Wintermärchen und Wintergeschichten zum Lesen und Vorlesen | Märchenstiftung | Mutabor Verlag

Wintermärchen

Die Wintermärchen erzählen von der Kälte und der Begegnung mit den Wintergestalten, wie den Trollen, Frau Holle und Vater Frost. Sie berichten aber auch davon, wie sich Menschen gegenseitig helfen können, Mitgefühl zeigen und wunderbare Geschenke machen. In diesem Sinne erzählen sie auch von Weihnachten, von Nächstenliebe in einer Zeit, die dunkel und kalt ist. Die Sammlung von Märchen wird aktuell jede Woche erweitert.

Der Schnee und das Schneeglöckchen
Der Zwerg am Berg
Die Taube mit dem goldenen Stühlchen
• Die Ehre
Frau Holle und der Blinde
• Das Kätzchen auf Dovre

 


Der Schnee und das Schneeglöckchen

Als der Schöpfer alle Dinge erschuf, gab er ihnen auch die Farben. Die Sonne erhielt ein leuch­tendes Gelb, der Himmel ein kühles Blau, die Erde hatte alle Brauntöne gewählt und die Blumen durften von allen Farben ein wenig nehmen. Ganz zuletzt blieb nur noch der Schnee und der Schöpfer sagte zu ihm: «Du darfst dir die Farbe aussuchen. So einer wie du, der in jeden Winkel kommt, wird ja wohl etwas finden.» Der Schnee war ein wenig eitel und wollte schöne bunte Kleider haben. Also ging er zum Gras und bat: «Bitte, gib mir ein wenig von deiner schönen grünen Farbe!» Das Gras aber wollte nichts hergeben und sprach nicht mit ihm. Da ging der Schnee zur Rose und bat sie um ein Stückchen von ihrem roten Kleid. Doch auch sie wollte nicht teilen und das Veilchen und die Sonnenblume lachten gar über ihn. Schliesslich setzte er sich traurig auf die Wiese am Waldrand und entdeckte dort ein kleines weisses Blümchen und bat: «Bitte, liebe Blume, gib mir doch ein wenig von deinem weissen Mäntelchen.» Da erbarmte sich das Blümchen und sprach: «Wenn dir mein Mäntelchen gefällt, darfst du gerne davon nehmen.» Der Schnee nahm dankbar ein Stück vom weissen Blütenmäntelchen und seither ist er weiss. Dem Blümchen gab er den Namen Schneeblume und ihm allein fügt er keinen Schaden zu. Im nächsten Frühling weckte die Sonne mit ihren warmen Strahlen das schlafende Blümchen. Es drängte sich durch die kalte Erde und streckte seine Blütenköpfchen aus dem Schnee heraus, und der Frühling, der seine ersten Schritte über das Land zog, freute sich so sehr, dass er dem Blümchen den Namen Frühlingsglöckchen gab. Das wollte der Schnee nun nicht gelten lassen: «Im Schnee des Winters ist es gewachsen, hat sein Mäntelchen mit mir geteilt, so soll es auch meinen Namen tragen.» Doch schliesslich einigten sie sich, dass jeder ihm die Hälfte des Namens geben durfte, und seither heisst es «Schneeglöckchen». Es wächst früh im Jahr und läutet den nahenden Frühling ein.

Märchen aus Deutschland,  © Blumenmärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag

 

