Kurdische Märchen | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

Lesen Sie den Beitrag über kurdische Märchenerzähler und den Märchensammler Bahman Bahrami in der Zeitschrift Märchenforum Nr. 93

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Kurdische Märchen

Die 25-30 Millionen Menschen mit kurdischen Wurzeln gelten heute als eines der grössten Völker ohne eigenen Nationalstaat. Denn Kurdistan gibt es offiziell nicht. Zwar gibt es immer wieder Bestrebungen, einen autonomen kurdischen Staat zu gründen, doch bis heute ist es lediglich ein nicht genau definiertes Gebiet, welches sich über Syrien, Iran, Irak und der Türkei erstreckt. In den vergangenen Jahrzehnten erlangten die Kurden besonders durch den Konflikt zwischen der Türkei und der PKK, der Arbeiterpartei Kurdistans, eine traurige Berühmtheit.

Märchen: 

Kurdische Gastfreundschaftمێوان دۆسی کوردان 
Die Liebe durch die Schmschallflöteشمشاڵ و ئەوی  
Der zehnte Sohn des Schäfers / کوڕی دەیەمی شوان  

Kurdische Gastfreundschaft

Es war einmal ein Mann, der lebte auf dem Dorf, wo jeder jeden kannte, und jeder bei jedem zum Essen willkommen war. Er war noch nie aus seinem Dorf herausgekommen, seine Freunde aber, die viel reisten sprachen: «Du musst mal in die Stadt. Dort ist es schön und es gibt Dinge, die du noch nie gesehen hast.» Endlich beschloss er, sich die Stadt anzuschauen. Der Weg war lang und als er endlich hinkam, war er hungrig. Er lief durch die Strassen, staunte über die herrlichen Häuser und Paläste. Er sah Moscheen und riesige Basare, doch ihn plagte vor allem eines: Sein Hunger. Von Zuhause hatte er ein wenig Schafsskäse mitgenommen, er brauchte nun noch ein paar Nan, Fladenbrote, um satt zu werden. Da kam er an einer Bäckerei vorbei. Er bat um fünf Fladenbrote, legte den Schafskäse darauf, und ass alles mit Genuss. Dann bat er um Wasser, wusch sich Hände und Gesicht, und verliess den Laden.
«Halt!», rief der Bäcker, «du hast noch gar nicht bezahlt!»
«Wofür sollte ich bezahlen?», fragte der Mann.
«Für die fünf Fladenbrote!», antwortete der Bäcker verärgert.
Der Mann überlegte, dann sagte er: «Jeden Tag kommen meine Freunde und essen bei mir, aber noch nie hat jemand für das Fladenbrot bezahlt. Sollte sich das ändern, dann bringe ich dir das Geld». Dann drehte er sich um und ging davon.

Kurdisches Märchen, Fassung Djamila Jaenike, nach: L.-C.Wentzel ,Kurdische Märchen 1978, © Mutabor Märchenstiftung 

 

 

Die Liebe durch die Schmschallflöte

Im Stamm der Jaff lebte einmal ein reicher Mann. Mitten in der weiten Landschaft besass er ein prächtiges Haus. Er hatte viele Töchter, jedoch keinen Sohn. So suchte er nach einem tüchtigen Hirten für seine grossen Herden. Endlich fand er einen jungen Mann und sagte zu ihm: «Schau, ich habe keinen Sohn. Wenn du willst, so kannst du bei mir bleiben und meine Tiere hüten. Du bekommst einen guten Lohn und wenn du alt genug bist, kannst du eine meiner Töchter heiraten.» Der junge Mann war einverstanden und brachte nun tagein tagaus die Herden auf den Berg zum Weiden. Oben zog er seine Hirtenflöte hervor und spielte, bis er die Tiere am Abend wieder zurückbrachte.
Einmal führte er die Tiere weit oben über dem Bach auf den Berg, als Räuber kamen, ihn fesselten und versuchten die Tiere zu stehlen.
«Bitte!», rief der Hirte, «Lasst meine Hände frei, so kann ich für euch ein wenig auf der Flöte spielen!»
«Er hat recht», meinte einer der Räuber, «weglaufen kann er nicht, soll er doch für uns spielen.» Sie lösten die Hände des Hirten, und dieser begann auf seiner Hirtenflöte zu spielen. Er hatte aber von weit oben gesehen, dass eine der Töchter seines Herrn mit dem Sieb auf dem Kopf das Haus verliess. Er kannte sie gut und liebte sie schon seit langem. Er spielte auf seiner Schmschallflöte ein Lied:

