Märchen aus Jemen | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Jemen

Die Menschen im Jemen leiden seit 2013 unter dem Bürgerkrieg und der daraus folgenden Cholera. Rund achtzig Prozent der Bevölkerung sind auf Hilfe angewiesen. Neben Gewalt und Krankheiten ist der Hunger die grösste Bedrohung, doch Hilfsgüter erreichen die Notleidenden oft nicht.

Märchen:
Der Holzsammler und die Hühnchentochter
Du da an meinem Tor
Schaman und Dschauhara

 

Der Holzsammler und die Hühnchentochter

Vor langer Zeit lebte einmal ein Holzsammler mit seiner Frau. Er sammelte Holz und verkaufte es, sie melkte die Ziegen und Schafe und verkaufte die Milch an die Nachbarn. Davon lebten sie nicht schlecht. Nur eines fehlte ihnen: Sie hatten keine Kinder. Der Mann machte seiner Frau keine Vorwürfe, er wusste doch, wie traurig sie darüber war. Die Nachbarinnen aber nutzten jede Gelegenheit, um die Frau auszulachen: «Sieh nur, du hast keine Kinder und bist neidisch auf uns!»Die Frau litt sehr unter den bösen Worten. Was sie auch tat, immer hiess es: «Das tust du nur, weil du keine Kinder hast. Allah will dich sicher strafen.» Traurig ging die Frau in ihr Haus. Sie kniete nieder und flehte zu Allah: «Bitte, gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Hühnchen ist.»Die Zeit verging, da brachte die Frau ein Hühnchen zur Welt. Sie freute sich sehr über ihre Hühnchentochter und ihr Mann freute sich mit ihr. Sie pflegte es wie ein menschliches Kind, sprach mit ihm und passte auf, wenn es mit den anderen Hühnchen hinaus auf das Feld ging. Je älter das Hühnchen wurde, umso weitere Wege ging es. Jeden Tag lief es weit hinaus zu einem Garten. Dort aber zog es sein Federkleid aus, schwamm im Wasserbecken, schlüpfte danach wieder in sein Federkleid und kehrte als Hühnchen nach Hause zurück.
Der Garten aber gehörte dem Sultan und eines Tages entdeckte ein Wächter das Mädchen beim Schwimmen. Er ging zum Sultan und erzählte alles. Dessen Sohn hörte zu und sprach: «Vater, lass mich gehen und schauen, ob der Wächter die Wahrheit erzählt». 
Am nächsten Morgen führte der Wächter den Sultanssohn in einen versteckten Winkel des Gartens. Bald sahen sie, wie das Hühnchen in den Garten kam, sein Federkleid abstreifte und bald darauf im Wasser schwamm. Nach einiger Zeit stieg es fröhlich aus dem Wasser, zog sein Federkleid an und verliess als Hühnchen den Garten. Der junge Mann aber hatte sich unsterblich in die Hühnchentochter verliebt. «Diese und keine andere will ich heiraten!», sagte er zu seinem Vater. Da schickte der Sultan Diener in das Haus des Holzhackers. Diese brachten ihre Bitte vor: «Der Sultan schickt uns. Sein Sohn will deine Tochter heiraten.»
Der Holzhacker sprach: «Wenn ich eine Tochter hätte, wäre es mir eine Ehre, doch ich habe nur ein Hühnchen als Tochter.»
«Der Sohn des Sultans will sie heiraten, auch wenn es eine Hühnchentochter ist», sagten die Gesandten. Da willigte der Holzhacker ein. Eine Brautgabe wollte er nicht. «Es ist mir eine Ehre», sprach er. 
So wurde ein grosses Fest gefeiert und der Sultanssohn nahm die Hühnchentochter zur Frau. Die Leute lachten über ihn, doch er wusste um das Geheimnis des Mädchens und lächelte nur.
Bereits am nächsten Tag aber war das Hühnchen verschwunden. Der junge Mann suchte es überall, bis ihm einfiel, dass es wohl im Garten war. Er ritt dorthin, versteckte sich wieder in dem geheimen Winkel, und tatsächlich badete das Mädchen wieder im Wasserbecken. Schnell nahm er das Federkleid und wies den Wächter an, es zu verbrennen.
Als die junge Frau aus dem Wasser stieg, suchte sie ihr Federkleid. «Mein Federkleid, wo ist mein Federkleid?», rief sie verzweifelt. Da trat der Sultanssohn hervor und sprach: «Dein Federkleid brauchst du nicht mehr, denn ich liebe dich über alles.» Da lächelte sie und die beiden umarmten sich. Nun liess der Sultanssohn schöne Kleider holen und dann brachte er die junge Frau zurück in den Palast. Wie staunten alle, als sie die Schönheit der jungen Frau sahen! Der Sultan liess ein Freudenfest feiern, zu dem auch die Eltern der Hühnchentochter eingeladen waren. Alle freuten sich, sangen, tranken und waren glücklich. Der Sultanssohn und die Hühnchentochter lebten im Glück bis an ihr Lebensende. 

 Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983, © Mutabor Märchenstiftung

 

Du da an meinem Tor

Ein Scheich hatte einmal einen schönen Sohn und vermachte ihm all seinen Reichtum und die Ehre seines Namens. Doch nicht lange nach dem Tod des Vaters verlor der Sohn das meiste der Besitztümer an falsche Freunde. Was ihm nämlich wirklich fehlte, war jemand an seiner Seite, der ihn um seiner selbst liebte. Nun lebte aber nicht weit vom Land seines Vaters entfernt ein anderer Scheich. Dieser hatte sieben Söhne und eine einzige, wunderschöne Tochter. Viele Männer wollten sie zur Frau haben, doch ihr Vater wies alle ab, es schien, als wollte er sie für immer bei sich behalten. Auch der junge Mann hörte von diesem wunderschönen Mädchen, und so wanderte er in ihr Land, um sie einmal zu sehen.  Das Mädchen ging, wie alle anderen Mädchen, jeden Abend zum Brunnen. Dort traf sie sich mit ihren Freundinnen, um zu plaudern. Doch an einem Abend stand am Brunnen ein schöner junger Mann. Die beiden schauten sich in die Augen und es war um sie geschehen. Das Mädchen wusste, dass es keinen Tag mehr ohne den jungen Mann verbringen wollte, und der junge Mann erkannte, dass das Mädchen die Liebe seines Lebens war. Aber beide wussten auch, dass der Vater des Mädchens seine Tochter nicht hergeben wollte. Schweigend schauten sie sich an, dann lächelten sie und ohne ein Wort zu sprechen, wussten sie, dass sie einen Weg finden würden, um zueinander zu kommen.
Am folgenden Tag verkleidete sich der junge Mann als Bettler, stellte sich vor das Haus des Scheichs und rief:

«Oh Mädchen, arm bin ich,
gehe von Tür zu Tür,
doch ich brenne vor Leidenschaft für dich,
öffne mir das Tor!»

Die junge Frau trat auf die Terrasse des Hauses, blickte verschmitzt hinunter und rief:

«Du da, an meinem Tor,
willst du nur reden, dann geh fort,
doch willst du mehr, komm herein,
lass dich verführen, wir wollen beisammen sein.»

Der Scheich und seine Söhne hörten, was das Mädchen sang. Was für eine Schande! «Jetzt will niemand sie mehr heiraten!», riefen sie. «Der Bettler muss sie nehmen!» Sie riefen den Bettler ins Haus und erklärten: «Nach diesen Sprüchen will kein anderer unsere Schwester mehr haben. Du musst sie nehmen!» Der Bettler war einverstanden und versprach, am nächsten Tag wiederzukommen.

Am folgenden Morgen erschien der junge Mann schön gekleidet, liess sich zum Scheich bringen und bat darum, die Tochter zu heiraten. «Das geht nun nicht mehr», rief der Scheich klagend, «ich musste sie einem Bettler versprechen.»