Der Zwerg am Berg

Vor langer, langer Zeit, lebte in einem Dorf eine arme Witwe, die ganz allein für ihre hungrigen Kinder aufkommen musste. Einmal, es war kurz bevor der Schnee kam, nahm sie einen grossen Sack und ging in den Wald, um Tannenzapfen zu sammeln, als sie von einem heftigen Gewitter überrascht wurde. Dunkle Wolken zogen auf, der Wind blies immer heftiger und erste Schneeflocken fielen vom Himmel. Bald war die Frau ganz durchfroren und weiss vor Schnee und Kälte. Sie stapfte zu einem Felsen hin und suchte Unterschlupf in einer Höhle. Doch wie staunte sie, als sie sah, dass in der Höhle ein Feuer brannte. Ein kleines Männlein sass dort, wärmte sich und sprach: «Seid gegrüsst, gute Frau! Ist es nicht ein schreckliches Wetter heute?» Die Frau grüsste ebenfalls und antwortete: «Was macht schon das nasse Wetter! Der Schnee vertreibt die Feldmäuse und schützt unsere Wintersaat, und die Zapfen, die werde ich zu Hause trocknen.»
«Kommt näher und wärmt euch. Findet ihr denn auch, dass der Winter eine schlimme Zeit ist?»
«Aber nein! Ich finde den Winter schön und die Kinder lieben weisse Weihnachten. Jetzt muss ich aber nach Hause.»
Die Frau stand auf und wollte den schweren nassen Sack heben, da sprach das Männlein: «Ich werde euch helfen, der Sack ist gar schwer.» Es schulterte den Sack und ging der Frau hinterher bis zum Dorf. Vor der Tür zu ihrem Haus sprach es: «Hört, gute Frau, geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Mit diesen Worten verschwand das Männlein. Die Frau aber tat wie ihr geheissen und welch Wunder: Im Sack waren lauter Goldtaler!
Von da an ging es der Familie gut. Sie konnten sich warme Sachen kaufen, mussten nicht mehr Hunger leiden und hatten genug, um an Weihnachten Geschenke an die Armen zu verteilen. Nun wohnte aber neben der Familie eine Frau, die wunderte sich sehr über den plötzlichen Geldsegen. Sie ging hin und fragte und fragte, und als sie alles wusste, nahm sie einen riesigen Sack und zog zu den Felsen hoch. Sie sammelte ein paar Zapfen, schaute zum Himmel hinauf und tatsächlich fielen ein paar Schneeflocken. Schnell ging sie auf die Höhle zu und sah dort schon das Männlein am Feuer sitzen.
«Seid gegrüsst!», rief das Männlein. «Schlimmes Wetter heute.»
«Ja, ihr habt recht», sagte die Frau. «Der Winter ist eine schlechte Zeit. Man friert, die Welt sieht aus wie ein Friedhof und das Leben ist eine Plage! Doch jetzt muss ich nach Hause!»
Sie hob den Sack und schon sprang das Männlein auf, schulterte den Sack und trug ihn durch den Schnee bis zu ihrem Haus. Dann sprach es: «Hört gut zu: Geht ins Haus, schliesst alle Türen und Fenster und öffnet erst dann den Sack.» Die Frau eilte ins Haus, verschloss Türen und Fenster und öffnete den Sack, doch was kam heraus? Lauter Ameisen! Und die zwickten und zwackten sie, dass sie wahrhaft etwas zu schimpfen hatte. Das Männlein aber hat man seit diesem Tag nicht mehr gesehen.

Märchen aus der Schweiz, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt.

 

Die Taube mit dem goldenen Stühlchen

Zwischen dem Thüringer Wald und dem Harzgebirge lehnte an einem Hügelhang der Hof eines gottesfürchtigen Bauern. Als nun wieder einmal das runde Jahr  in die zwölf Nächte mündete, schlich sich der Jungbauer, so wie er dies von seinem verstorbenen Vater gesehen hatte, heimlich hinaus auf den Acker und machte die Runde durch seinen Garten. Er schüttelte den Apfelbaum, er rüttelte den Birnbaum und sprach dazu den alten Spruch, den sein Ahne schon sprach:

«Bäumchen wach auf,Frau Holle kommt!»

