Vom Vöglein, das die Wahrheit erzählt - Zaubermärchen, Graubünden, D. Jecklin

Vom Vöglein, das die Wahrheit erzählt

Graubünden, D. Jecklin
Kategorie: Zaubermärchen / ATNr: Keine spezifische Typisierung vorhanden.

Erwacht an einem schönen Morgen ein reicher Müller ob dem Stillstehen des grossen Mühlrades. Der brave Mann eilt hinab in den Mühlraum, um nach der Ursache der Störung zu sehen. Da findet er auf dem grossen Rade eine schön gezimmerte Kiste und in derselben drei wunderhübsche Kindlein, zwei Knaben und ein Mädchen. Dieselben trugen goldenes Haar und ein gülden Sternlein auf der heitern Stirne. Der Müller rief seine Frau herbei, die bei dem seltenen Anblicke die Hände vor Verwunderung über dem den Kopf zusammenschlug, und da die beiden Leutchen ohne Kinder waren, beschlossen sie, die fremden als Ihre eigenen zu pflegen und zu erziehen. So verging manches Jahr des Friedens, und die Kleinen wuchsen fröhlich und kräftig heran zur grossen Freude der guten Pflegeeltern.

Als aber die Knaben ins zwanzigste Jahr kamen, da glaubte der Müller ihnen die volle Wahrheit sagen zu müssen, und er erzählte ihnen, wie er sie gefunden und dass sie nicht ihre, der Müllersleute, eigene Kinder seien. Die Geschwister verlangten aber zu wissen, von wannen sie kämen und wer ihnen Vater und Mutter sei, und sie bedrängten mit ihren Fragen den gutmütigen Alten gar sehr, der ihnen endlich sagte, sie sollten die Burg aufsuchen, wo das Vöglein sei, das die Wahrheit erzähle; dort würden sie die gewünschte Auskunft erlangen. Und als der frühe Morgen kam, ritt der jüngere der beiden Knaben, ungeachtet aller Bitten und Tränen der Pflegeeltern, auf des Müllers stattlichem Rappen von dannen. Als aber Wochen und Monate vergingen, ohne dass eine Nachricht kam, da weinten die Mühlenbewohner gar heisse Tränen, und es zog an einem frühen Herbstmorgen, von den besten Segenswünschen begleitet, auf einem stolzen Braunen reitend, der ältere Bruder aus, um den Verlornen und das wunderbare Vöglein aufzusuchen. Es verging der Herbst, es kam der Winter, und wieder wurde es Frühling, aber von den Fernen kam keine Nachricht in die stille Bergmühle. Nun hielt sich das zur Jungfrau emporgeblühte Schwesterlein, welches sich die schönen Augen um die verschollenen Brüder schier ausgeweint hatte, nicht länger, und sie bat um das schneeweisse Pferd des Müllers, um das Brüderpaar aufzusuchen. Vergebens flehte der alternde Müller, vergebens rang die gute Müllerin die Hände, um den Liebling zu­rückzuhalten; eines Morgens war die treue Schwester in die Ferne geritten.

