand und entdeckte dort ein kleines weisses Blümchen und bat: «Bitte, liebe Blume, gib mir doch ein wenig von deinem weissen Mäntelchen.» Da erbarmte sich das Blümchen und sprach: «Wenn dir mein Mäntelchen gefällt, darfst du gerne davon nehmen.» Der Schnee nahm dankbar ein Stück vom weissen Blütenmäntelchen und seither ist er weiss. Dem Blümchen gab er den Namen Schneeblume und ihm allein fügt er keinen Schaden zu. Im nächsten Frühling weckte die Sonne mit ihren warmen Strahlen das schlafende Blümchen. Es drängte sich durch die kalte Erde und streckte seine Blütenköpfchen aus dem Schnee heraus, und der Frühling, der seine ersten Schritte über das Land zog, freute sich so sehr, dass er dem Blümchen den Namen Frühlingsglöckchen gab. Das wollte der Schnee nun nicht gelten lassen: «Im Schnee des Winters ist es gewachsen, hat sein Mäntelchen mit mir geteilt, so soll es auch meinen Namen tragen.» Doch schliesslich einigten sie sich, dass jeder ihm die Hälfte des Namens geben durfte, und seither heisst es «Schneeglöckchen». Es wächst früh im Jahr und läutet den nahenden Frühling ein.

Märchen aus Deutschland,  © Mutabor Verlag, aus: Blumenmärchen aus aller Welt,  

 

Der Zwerg am Berg

Vor langer, langer Zeit, lebte in einem Dorf eine arme Witwe, die ganz allein für ihre hungrigen Kinder aufkommen musste. Einmal, es war kurz bevor der Schnee kam, nahm sie einen grossen Sack und ging in den Wald, um Tannenzapfen zu sammeln, als sie von einem heftigen Gewitter überrascht wurde. Dunkle Wolken zogen auf, der Wind blies immer heftiger und erste Schneeflocken fielen vom Himmel. Bald war die Frau ganz durchfroren und weiss vor Schnee und Kälte. Sie stapfte zu einem Felsen hin und suchte Unterschlupf in einer Höhle. Doch wie staunte sie, als sie sah, dass in der Höhle ein Feuer brannte. Ein kleines Männlein sass dort, wärmte sich und sprach: «Seid gegrüsst, gute Frau! Ist es nicht ein schreckliches Wetter heute?» Die Frau grüsste ebenfalls und antwortete: «Was macht schon das nasse Wetter! Der Schnee vertreibt die Feldmäuse und schützt unsere Wintersaat, und die Zapfen, die werde ich zu Hause trocknen.»
«Kommt näher und wärmt euch. Findet ihr denn auch, dass der Winter eine schlimme Zeit ist?»
«Aber nein! Ich finde den Winter schön und die Kinder lieben weisse Weihnachten. Jetzt muss ich aber nach Hause.»
Die Frau stand auf und wollte den schweren nassen Sack heben, da sprach das Männlein: «Ich werde euch helfen, der Sack ist gar schwer.» Es schulterte den Sack und ging der Frau hinterher bis zum Dorf. Vor der Tür zu ihrem Haus sprach es: «Hört, gute Frau, geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Mit diesen Worten verschwand das Männlein. Die Frau aber tat wie ihr geheissen und welch Wunder: Im Sack waren lauter Goldtaler!
Von da an ging es der Familie gut. Sie konnten sich warme Sachen kaufen, mussten nicht mehr Hunger leiden und hatten genug, um an Weihnachten Geschenke an die Armen zu verteilen. Nun wohnte aber neben der Familie eine Frau, die wunderte sich sehr über den plötzlichen Geldsegen. Sie ging hin und fragte und fragte, und als sie alles wusste, nahm sie einen riesigen Sack und zog zu den Felsen hoch. Sie sammelte ein paar Zapfen, schaute zum Himmel hinauf und tatsächlich fielen ein paar Schneeflocken. Schnell ging sie auf die Höhle zu und sah dort schon das Männlein am Feuer sitzen.
«Seid gegrüsst!», rief das Männlein. «Schlimmes Wetter heute.»
«Ja, ihr habt recht», sagte die Frau. «Der Winter ist eine schlechte Zeit. Man friert, die Welt sieht aus wie ein Friedhof und das Leben ist eine Plage! Doch jetzt muss ich nach Hause!»
Sie hob den Sack und schon sprang das Männlein auf, schulterte den Sack und trug ihn durch den Schnee bis zu ihrem Haus. Dann sprach es: «Hört gut zu: Geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Die Frau eilte ins Haus, verschloss Türen und Fenster und öffnete den Sack, doch was kam heraus? Lauter Ameisen! Und die zwickten und zwackten sie, dass sie wahrhaft etwas zu schimpfen hatte. Das Männlein aber hat man seit diesem Tag nicht mehr gesehen.

