Märchen & Geschichten für Erwachsene | Märchenstiftung

Erwachsenenmärchen

Märchen sind nicht nur für Kinder! Hier finden Sie eine Auswahl der schönsten Erwachsenenmärchen zum Erzählen, Lesen und Vorlesen. Tauchen Sie ein in die Welt der Märchen und entdecken Sie neue, spannende Geschichten und Sagen.

 Das Säckchen
​​​​ Die Kuh und die alte Frau
 Der Mann mit der hässlichen Frau
 Der Blinde

Das Säckchen

Bei den Roma lebte einmal eine kluge Frau; sie wurde von ihrem Stamm hochgeschätzt. Eines Tages ging sie ins Dorf. Da wurde sie von einer verwitweten Bäuerin zu sich gerufen. «Böse Menschen haben meine Wirtschaft verzaubert. Die Kuh gibt wenig Milch, das Pferd magert ab, obwohl es genügend Hafer bekommt, und die Hühner legen schlecht. Kannst du mir helfen?» Die Roma-Frau fragte die Witwe nach diesem und jenem, ging im Hof umher, besah sich die Wirtschaft und sagte: «Ich werde dir helfen, Bäuerin. Deine Wirtschaft zu entzaubern fällt mir nicht schwer. Du musst nur alles genauso machen, wie ich es dir sage.» Da freute sich die Witwe und war bereit, alles zu tun, was sie ihr vorschlug. «Dann komme ich morgen wieder, heute aber werde ich mir etwas ausdenken», antwortete die Frau und ging fort. Am nächsten Tag kam sie zur Witwe und sagte zu ihr: «Ich habe dir ein Säckchen mitgebracht. Nun hör gut zu und merk dir meine Worte. Du musst jeden Tag ganz früh aufstehen. Und wenn du aufgestanden bist, nimm dieses Säckchen und geh damit in alle Winkel deines Gehöftes. Leg es überall, wohin du kommst, auf die feuchte Erde. Nach vierzig Tagen komme ich wieder, und dann gibst du mir meinen Lohn.» Die Witwe vertraute dem Säckchen, stand in aller Frühe auf und schlenderte durch ihr Gehöft. Sie kam in den Kuhstall und sah, dass die Magd die Kuh gemolken, sich aber die Milch in den Krug gegossen hatte und sie gerade austrinken wollte. Die Witwe fuhr sie an: «Ich werde dich fortjagen, wenn du, ohne mich zu fragen, Milch trinkst.» Und sie ging in den Pferdestall. Dort warf sie das Stroh auseinander und fand einen Sack mit Hafer versteckt. Der Knecht war nicht mehr dazu gekommen, ihn fortzuschaffen. Die Witwe schalt mit ihm und sagte: «Ich jage dich vom Hof, wenn das noch einmal passiert.» Als sie in den Hühnerstall ging, kam der Hund herausgelaufen und trug ein Ei in der Schnauze. «Der also schleppt die Eier weg, und ich dachte, die Hühner legen schlecht.» Und sie bestrafte den Hund. Die Witwe ging in den Keller, um dort das Säckchen hinzulegen. Schon lange hatte sie hier nicht mehr nach dem Rechten gesehen, und viele Vorräte im Keller waren bereits verschimmelt und ganz und gar verdorben. Sie jammerte und stieg mit dem Säckchen zum Boden hinauf; hier hatte es durchgeregnet, und das Heu war verfault. Also kümmerte sie sich um das Dach und liess den Keller aufräumen. So stand die Witwe jeden Morgen bei Tagesanbruch auf und wanderte mit dem Säckchen durch ihr Gehöft. «Das Säckchen hilft wirklich», überlegte sie sich, «es bringt mir Glück.» Doch ihre Neugier war gross, und sie beschloss, das Säckchen aufzutrennen, um nachzuschauen, was die Roma-Frau da hineingelegt hatte. Und was sah sie? Sand war in dem Säckchen, und in dem Sand lag ein Zettel, auf dem geschrieben stand: «Ein wachsames Auge der Bäuerin richtet mehr aus als beide Hände und Füsse. Das lass dir sagen von einer klugen Frau.» Verärgert warf die Witwe das Säckchen weg. Aus Gewohnheit stand sie aber immer noch jeden Morgen früh auf, sah überall nach dem Rechten und hatte alles in Hülle und Fülle. Als vierzig Tage um waren, kam die Roma-Frau zu der Witwe und fragte sie: «Na, Bäuerin, wie geht es dir? Hat dir mein Säckchen geholfen? Hat es deine Wirtschaft entzaubert?»
«Von wegen Zaubermittel! Ich dachte wirklich, ein Zaubermittel sei in ihm versteckt, aber weiter nichts als Flusssand war darin», rief die Bäuerin aus. Und sie schalt die Roma-Frau eine Betrügerin. Nicht einen Heller zahlte sie ihr und jagte sie davon. Seitdem verlangen die Roma für einen guten Rat schon im Voraus eine Bezahlung.