«Ich war dieser Bettler,», sagte der junge Mann, «und ich liebe deine Tochter über alles.» Nun trat auch das Mädchen hervor und der Scheich, erfreut über die glückliche Wendung, willigte voller Freude in die Heirat ein. Da wurde ein prächtiges Fest gefeiert, die beiden zogen in das Land des jungen Mannes und lebten noch lange in Glück und Wohlstand. Ihre Söhne, Töchter, Enkel und Urenkel aber leben noch heute.

Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach:  W. Daum, Märchen aus dem Jemen, Köln 1983, © Mutabor Märchenstiftung

 

Schaman und Dschauhara

In der Stadt Sanaa lebte einmal ein junger König. Schaman war nicht nur schön und klug, sondern auch gerecht und so nannte man sein Reich «Das glückliche Arabien». Nun sollte er heiraten, doch keine der Frauen in seinem Reich gefiel ihm. Da hörte er von einem Emir im Hedschas mit drei wunderschönen Töchtern und beschloss, den Emir zu besuchen.
Mit grossem Gefolge kam er zu Emir Mas’du und wurde mit grosser Freude begrüsst. «Du solltest nur die beste meiner drei Töchter heiraten», meinte der Emir. «Ich will meine Frau danach fragen, denn wer kennt ihre Schwächen besser als die Mutter?» Am Abend fragte er seine Frau und diese sprach: «Du hast recht. Alle drei Mädchen sind schön, doch die älteste steckt immer ihren Finger in den Mund und die zweite schläft gerne den ganzen Tag. Die Jüngste, Dschauhara, sollte Königin werden.»
So wurde die Jüngste auf ihre Reise in den Jemen vorbereitet. Ein Schleier bedeckte ihr Gesicht, viele Dienerinnen begleiteten sie und auf den Kamelen lasteten die Schätze als Brautgabe. So zog der junge König mit seiner Braut Richtung Jemen. Wie gerne hätte er ihr Gesicht gesehen! Eines Nachts, als alle in ihren Zelten schliefen, schlich der junge Mann aus seinem Zelt zu seiner Braut. Er sah sie schlafend auf ihren Decken, erkannte, wie wunderschön sie war und entdeckte einen neckischen Schönheitsfleck hinter ihrem Ohr.  Neben ihr lag eine herrliche Perlenkette. Er nahm sie in die Hand und hielt sie ins Mondlicht, um sie zu bewundern. In diesem Augenblick kam ein grosser Vogel und riss sie ihm aus der Hand. Der König sprang dem Vogel hinterher in der Hoffnung, ihn noch zu erwischen, doch schon war er an der Küste und der Vogel flog über das Meer davon. Da stand er nun, schaute verloren über das Wasser, als auf einmal Piraten auf ihn zustürmten. Sie schlugen ihn mit ihren Waffen, fesselten ihn und holten dann ihr Schiff, um ihn fortzubringen und als Sklaven zu verkaufen. Blutend und verzweifelt lag er zwischen den Felsen. Mit letzter Kraft konnte er seine Hände ein wenig befreien. Mit seinem Blut schrieb er eine Nachricht auf die Steine, dann kamen die Piraten und holten ihn.
Als Dschauhara am Morgen erwachte, suchte sie die Perlenkette. Als sie sie nicht fand, schickte sie Diener in das Zelt des Königs, doch das Zelt war leer und niemand wusste, wo der König war. Vor dem Zelt im Sand jedoch sah man Spuren. Dschauhara zog sich die Kleider des Königs an und folgte ihnen bis zur Küste. Dort sah sie das Blut am Boden und entdeckte die Nachricht ihres Bräutigams. Sie setzte sich nieder, weinte und merkte nicht, wie sich Fremde näherten. Sie hielten sie für einen jungen Mann, überfielen sie und bald lag sie gefesselt neben dem Felsen, wie zuvor der König. Kurz darauf war sie bereits auf dem Schiff ihrer Entführer. «Er ist schön, wir wollen ihn dem König von Somalia verkaufen», sagten diese und so geschah es auch. König Jalloul freute sich über den klugen jungen Mann, der sich Schaman nannte, und machte ihn zu seinem Türhüter. Niemand erkannte, dass Schaman in Wirklichkeit eine Frau war, sogar die Tochter König Jallouls, die hübsche Leila merkte es nicht, ja sie verliebte sich in den Fremden und wollte ihn zum Mann. Was sollte Dschauhara nun tun? Sie bat den König: «Das Angebot ehrt mich, doch bitte, lasst mich einmal unter vier Augen mit Leila sprechen.» Dies wurde bewilligt und so kam es, dass Dschauhara der jungen Leila ihre ganze Geschichte erzählte. Zu Tränen gerührt sprach Leila: «Bleibe als Türhüter bei uns und ich werde sehen, wie ich dir helfen kann.»