Märchen aus der Schweiz, Fassung Djamila Jaenike,  aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag

 

Die Taube mit dem goldenen Stühlchen

Zwischen dem Thüringer Wald und dem Harzgebirge lehnte an einem Hügelhang der Hof eines gottesfürchtigen Bauern. Als nun wieder einmal das runde Jahr  in die zwölf Nächte mündete, schlich sich der Jungbauer, so wie er dies von seinem verstorbenen Vater gesehen hatte, heimlich hinaus auf den Acker und machte die Runde durch seinen Garten. Er schüttelte den Apfelbaum, er rüttelte den Birnbaum und sprach dazu den alten Spruch, den sein Ahne schon sprach:

«Bäumchen wach auf, Frau Holle kommt!»

Da vernahm er ein Rauschen im Gezweig und ein Schauer rieselte herab durch den ganzen Baum, vom Wipfel bis zur Wurzel. Und es wehte im Winde heran wie Flügelschlag, und Frau Holle erschien im Federkleid einer weissen Taube. Sie schwebte über die verschlossenen Knospen der Krone, kreiste dann um den ganzen alten Garten und breitete ihre singenden Schwingen weit über das wellige Ackerland aus. Und wo sie flog, da senkte sich ein Segen nieder auf das Gefilde, sank in die schlummernden Wurzeln und Knollen unter schneebedeckten Schollen, auf dass sie wieder fruchtbar würden und Keime lockten im kommenden Jahr. Der Bauer gewahrte auch ein goldenes Stühlchen an ihrem Fuss. Darauf setzte die Taube sich nieder, wenn sie die weite Reise ermüdet hatte. Und wo sie Rast hielt, da sind dann im nächsten Frühjahr die schönsten Blumen und Stauden gewachsen, als wäre dort ein umhegter Garten.So wusste denn jener Bauer: In dieser Stunde hat Frau Holle wieder Umzug gehalten und hat die alte Erde gesegnet mit Strunk und Staude, mit Strauch und Baum.

Sage aus Deutschland, Thüringen, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag  Rezept für einen Holle-Königskuchen:

 

Die Ehre

Vor langer Zeit lebte in einem Gebirgsdorf ein alter Mann mit seiner ganzen Sippe. Glücklich und zufrieden wohnte diese grosse, einträchtige Familie in ihrem Haus. Gemeinsam mühten sich alle auf dem Feld, gemeinsam setzten sie sich zu Tisch, gemeinsam teilten sie Leid und Freud. Einmal stand der alte Mann ganz früh am Morgen auf und ging auf den Hof, um die Pferde zu füttern. Da sah er, dass über Nacht der Winter gekommen war. Ringsum war alles weiss, der Hof war tief verschneit und zum Tor lief eine frische Spur durch den Schnee. Das wunderte den Alten, denn die ganze Sippe war daheim, sie hatten keine Gäste gehabt, die Söhne, die Schwiegertöchter und die Enkel waren alle im Haus. Er beschloss festzustellen, wohin die rätselhafte Spur führte. Der Alte trat durch das Tor und verfolgte die Spur. Sie lief durch das ganze Dorf, dann aufs Feld hinaus und hörte auch dort nicht auf. In der Mitte des Feldes stand ein einzelner Rosenbusch. Hier brach die Spur ab. Der alte Mann blieb vor dem Rosenbusch stehen und rief: «Du, der du heute Morgen mein Haus verlassen und dich in diesem Busch versteckt hast, sei so gut und antworte mir!»
«Ich, dein Glück, habe beschlossen, dein Haus zu verlassen. Ich möchte mich jetzt in dem Haus dort drüben niederlassen. Aber da du mich nun einmal eingeholt hast, will ich dir einen Wunsch erfüllen. Sag, was ist dir am liebsten: Vieh, Land oder prächtige Kleider?»
«Ich bitte dich um Folgendes», antwortete der Alte, «warte, bis ich mich mit den Meinen beraten habe, ich bin bald wieder da.»
«Gut», antwortete das Glück, «ich will solange warten, halte dich aber nicht allzu lange auf.» Der Alte eilte nach Hause und erzählte, dass das Glück von ihnen gegangen sei, dass er es jedoch eingeholt habe und vor welche Wahl es ihn gestellt habe. Nun begannen alle zu beraten. «Du solltest um viel Land bitten, dann bringen wir gute Ernte ein und brauchen uns keine Sorgen zu machen», sagte die Frau. «Vielleicht sollten wir lieber um gute Pferde bitten», sagte der älteste Sohn. «Es wäre doch gar nicht übel, wenn wir schöne und prächtige Kleider bekämen», sagten die Töchter des Alten. Die Geschwister begannen zu streiten, denn jeder wollte beweisen, dass sein Wunsch der vernünftigste sei. Da meldete sich die jüngste Schwiegertochter, deren Stimme man bisher noch kaum vernommen hatte: «Wenn möglich, so bittet doch um Ehre!»
«Du hast recht, Töchterchen!», sprach der Alte erfreut.
«Wieso bin ich alte Frau nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen!», rief die Alte.
Nun erklärten alle, dass die jüngste Schwiegertochter recht habe. Der alte Mann eilte aufs Feld zurück und trat zum Rosenbusch. «Ihr habt euch aber lange beraten!», meinte das Glück.
«Sag, wofür hat sich deine Familie entschieden?»
«Wenn du gehst, so nimm alles», antwortete der Alte, «doch lass uns unsere Ehre.»
«Da werde ich dein Haus nicht verlassen können», sprach das Glück, «denn wo Ehre ist, da ist auch das Glück.» So kehrte das Glück in das Haus des alten Mannes zurück und so lebt die Familie bis heute glücklich und zufrieden.