Märchen der Roma aus Russland © Mutabor Verlag, Zeitschrift Märchenforum Nr. 82

Die Kuh und die alte Frau

In den Zeiten, als unser Herr Jesus Christus, begleitet von den Heiligen Petrus und Johannes, seinen Rundgang um die Welt machte, kamen die drei auch in die Basse-Bretagne. Sie gingen zu allen, den Armen wie den Reichen, und taten Gutes. Sie predigten in den Kirchen, Kapellen und besonders auf öffentlichen Plätzen vor dem versammelten Volk, gaben manchen guten Rat und erinnerten daran, barmherzig und grosszügig zu sein. Eines Tages, mitten im Sommer, stiegen sie einen steilen Hügel hinauf. Die Sonne brannte heiss vom Himmel, sie hatten Durst und fanden kein Wasser. Oben auf der Anhöhe angelangt sahen sie am Wegrand ein strohgedecktes Häuschen. «Lass uns hineingehen, um nach Wasser zu fragen», sagte Sankt Peter. Sie traten ein und sahen eine kleine alte Frau auf der Ofenbank sitzen. Neben sich hatte sie ein kleines Kind, das von einer mageren Ziege gesäugt wurde. «Bitte etwas Wasser, Grossmutter», bat Sankt Peter. «Ja, gewiss, Ihr braven Leute; ich habe Wasser, gutes Wasser; aber das ist auch alles, was ich habe.» Sie nahm eine hölzerne Schöpfkelle, ging zu ihrem Krug und reichte den drei Reisenden frisches, klares Wasser. Nachdem sie getrunken hatten, traten sie näher, um das kleine Kind auf der Bank zu betrachten, das von der Ziegenmilch trank. «Dies ist doch wohl nicht Euer Kind, Grossmutter?», fragte unser Heiland. «Nein, gewiss nicht, Ihr braven Leute, und doch ist es ganz so, als ob es meines wäre. Der liebe kleine Engel gehört meiner Tochter, aber ach! Sie starb, als sie es zur Welt brachte, und so ist es in meinen Armen geblieben.»
«Und sein Vater?», fragte Sankt Peter. «Sein Vater lebt und geht alle Tage früh weg. Er arbeitet tagsüber in einer reichen Burg in der Nachbarschaft. Acht Sous verdient er am Tage und sein Essen, und das ist alles, wovon wir drei leben müssen.»
«Und wenn Ihr nun eine Kuh hättet?», fragte unser Heiland. «Oh, wenn wir eine Kuh hätten, dann wären wir glücklich! Ich würde sie am Wegrand grasen lassen, und wir könnten Milch und Butter auf dem Markt verkaufen. Aber ich werde nie eine Kuh haben.»
«Vielleicht doch, Grossmutter, so Gott will. Gebt mir doch mal Euren Stock.» Unser Heiland nahm ihn und schlug damit dreimal auf den Herdstein, indem er ich weiss nicht welche lateinischen Worte sprach. Sogleich stand da eine schöne gescheckte Kuh mit einem Euter voller Milch. «Jesus Maria!», rief die Alte, als sie das sah. «Wie ist diese Kuh hierhergekommen?»
«Durch Gottes Gnade wurde sie Euch geschenkt, Grossmutter.»
«Möge Gottes Segen auf Euch ruhen, Ihr guten Herren! Ich werde für Euch beten, morgens und abends.» Die drei Reisenden machten sich wieder auf den Weg. Als die Alte allein war, musste sie die ganze Zeit die Kuh anschauen. «Wie schön sie ist», sagte sie, «und wie viel Milch sie hat! Aber wie ist sie hierhergekommen? Wenn ich mich nicht täusche, hat einer von den drei Fremden sie aus dem Ofen herauskommen lassen, indem er mit meinem Stock darauf schlug … Den Stock habe ich ja, auch der Ofen ist immer noch da. Wenn ich doch noch so eine solche Kuh hätte! Ich will es mal versuchen.» Und so schlug sie einmal heftig mit ihrem Stock auf den Herdstein und sprach einige Worte, die sie vielleicht für Latein hielt, die aber zu keiner Sprache gehörten. Und sofort erschien ein riesiger Wolf, der die Kuh auf der Stelle tötete. Die Alte läuft ganz entsetzt aus dem Häuschen, springt den drei Reisenden hinterher und schreit: «Ihr Herren! Ihr Herren!» Diese waren noch nicht weit gegangen. Sie hörten die Alte und blieben stehen. «Was ist denn geschehen, Grossmutter?», fragte unser Heiland. «Ach, Ihr guten Herren, kaum wart Ihr fort, als ein grosser Wolf in mein Haus kam und meine schöne gescheckte Kuh tötete!»
«Ihr selbst habt den Wolf gerufen, Grossmutter. Geht nach Hause zurück, dort findet Ihr Eure Kuh lebendig und gesund. Aber seid in Zukunft klüger und begnügt Euch mit dem, was Gott gegeben hat, und versucht nicht noch einmal, etwas zu tun, was nur Gott allein kann.» Die Alte kehrte nach Hause zurück und fand ihre schöne gescheckte Kuh lebendig und gesund; und erst jetzt erkannte sie, dass der liebe Gott selber in ihrem Hause gewesen war.