Da vernahm er ein Rauschen im Gezweig und ein Schauer rieselte herab durch den ganzen Baum, vom Wipfel bis zur Wurzel. Und es wehte im Winde heran wie Flügelschlag, und Frau Holle erschien im Federkleid einer weissen Taube. Sie schwebte über die verschlossenen Knospen der Krone, kreiste dann um den ganzen alten Garten und breitete ihre singenden Schwingen weit über das wellige Ackerland aus. Und wo sie flog, da senkte sich ein Segen nieder auf das Gefilde, sank in die schlummernden Wurzeln und Knollen unter schneebedeckten Schollen, auf dass sie wieder fruchtbar würden und Keime lockten im kommenden Jahr. Der Bauer gewahrte auch ein goldenes Stühlchen an ihrem Fuss. Darauf setzte die Taube sich nieder, wenn sie die weite Reise ermüdet hatte. Und wo sie Rast hielt, da sind dann im nächsten Frühjahr die schönsten Blumen und Stauden gewachsen, als wäre dort ein umhegter Garten.So wusste denn jener Bauer: In dieser Stunde hat Frau Holle wieder Umzug gehalten und hat die alte Erde gesegnet mit Strunk und Staude, mit Strauch und Baum.

Sage aus Deutschland, Thüringen, aus dem Buch Wintermärchen aus aller WeltRezept für einen Holle-Königskuchen:

 

 

Die Ehre

Vor langer Zeit lebte in einem Gebirgsdorf ein alter Mann mit seiner ganzen Sippe. Glücklich und zufrieden wohnte diese grosse, einträchtige Familie in ihrem Haus. Gemeinsam mühten sich alle auf dem Feld, gemeinsam setzten sie sich zu Tisch, gemeinsam teilten sie Leid und Freud. Einmal stand der alte Mann ganz früh am Morgen auf und ging auf den Hof, um die Pferde zu füttern. Da sah er, dass über Nacht der Winter gekommen war. Ringsum war alles weiss, der Hof war tief verschneit und zum Tor lief eine frische Spur durch den Schnee. Das wunderte den Alten, denn die ganze Sippe war daheim, sie hatten keine Gäste gehabt, die Söhne, die Schwiegertöchter und die Enkel waren alle im Haus. Er beschloss festzustellen, wohin die rätselhafte Spur führte. Der Alte trat durch das Tor und verfolgte die Spur. Sie lief durch das ganze Dorf, dann aufs Feld hinaus und hörte auch dort nicht auf. In der Mitte des Feldes stand ein einzelner Rosenbusch. Hier brach die Spur ab. Der alte Mann blieb vor dem Rosenbusch stehen und rief: «Du, der du heute Morgen mein Haus verlassen und dich in diesem Busch versteckt hast, sei so gut und antworte mir!»
«Ich, dein Glück, habe beschlossen, dein Haus zu verlassen. Ich möchte mich jetzt in dem Haus dort drüben niederlassen. Aber da du mich nun einmal eingeholt hast, will ich dir einen Wunsch erfüllen. Sag, was ist dir am liebsten: Vieh, Land oder prächtige Kleider?»
«Ich bitte dich um Folgendes», antwortete der Alte, «warte, bis ich mich mit den Meinen beraten habe, ich bin bald wieder da.»
«Gut», antwortete das Glück, «ich will solange warten, halte dich aber nicht allzu lange auf.» Der Alte eilte nach Hause und erzählte, dass das Glück von ihnen gegangen sei, dass er es jedoch eingeholt habe und vor welche Wahl es ihn gestellt habe. Nun begannen alle zu beraten. «Du solltest um viel Land bitten, dann bringen wir gute Ernte ein und brauchen uns keine Sorgen zu machen», sagte die Frau. «Vielleicht sollten wir lieber um gute Pferde bitten», sagte der älteste Sohn. «Es wäre doch gar nicht übel, wenn wir schöne und prächtige Kleider bekämen», sagten die Töchter des Alten. Die Geschwister begannen zu streiten, denn jeder wollte beweisen, dass sein Wunsch der vernünftigste sei. Da meldete sich die jüngste Schwiegertochter, deren Stimme man bisher noch kaum vernommen hatte: «Wenn möglich, so bittet doch um Ehre!»
«Du hast recht, Töchterchen!», sprach der Alte erfreut.
«Wieso bin ich alte Frau nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen!», rief die Alte.
Nun erklärten alle, dass die jüngste Schwiegertochter recht habe. Der alte Mann eilte aufs Feld zurück und trat zum Rosenbusch. «Ihr habt euch aber lange beraten!», meinte das Glück.
«Sag, wofür hat sich deine Familie entschieden?»
«Wenn du gehst, so nimm alles», antwortete der Alte, «doch lass uns unsere Ehre.»
«Da werde ich dein Haus nicht verlassen können», sprach das Glück, «denn wo Ehre ist, da ist auch das Glück.» So kehrte das Glück in das Haus des alten Mannes zurück und so lebt die Familie bis heute glücklich und zufrieden.