Märchen der Karatschaien, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt© Mutabor Verlag. Bild: Cristina Roters


Das Kätzchen auf Dovre

Es war einmal ein Mann in Finnmarken, der hatte einen grossen weissen Bären gefangen, den wollte er dem König von Dänemark bringen.Nun traf es sich so, dass er gerade am Weihnachtsabend zum Dovrefjell kam, und da ging er in ein Haus, wo ein Mann namens Halvor wohnte, und den bat er um Nachtquartier für sich und seinen Bären.«Ach, Gott steh mir bei!», sagte der Mann. «Wie sollte ich wohl jemandem Nachtquartier geben können? Am Weihnachtsabend kommen hier immer so viele Trolle her, dass ich mit den Meinen ausziehen muss und selber nicht einmal ein Dach über dem Kopf habe.»
«Oh, ihr könnt mich deswegen doch beherbergen», sagte der Mann, «denn mein Bär kann hier hinter dem Ofen liegen, und ich lege mich in den Bettverschlag.»Halvor hatte nichts dagegen, zog aber selbst mit seinen Leuten aus, nachdem er zuvor gehörig für die Trolle hatte auftischen lassen: Die Tische waren besetzt mit Reisbrei, Stockfisch, Wurst und was sonst zu einem herrlichen Gastschmaus gehört. Bald darauf kamen die Trolle; einige waren gross, andere klein, einige hatten lange Schwänze, andere waren ohne Schwanz, und einige hatten ungeheuer lange Nasen, und alle assen und tranken und waren guter Dinge. Da erblickte einer von den jungen Trollen den Bären, der hinter dem Ofen lag, steckte ein Stückchen Wurst an die Gabel und hielt es dem Bären vor die Nase. «Kätzchen, magst du auch Wurst?», sagte er. Da fuhr der Bär auf, fing fürchterlich an zu brummen und jagte sie alle, gross und klein, aus dem Hause. Im Jahr darauf war Halvor eines Nachmittags so gegen Weihnachten im Walde und schlug Holz für das Fest; denn er erwartete wieder die Trolle. Da hörte er es plötzlich im Wald rufen: «Halvor! Halvor!» «Ja!», sagte Halvor. «Hast du noch die grosse Katze?», rief es. «Ja», sagte Halvor, «jetzt hat sie sieben Junge bekommen, und die sind noch viel grösser und böser als sie.»
«Dann kommen wir niemals wieder zu dir!», rief der Troll im Walde. Und von der Zeit an haben die Trolle nie wieder den Weihnachtsbrei bei Halvor auf Dovre gegessen.