Märchen aus der Bretagne © Mutabor Verlag, Zeitschrift Märchenforum Nr. 83

Der Mann mit der hässlichen Frau

Ein Mann hatte eine hässliche Frau. Die beiden lebten zufrieden miteinander, aber der Mann dachte oft bei sich: Ich hätte so gern eine schöne Frau … Eines Nachts, als er schlief, erschien ihm im Traum ein Dschinn, der zu ihm sprach: «Du hast drei Wünsche frei. Drei Mal darfst du um etwas bitten, und es wird dir gewährt werden.» Der Mann erwachte, weckte seine Frau und erzählte ihr von dem Traum. «Wenn du drei Wünsche frei hast, könntest du da nicht einen für mich tun?», bat die Frau. «Hast du denn einen Wunsch?», fragte er. «Einen grossen!», antwortete sie, denn sie hatte längst gemerkt, was ihr Mann im Geheimen dachte. «Ich wünsche mir, nicht mehr so hässlich zu sein.»
«Dann wünsche ich mir, dass du wunderschön bist», rief der Mann. Im selben Augenblick war seine Frau so schön, dass er nicht glauben konnte, sie sei noch dieselbe wie zuvor. Am nächsten Morgen ging er mit ihr durch die Stadt spazieren, damit alle sähen, wie wunderschön seine Frau geworden war. Nicht nur die Männer drehten sich nach ihr um, auch die Frauen schauten ihr bewundernd nach. Die beiden kamen am königlichen Palast vorbei. Der König stand gerade am Fenster, und als er die schöne Frau erblickte, wollte er sie für sich haben. Er sandte seine Diener auf die Strasse, sie mussten dem Mann die Frau wegnehmen und in den Palast führen. Der Mann aber ging traurig nach Hause und dachte: «Nun bin ich ganz allein. Der König wird mir meine Frau nicht zurückgeben. Ach, hätte ich sie doch nie so schön gewünscht.» Dann fiel ihm ein, dass er noch zwei Wünsche frei hatte. Sollte er sich eine andere Frau wünschen? Nein, das brachte er nicht übers Herz. Immerzu musste er an seine Frau denken, die im Königspalast war. Er dachte: «Wenn sie hässlich wäre, würde der König sie nicht haben wollen. Ich werde mir wünschen, dass sie wieder so hässlich wird wie zuvor, dann wird der König sie fortschicken.» Doch er zögerte: Vielleicht hat sich der König in sie verliebt, und wenn er sie liebt, wird sie ihm auch gefallen, wenn sie hässlich ist. «Was soll ich nur tun? – Jetzt weiss ich es: Ich werde mir wünschen, dass meine Frau im Königspalast zu einer Äffin wird. Einen Affen wird der König nicht zur Frau haben wollen.» Der Mann sprach seinen zweiten Wunsch aus und verwandelte die Frau in eine Äffin. Als der König statt der schönen Frau einen Affen erblickte, erschrak er und rief: «Zauberei! Fort mit dem Affen!» Da jagten die Diener die Äffin aus dem Königspalast. Sie lief durch die breiten Stras-sen der Stadt, und sie lief durch die schmalen Gassen bis zur Hütte des Mannes. Dort setzte sie sich hin und weinte: «Lieber Mann», jammerte sie, «kannst du mich nicht in das zurückwünschen, was ich früher war? Ich war hässlich, aber ein Mensch. Ich will deine Frau sein und kein Affe!» Der Mann dachte lange nach, so lange, wie er noch niemals nachgedacht hatte. Inzwischen hatte er gelernt, dass man mit Wünschen vorsichtig sein musste. Endlich sagte er: «Ich wünsche mir, dass du wieder meine Frau bist. Und wie du aussiehst, das ist mir gleich. Denn als du im Königspalast warst und ich dich verloren glaubte, wusste ich nicht mehr, ob du hässlich oder schön bist, sondern nur, dass du gut bist und dass ich dich liebe.» Sofort verschwand die Äffin, und seine Frau sass bei ihm und sah genauso aus wie früher. Nur freilich kam sie ihm nicht mehr hässlich vor. Und das ist bei allem so, das man mit den Augen der Liebe ansieht.