Der Weg führte sie über Wiesen und Felder, und als sie durch einen langen, finstern Wald trabte, kam ihr von ungefähr ein altes Weib entgegen und sagte zur Jungfrau, es wisse wohl, wen sie suche; auch ihre Brüder seien des gleichen Weges gegangen, um das Vöglein zu suchen, das die Wahrheit spreche und welches zu finden sei in einem funkelnden Schlosse auf dem steilen Hügel neben dem Bergsee. Allein die Brüder und mit ihnen auf Tausende und abermals Tausende von Rittern und Edelfräulein seien niemals zurückgekehrt, weil sie der Warnungen nicht geachtet. »Schöne Jungfrau,« schloss die Alte, »wollt Ihr glücklich das Werk vollbringen und die Retterin der Verzauberten im Bergschloss werden, so geht Euren Weg und schaut Euch nicht um, was auch hinter Euch gerufen werden mag, wendet Ihr nach rückwärts Euer Antlitz, so werdet Ihr in einen Stein verwandelt.« Die Jungfrau dankte und ritt weiter. Es ging nicht gar lange, so kam sie an den Fuss eines steilen Berges, wo sie Ihr Pferd zurücklassen musste. Mutig stieg sie den stotzigen Pfad hinan, vor ihr auf stolzer Höhe das prächtige Zauberschloss. Da erhob sich hinter ihr ein Donner wie die Brandung des Meeres, und es wurde ihr Name gerufen von unzähligen schmeichelnden und drohenden Stimmen. Aber die Mutige schaute nicht zurück und stieg fürbass weiter, bis sie an das Schlosstor gelangte, wo ein entsetzlicher Riese mit mächtiger Tanne in der Hand ihr den Weg versperren wollte. Aber die Jungfrau schlüpfte behende durch und entkam glücklich in das Innere des Schlosses. Durch die leeren Prunkgemächer irrend, führte sie ihr gutes Geschick in einen grossen Saal, wo unzählige, reichbe­fiederte Vögel in goldenen und silbernen Käfigen im wunderlichsten und doch verständlichen Kauderwelsch ihr zuschrien, sie allein könnten die Wahrheit offenbaren. Nur in einer Ecke lag ein graues unscheinbares Vöglein in einfachem Zwinger und schwieg, die fremde Jungfrau mit seinen klugen Äugelein anschauend. An dieses wandte sich die fast Zagende, und sie erfuhr von ihm, dass es selbst allerdings der Vogel sei, der die Wahrheit offenbare und sie ihm nun zu folgen habe. Dann gingen die beiden in den Garten; auf das Geheiss des Vogels hob die Jungfrau hart am Rand eines Springbrunnens eine Rute empor, mit der sie die Steinblöcke im Garten und auf dem Berge berührte. Und siehe, kaum war das Geheissene getan, dass der Zauber wich und lebenswarme Menschen in glänzendster Hoftracht, Ritter und Damen, fröhlich die Jungfrau umstanden, in unmit­telbarer Nähe aber die beiden heissgeliebten Brüder, welche die treue Schwester schluchzend umhalsten. Und vom nächsten Baum herab sang In wunderbaren Tönen das graue Vögelein die Geschichte der Geschwister: sie seien Königskinder, aber während der Abwesenheit des Vaters habe ein böser Ohm, der nach der Herrschaft trachtete, sie ausgesetzt und dem vom Kriege zurückkehrenden König die Mähre vorgelogen, es habe die Königin selbst drei Katzen geboren, wesshalb sie im Gefängnis schmachte.

Empört ob der grauenhaften Tat des schlimmen Oheims schworen die Brüder Rache und Sühnung für die arme Mutter, und sie brachen auf von einem  glänzenden Gefolge umringt, der Königsstadt entgegen die Schwester voran, von den edelsten Jungfrauen geleitet. Und als sie vor das Königs­schloss traten, da fanden sie, auf marmornem Stuhle sitzend, den noch stattlichen, aber kummervollen Vater und neben ihm, wie eine zischende Schlange, den aalglatten Ohm. Das Erkennen war das freudigste, und am andern Tage sass der König und sein befreites Gemahl auf dem goldenen Throne, neben ihnen die wiedergefundenen Kinder und das herbeigeholte schlichte Müllerpaar, weinend vor Lust und Freude und jubelnd begrüsst vom ganzen Hofe. Die kühne Tochter aber ist eine grosse Königin geworden, die beiden Brüder, gewaltige Helden, teilten sich nach dem Tode der Eltern in das Reich und herrschten lange und glücklich. - Den Ohm erreichte das verdiente Schicksal: er starb am Tage nach dem Wiederfinde durch Henkershand.

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014, in Camplium bei Trons erzählt.