Märchen aus Norwegen, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt.  © Mutabor Verlag. Bild: Cristina Roters

 

Frau Holle und der Blinde

Es lebte einmal ein blinder Buchbinder, der jeden Tag von seinem Hund auf dem Weg begleitet wurde. Einmal, am Nachmittag des Heiligen Abends, war er wieder auf dem Heimweg. Der Weg war lang, es stürmte und war bitter kalt. Die Bäume ächzten im Sturm, als sie ein Stück durch den Wald gingen. Dem Blinden schien der Weg heute besonders lang, er fürchtete sogar, dass sein Hund sich verlaufen hatte. Mitten im Wald aber blieb sein Hund auf einmal stehen und begann mit menschlicher Stimme zu sprechen: «Ich habe dich ein ganzes Jahr lang auf deinem Weg geführt. Jetzt aber ist die Zeit zwischen Weihnacht und Dreikönigstag und Mensch und Tier können miteinander sprechen. Heute Nacht kommt Frau Holle in diesen Wald und ich bitte dich: Gib mir eine Stunde, damit ich mit den anderen Tieren sprechen kann.» Der Blinde war sehr erstaunt über diese Worte, doch als der Hund sich zu seinen Füssen hinlegte, setzte auch er sich auf den Boden und lehnte sich an den Stamm einer Birke. Gemeinsam warteten sie nun und die Zeit verging dem Blinden viel zu langsam. Er fror und begann an zu murren. «Gedulde dich», sagte der Hund, «es sind noch nicht alle da und wir müssen warten.» Kurz darauf erhob sich der Hund plötzlich und der Mann hob den Kopf, um mit seinen Ohren zu erahnen, in welche Richtung der Hund gegangen war, da war ihm auf einmal, als könne er seinen treuen Begleiter wie einen Schatten sehen. Verwundert kniff er seine Augen zusammen und als er sie wieder öffnete, geschah das Wunder der Hollennacht: Er sah auf einmal den Mond am Sturmhimmel leuchten und um den Mond herum eine Schar heller Wesen, die wie Nebel tanzten. Staunend schaute er in den Himmel, als er sah, wie ein grosses Licht vom Himmel herabschwebte, immer tiefer und tiefer, bis es auf einer Lichtung im Wald zur Ruhe kam. Der Mann, der so viele Jahre im Dunkel seiner blinden Augen verbracht hatte, sah auf einmal tausenderlei Tiere, die alle gekommen waren, um Frau Holle zu begrüssen. Er sah helle Wesen, die um Frau Holle herumtanzten und er erkannte sogar einige Menschen, die so, wie jetzt er, das Unsichtbare sehen konnten. Ergriffen erhob er sich, ging mit sicherem Schritt auf das Licht zu, in dem er die Gestalt der Frau Holle erblickte und voller Freude rief er: «Ich bin sehend und kann das Licht erkennen, Frau Holle!» Da kam die helle Gestalt der Frau Holle auf ihn zu und fragte: «Warst du blind, armer Mann?»
«Ja», rief der Buchbinder, «ja, ich war blind, doch jetzt kann dich erkennen, es ist ein Wunder!»
«Freue dich nicht zu früh, denn es ist nur in der Nacht der Zwölften, dass du zu sehen vermagst», sprach Frau Holle.
«Ich bin aber so glücklich, dass ich sehen kann», rief der Mann laut. Er schaute sich um und sah die vielen Lichter, den Glanz des Schnees, das Leuchten der tanzenden Wesen, die Tiere, die in vollkommenem Frieden auf der Lichtung sassen und er seufzte verzückt: «Kann ich nicht für immer wieder sehend werden?»
«Du musst wählen», antwortete Frau Holle traurig. «Du kannst für immer sehend werden und das ganze Jahr Freud und Leid mit offenen Augen erkennen, oder du kannst blind bleiben, dafür aber in der Nacht der Zwölften das Himmlische erblicken.»
«Da weiss ich genau, was ich wähle», rief der Mann aufgeregt, «ich möchte das ganze Jahr sehend sein und so offene Augen haben wie jetzt in der Hollennacht.»Als die Tiere seine Worte hörten, seufzten sie, doch Frau Holle strich dem Mann mit ihren weissen Händen über die Augen und sagte: «So wirst du von nun an sehend sein für die Welt der Menschen, doch blind für die unsere.» In diesem Moment wurde es dunkel auf der Lichtung. Die Bäume ächzten weiter im Sturm, der Mann sah, wie sich ihre Wipfel beugten, doch das herrliche Licht, Frau Holle und die wunderbaren Gestalten, konnte er nicht mehr sehen. Der Hund, sein treuer Begleiter, kam an seine Seite und führte ihn sicher durch den dunklen Wald nach Hause. Von nun an sah der Buchbinder Freud und Leid in seiner Welt, erkannte die Armut und Krankheit mit offenen Augen. Doch das wunderbare Licht, das er in jener Nacht bei Frau Holle gesehen hatte, durfte er niemals wieder erblicken, und seine Sehnsucht danach liess ihn still und einsam werden, denn wer das Himmlische gesehen hat, wird es niemals wieder vergessen.

Märchen aus Deutschland, Fassung Djamila Jaenike, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt , © Mutabor Verlag. Bild: Cristina Roters