Märchen aus Marokko © Mutabor Verlag, Zeitschrift Märchenforum Nr. 81

Der Blinde

Es lebte einmal eine arme Frau, die hatte zwei Söhne, von denen war der eine sehend, der andere aber blind.  Der Sehende musste immer den Blinden herumführen und auf ihn Acht geben. Nach und nach aber wurde er dessen müde und er beschloss den Bruder loszuwerden. Einmal waren die beiden am Rand von einem grossen Wald. Da überlegte der Sehende: «Wie wär’s, wenn ich meinen Bruder in den Wald führe und dort allein lasse? Er wird sicher nie mehr herausfinden.» Sein Gewissen regte sich zwar, doch die Lust, den Bruder ein für alle Mal los zu werden, war zu gross. Er führte den Blinden tief in den Wald hinein. Dann sagte er: «Setz dich hier ein wenig und warte, ich komme gleich wieder.» Dann schlich er leise davon und überlegte auf dem Heimweg, welche Lüge er der Mutter erzählen wollte. Der Blinde sass im Wald und wartete. Er wartete und wartete, doch sein Bruder kam nicht. Es wurde dunkel und er begann zu weinen. Am Schwirren der Fledermäuse und dem Krächzen der Nachteulen merkte er, dass es Nacht geworden war. Er erhob sich, tappte vorsichtig herum, bis er einen grossen Baumstamm erfühlte. Mit den Händen tastete er nach den Ästen und kletterte hinauf, bis er oben im Baum einen Platz fand, wo er die Nacht zubringen wollte. Doch aus lauter Furcht konnte er nicht schlafen. Um Mitternacht hörte er auf einem ein Rausch und ein Flüstern und da merkte er, dass unter seinem Baum eine Zusammenkunft stattfand. Er hörte Stimmen, die einander Dinge erzählten. Eine sagte: «Ich habe heute zwei schöne Dinge getan: Erst habe ich die Tochter des Königs verzaubert, so dass sie blind geworden ist und ihr Leben in Dunkelheit verbringen muss. Dann habe ich dem reichen Herzog die sieben Marmorbrunnen im Garten versiegen lassen, so dass er ewig traurig sein wird.» Die anderen Stimmen lachten, doch eine sagte: «Und gibt es sicher kein Mittel, das dagegen helfen würde?» «Oh doch», sagte die erste Stimme wieder, «neben diesem Baum ist unter einem Stein ein Öl versteckt. Wer sich damit die Augen einreibt, wird nicht nur sehend, nein, er sieht mehr als jedes sehende Auge. Mit diesem Mittel würde man auch die sieben Kräuter finden, um die Brunnen zu entzaubern. Aber es weiss ja niemand davon, aussser uns», darauf lachten alle. Langsam wurden die Stimmen leiser und schliesslich verstummten sich ganz. Die Vögel begannen zu singen und da wusste der Junge auf dem Baum, dass der Morgen anbrach. Vorsichtig kletterte er vom Baum herunter. Er hatte sich alles gemerkt, was in der Nacht gesprochen worden war und begann nun mit den Händen nach einem grossen Stein zu tasten. Bald fand er eine Steinplatte. Er hob sie hoch und tauchte mit seinen Fingern in das Öl, das darunter versteckt war. Er rieb sich damit über die Augen und auf einmal wurde es ganz hell um ihn herum. Er blinzelte und staunte: Er sah den blauen Himmel, den dunklen Waldboden und die zitternden Lichter der Sonne, die durch die Blätter schien. Vor Freude machte er Luftsprünge und jauchzte. Er sprang hierhin und dorthin, bestaunte die Welt, bis ihm seine Mutter einfiel, die zu Hause arm und traurig sass. Und er dachte an die blinde Königstochter und den Herzog mit den sieben Marmorbrunnen.  