Märchen der Karatschaien, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt.  Bild: Cristina Roters

 


Das Kätzchen auf Dovre

Es war einmal ein Mann in Finnmarken, der hatte einen grossen weissen Bären gefangen, den wollte er dem König von Dänemark bringen.Nun traf es sich so, dass er gerade am Weihnachtsabend zum Dovrefjell kam, und da ging er in ein Haus, wo ein Mann namens Halvor wohnte, und den bat er um Nachtquartier für sich und seinen Bären.«Ach, Gott steh mir bei!», sagte der Mann. «Wie sollte ich wohl jemandem Nachtquartier geben können? Am Weihnachtsabend kommen hier immer so viele Trolle her, dass ich mit den Meinen ausziehen muss und selber nicht einmal ein Dach über dem Kopf habe.»
«Oh, ihr könnt mich deswegen doch beherbergen», sagte der Mann, «denn mein Bär kann hier hinter dem Ofen liegen, und ich lege mich in den Bettverschlag.»Halvor hatte nichts dagegen, zog aber selbst mit seinen Leuten aus, nachdem er zuvor gehörig für die Trolle hatte auftischen lassen: Die Tische waren besetzt mit Reisbrei, Stockfisch, Wurst und was sonst zu einem herrlichen Gastschmaus gehört. Bald darauf kamen die Trolle; einige waren gross, andere klein, einige hatten lange Schwänze, andere waren ohne Schwanz, und einige hatten ungeheuer lange Nasen, und alle assen und tranken und waren guter Dinge. Da erblickte einer von den jungen Trollen den Bären, der hinter dem Ofen lag, steckte ein Stückchen Wurst an die Gabel und hielt es dem Bären vor die Nase. «Kätzchen, magst du auch Wurst?», sagte er. Da fuhr der Bär auf, fing fürchterlich an zu brummen und jagte sie alle, gross und klein, aus dem Hause. Im Jahr darauf war Halvor eines Nachmittags so gegen Weihnachten im Walde und schlug Holz für das Fest; denn er erwartete wieder die Trolle. Da hörte er es plötzlich im Wald rufen: «Halvor! Halvor!» «Ja!», sagte Halvor. «Hast du noch die grosse Katze?», rief es. «Ja», sagte Halvor, «jetzt hat sie sieben Junge bekommen, und die sind noch viel grösser und böser als sie.»
«Dann kommen wir niemals wieder zu dir!», rief der Troll im Walde. Und von der Zeit an haben die Trolle nie wieder den Weihnachtsbrei bei Halvor auf Dovre gegessen.

Märchen aus Norwegen, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt.  Bild: Cristina Roters

 

