Das Geschenk für den Vater * - Novelle

Das Geschenk für den Vater *

Land: Ukraine
Region:
Kategorie: Novelle

Ein Mann wollte einmal in die weit entfernte Stadt fahren. Da fragte er seinen Vater: «Was für ein Geschenk soll ich Euch mitbringen, Väterchen?»
«Mein lieber Sohn», antwortete der Vater, «bringe mir was übrig bleibt vom Essen und die Brotkrümel als Geschenk.»
Der Sohn ging mit seinen Gefährten auf die Reise und sie nahmen reichlich zu essen mit, denn es war Winter und der Weg lang. Unterwegs aber packte er alle Reste und Brotkrümel in einen Stoffbeutel. Seine Weggefährten lachten ihn aus: «Du sammelst die Reste von unserem Essen, warum tust du das?»
«Ich sammle sie als Geschenk für meinen Vater, er hat mir dies aufgetragen», gab er zur Antwort.
Auf der Rückreise kamen sie durch eine Gegend, die einsam und verlassen war.
Ein Schneesturm kam auf und die Männer mussten sich in einer Hütte verstecken. Ihre Vorräte aber waren aufgebraucht und sie hungerten und froren. Da fiel dem Mann der Beutel ein und sie nahmen ihn und assen drei Tage davon, bist der Schneesturm sich legte und sie ihren Weg fortsetzen konnten.
Als der Sohn nach Hause kam, fragte ihn der Vater: «Nun, mein Sohn, hast du mir das versprochene Geschenk mitgebracht?»
«Nein, Väterchen», sprach der Sohn, «ich habe wohl alle Reste gesammelt und die Brotkrümel in den Stoffsack getan. Doch unterwegs gerieten wir in einen Schneesturm und nur das Geschenk für dich hat uns am Leben erhalten.»
«Nun, das macht nichts», sprach der Vater, «denn mein Geschenk hatte ich mir eigens dafür gewünscht, dass es euch helfen möge, wenn ihr in Not geratet.»
Und Vater und Sohn umarmten sich.

Märchen aus der Ukraine, aus: Wintermärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag

The gift for the father

Once a man wanted to go to the distant city. So he asked his father, "What gift shall I bring you, father?"
“My dear son,” replied the father, "bring me what is left over from the meal, and the breadcrumbs as a gift."
The son went on his journey with his companions and they took plenty of food with them, because it was winter and the way was long. On the way, however, he packed all the leftovers and breadcrumbs in a cloth bag. His companions laughed at him, "You collect the leftovers from our food, why do you do that?"
"I collect them as a gift for my father, he told me to do so," he replied.
On the way back, they passed through an area that was lonely and deserted.
A snowstorm came up and the men had to hide in a hut. Their supplies, however, were exhausted and they were starving and freezing. Then the man remembered the bag and they took it and ate from it for three days until the snowstorm subsided and they could continue their way.
When the son came home, the father asked him, "Well, my son, did you bring me the gift you promised?"
"No, father," said the son, "I have gathered all the leftovers and put the breadcrumbs in the cloth sack. But on the way we got caught in a snowstorm and only the gift for you kept us alive."
"Well, that doesn't matter," said the father, "because I had wished for my gift specifically so that it might help you when you were in need."
And father and son embraced.

Fairy Tale from Ukraine,  © translated by S.Fuss/L. Jaenike, based on Djamila Jaenike, Wintermärchen aus aller Welt © Mutabor Verlag

Die Ukraine ist der zweitgrösste Staat Europas und gehörte ursprünglich zum mittelalterlichen Kiewer Reich, bevor sie durch die Mongolen überfallen und später durch das russische Zarenreich eingenommen wurde. Nach dem gescheiterten Unabhängigkeitsversuch 1917, erlangte die Ukraine ihre Unabhängigkeit erst 1991 durch den Zerfall der Sowjetunion. Die Politik war jedoch seit jeher stark unter russischem Druck und führte zu Korruption, Verfolgung und Gewalt bis zur Annexion der Krim durch Russland 2014 und den kriegerischen Auseinandersetzungen in den Ostgebieten. Seit der Invasion durch Russland im Februar 2022 befindet sich die gesamte Ukraine im Krieg. Seither sind nach UNO-Angaben mehrere Millionen Menschen auf der Flucht.