Da füllte er ein Fläschchen mit dem Zauberöl. suchte den Weg aus dem Wald und machte sich auf zum Königsschloss.  Was gab es doch unterwegs alles zu sehen! Staunend lief er auf der Strasse bis zur Stadt. Dort kaufte er sich alte Bücher und eine Brille. Die Brille setzte er sich auf die Nase, die Bücher nahm er unter den Arm und ging mit würdevollem Schritt auf den Königspalast zu.  Die Wachen am Schlosstor dachten sogleich, er wäre ein gelehrter Arzt und liessen ihn sofort zum König bringen. Diesem schien zwar der Doktor noch ein wenig jung, doch er war so verzweifelt, dass er sprach: «Sollte es dir gelingen, meine Tochter zu heilen, so bekommst du so viel Geld, wie du willst und die Prinzessin zur Frau – wenn du ihr gefällst.» Der junge Mann nickte verständig und liess sich in das Zimmer der Königstochter führen. Da sass die junge schöne Frau in ihrer Dunkelheit und weinte. Der junge Mann schaute, obwohl er nicht lesen konnte, in seine Bücher und bat alle, das Zimmer zu verlassen. Kaum war er mit der Prinzessin allein, nahm er das Fläschchen mit dem Öl heraus und rieb ihr damit vorsichtig die Augen ein. Die junge Frau blinzelte, schaute dem hübschen Mann in die Augen und lächelte. Dann riefen sie den König und die Königin herein und alle freuten sich über die Massen, das die Königstochter nun besser sehen konnte als zuvor. Der König liess ein Festmahl ausrichten und gab die Verlobung des jungen Mannes mit seiner Tochter bekannt. Der junge Mann aber erinnerte sich an den Herzog mit den sieben Brunnen und er sagte, dass er vor der Hochzeit noch eine Reise machen müsse.Er nahm seine Bücher und seine Brille mit und machte sich zu Fuss auf den Weg zum Herzog. Er trat in dessen Garten und erkannte sogleich die sieben Kräuter, die die Brunnen wieder entzaubern konnten. Sieben Tage blieb er in dem Garten und an jedem Tag rieb er einen Brunnen mit dem Kraut ein, bis das Wasser wieder in allen Brunnen sprudelte. Der Herzog war überglücklich. Er schenkte dem jungen Mann schöne Kleider, eine Kutsche mit Pferden und jede Menge Geld. Mit der Kutsche fuhr der junge Mann nun in seine Heimat. Er fand seine Mutter elend und krank in der ärmlichen Hütte. Doch als sie den verloren geglaubten Sohn sah, wurde sie bald wieder gesund. Er musste alles erzählen und der böse Bruder bat reuig um Verzeihung für seine Tat. Dann fuhren sie zu dritt in die Stadt. Es gab eine prächtige Hochzeit mit einem Paar, das nicht nur sehend war, sondern besser sehen konnte als alle anderen Menschen auf der Welt. Gemeinsam wurden sie glücklich, denn mit ihren Augen sahen sie das Schöne und die Liebe und wollte sich etwas anderes einschleichen, so erkannten sie es sofort und konnten es richten. Als der alte König starb wurde der junge Mann König und da deckte er jeden Misstand auf, denn er erkannte besser als alle anderen, wo Gerechtigkeit herrschte und wo nicht. Noch heute bedauert es sein Volk, dass dieser König mittlerweile nicht mehr am Leben, sondern auch schon lange heimgegangen ist zu seinen Ahnen.

Märchen aus dem Trentino © Mutabor Verlag, Zeitschrift Märchenforum Nr. 84