Frau Holle und der Blinde

Es lebte einmal ein blinder Buchbinder, der jeden Tag von seinem Hund auf dem Weg begleitet wurde. Einmal, am Nachmittag des Heiligen Abends, war er wieder auf dem Heimweg. Der Weg war lang, es stürmte und war bitter kalt. Die Bäume ächzten im Sturm, als sie ein Stück durch den Wald gingen. Dem Blinden schien der Weg heute besonders lang, er fürchtete sogar, dass sein Hund sich verlaufen hatte. Mitten im Wald aber blieb sein Hund auf einmal stehen und begann mit menschlicher Stimme zu sprechen: «Ich habe dich ein ganzes Jahr lang auf deinem Weg geführt. Jetzt aber ist die Zeit zwischen Weihnacht und Dreikönigstag und Mensch und Tier können miteinander sprechen. Heute Nacht kommt Frau Holle in diesen Wald und ich bitte dich: Gib mir eine Stunde, damit ich mit den anderen Tieren sprechen kann.» Der Blinde war sehr erstaunt über diese Worte, doch als der Hund sich zu seinen Füssen hinlegte, setzte auch er sich auf den Boden und lehnte sich an den Stamm einer Birke. Gemeinsam warteten sie nun und die Zeit verging dem Blinden viel zu langsam. Er fror und begann an zu murren. «Gedulde dich», sagte der Hund, «es sind noch nicht alle da und wir müssen warten.» Kurz darauf erhob sich der Hund plötzlich und der Mann hob den Kopf, um mit seinen Ohren zu erahnen, in welche Richtung der Hund gegangen war, da war ihm auf einmal, als könne er seinen treuen Begleiter wie einen Schatten sehen. Verwundert kniff er seine Augen zusammen und als er sie wieder öffnete, geschah das Wunder der Hollennacht: Er sah auf einmal den Mond am Sturmhimmel leuchten und um den Mond herum eine Schar heller Wesen, die wie Nebel tanzten. Staunend schaute er in den Himmel, als er sah, wie ein grosses Licht vom Himmel herabschwebte, immer tiefer und tiefer, bis es auf einer Lichtung im Wald zur Ruhe kam. Der Mann, der so viele Jahre im Dunkel seiner blinden Augen verbracht hatte, sah auf einmal tausenderlei Tiere, die alle gekommen waren, um Frau Holle zu begrüssen. Er sah helle Wesen, die um Frau Holle herumtanzten und er erkannte sogar einige Menschen, die so, wie jetzt er, das Unsichtbare sehen konnten. Ergriffen erhob er sich, ging mit sicherem Schritt auf das Licht zu, in dem er die Gestalt der Frau Holle erblickte und voller Freude rief er: «Ich bin sehend und kann das Licht erkennen, Frau Holle!» Da kam die helle Gestalt der Frau Holle auf ihn zu und fragte: «Warst du blind, armer Mann?»
«Ja», rief der Buchbinder, «ja, ich war blind, doch jetzt kann dich erkennen, es ist ein Wunder!»
«Freue dich nicht zu früh, denn es ist nur in der Nacht der Zwölften, dass du zu sehen vermagst», sprach Frau Holle.
«Ich bin aber so glücklich, dass ich sehen kann», rief der Mann laut. Er schaute sich um und sah die vielen Lichter, den Glanz des Schnees, das Leuchten der tanzenden Wesen, die Tiere, die in vollkommenem Frieden auf der Lichtung sassen und er seufzte verzückt: «Kann ich nicht für immer wieder sehend werden?»
«Du musst wählen», antwortete Frau Holle traurig. «Du kannst für immer sehend werden und das ganze Jahr Freud und Leid mit offenen Augen erkennen, oder du kannst blind bleiben, dafür aber in der Nacht der Zwölften das Himmlische erblicken.»
«Da weiss ich genau, was ich wähle», rief der Mann aufgeregt, «ich möchte das ganze Jahr sehend sein und so offene Augen haben wie jetzt in der Hollennacht.»Als die Tiere seine Worte hörten, seufzten sie, doch Frau Holle strich dem Mann mit ihren weissen Händen über die Augen und sagte: «So wirst du von nun an sehend sein für die Welt der Menschen, doch blind für die unsere.» In diesem Moment wurde es dunkel auf der Lichtung. Die Bäume ächzten weiter im Sturm, der Mann sah, wie sich ihre Wipfel beugten, doch das herrliche Licht, Frau Holle und die wunderbaren Gestalten, konnte er nicht mehr sehen. Der Hund, sein treuer Begleiter, kam an seine Seite und führte ihn sicher durch den dunklen Wald nach Hause. Von nun an sah der Buchbinder Freud und Leid in seiner Welt, erkannte die Armut und Krankheit mit offenen Augen. Doch das wunderbare Licht, das er in jener Nacht bei Frau Holle gesehen hatte, durfte er niemals wieder erblicken, und seine Sehnsucht danach liess ihn still und einsam werden, denn wer das Himmlische gesehen hat, wird es niemals wieder vergessen.

Märchen aus Deutschland, aus dem Buch Wintermärchen aus aller Welt.  Bild: Cristina Roters