Doch was geschah mit dem echten Schaman? Er war als Sklave an einen Schweinebauern in Somalia verkauft worden und musste tagaus, tagein die Schweine hüten. Jeden Tag setzte er sich unter einen Baum in den Schatten. Da hörte er einmal, wie die Vögel im Nest über ihm lärmten. Neugierig stieg in in den Baum und fand zu seinem Erstaunen das Perlenhalsband von Dschauhara und versteckte es in seinen lumpigen Kleidern. Nun war aber die Tochter des Schweinebauern gelähmt und Schaman musste sie jeden Tag ins Dorf tragen. Einmal fiel ihm dabei das Perlenhalsband aus seiner Jacke. Das Mädchen schrie auf: «Er ist ein Dieb, ein Dieb!» und man beschloss Schaman vor den König zu bringen. 
«Wie ist dein Name?», wollte König Jalloul wissen, als der fremde Schweinehirt vor ihm stand.
«Ich heisse Schaman und komme aus dem Jemen», antwortete dieser.
«Seltsam,» sprach der König, «genauso heisst auch mein Türhüter, in den sich meine Tochter verliebt hat. Erzähl mir deine Geschichte!»
Da erzählte König Schaman alles. Von seiner Reise zu Dschauhara, dem Halsband und den Piraten. König Jalloul hörte gebannt zu. «Dann bist du der berühmte jemenitische König und bist hier als Sklave gelandet! Ich will dir alle Ehre zukommen lassen und als Geschenk gebe ich dir meinen Türhüter als Begleitung mit, denn er heisst genauso wie du.»
Als Leila hörte, was geschehen war, eilte sie zu Dschauhara und erzählte ihr alles. «Wie kann ich wissen, ob er mich immer noch liebt?», fragte Dschauhara. «Das werde ich herausfinden», versprach Leila.
König Schaman wurde ein Bad vorbereitet und dann liess Leila ihm seinen Umhang bringen, den Dschauhara getragen hatte, als sie entführt wurde. «Wie kommt mein Umhang hierher?», wollte er wissen, «er lag in meinem Zelt damals, als das Unglück geschah.» Da brachte Leila ihren Türhüter herbei und sprach: «Vielleicht kann er es dir erzählen?». Dann liess sie die beiden allein. «Würdest du Dschauhara erkennen, wenn sie vor dir steht’», fragte diese. König Schaman erkannte die junge Frau in den Männerkleidern nicht, doch er sprach: «Ich habe sie nur einmal in Mondlicht gesehen, doch ich weiss von einem Schönheitsfleck hinter ihrem Ohr.»
«So einer, wie dieser hier?», fragte Dschauhara und zeigt ihm ihr Ohr. «Du bist es!», rief er glücklich aus, nahm ihr den Turban vom Kopf und die beiden umarmten sich. «Wie bist du hierhergekommen?», fragte er. Da erzählte sie alles, dass sie sich in seine Kleider gehüllt an die Küste begeben, dort seine Zeichen am Felsen gesehen hatte und dann von Piraten verschleppt worden war. Auch er erzählte seine Geschichte. Sie sprachen lange, die ganze Nacht.
Am nächsten Morgen verbreitete sich die Geschichte im ganzen Palast. Ein Fest wurde gefeiert und einige Tage später bestiegen Schaman und Dschauhara ein Schiff, reisten zurück in den Jemen und lebten dort lange und glücklich.

Märchen aus dem Jemen, Fassung Djamila Jaenike, nach: I. Diederichs, Märchen aus dem Land der Königin von Saba, Köln 1987, © Mutabor Märchenstiftung

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