Hay tal wa sara hay bedschin wa sara
Taschaupauakay malle bawkit day la kali chayuara

Oh Du Schöne mit dem Haarreifen,
Du Trägerin des Siebes
Die Herde deines Vaters
liegt gefangen am Fluss.

Das Mädchen hörte die Flöte, erkannte den Klang ihres Liebsten und verstand sogleich die geheimen Worte. Sie rannte zurück zum Haus und rief: «Vater, Vater! Die Herde ist am Fluss, Räuber haben den Hirten gefangen!»
«Woher weisst du das?», fragte der Vater.
«Ich habe seine Flöte gehört!»
Der Vater und ihre Schwestern lachten und sagten: «Du bist verliebt und hast geträumt! Woher willst du wissen, was die Flöte erzählt? Wir konnten gar nichts hören.»
«Er rief mit seiner Flöte. Bitte geht hin und schaut nach, ob er Hilfe braucht.»
Da lenkte der Vater ein. Er nahm ein Pferd und ritt in die Nähe des Flusses. Dort sah er, wie die Räuber die Herde wegbringen wollten und der Hirte gefesselt vorausgehen musste.
Er kehrte zurück und rief verzweifelt: «Du hattest recht. Es sind viele Räuber, und sie führen die Herde und den Hirten fort. Es ist zu spät, um Hilfe zu holen. Ich allein kann nichts gegen die Räuber machen, was sollen wir bloss tun?»
«Ich weiss, was du tun kannst», sagte die Tochter. «Nimm den Hor, den grossen Getreidesack, fülle ihn mit Asche und mache ein Loch hinein. Dann reitest du zum Fluss, machst viel Lärm und schlägst immer wieder auf den Sack, so dass es aussieht wie eine grosse Staubwolke.»
Schnell nahm der Vater den grossen, gefüllten Sack, band ihn auf das Pferd und galoppierte los. Als er in die Nähe der Räuber kam, schoss er mehrfach in die Luft.  Dann schlug er auf den Sack, so dass eine riesige Staubwolke in die Luft stieg. Die Räuber hörten die Schüsse, sahen die Staubwolke und riefen: «Flieht, es sind tausend Männer, die uns verfolgen!» Sie liessen die Herde und den Hirten zurück und ritten davon.
Der Vater befreite den Hirten und gemeinsam brachten sie die Herde sicher nach Hause zurück. «Du hast unseren Reichtum und damit unsere Familie gerettet», sprach er zum jungen Mann. «Und du, meine Tochter hast sein Lied verstanden, weil du in seinem Herzen lesen kannst. So soll bald Hochzeit sein.» Es wurde Hochzeit gefeiert, und die beiden Liebenden bekamen die Herde und allen Reichtum des Vaters als Geschenk.

Fassung Djamila Jaenike, nach: B. Bahrami, Kurdische Volksmärchen aus den mündlichen Erzählungen des Jaff -Stammes, 2016. Der Text des Liedes wurde frei übersetzt.© Mutabor Märchenstiftung 

 

Der zehnte Sohn des Schäfers

Es war einmal ein Padischah. Unermesslich waren seine Reichtümer, grenzenlos seine Länder, aber er hatte keinen Thronfolger. Erst im Alter wurde ihm eine Tochter beschert. Der glückliche Vater ließ ein üppiges Gelage zu Ehren ihrer Geburt richten, dann berief er die ältesten Weisen, befahl ihnen, in ihren Zauberbüchern nachzuschlagen und ihm zu sagen, wen seine Tochter heiraten, wem er sein Reich vererben würde. Die Weisen blätterten in ihren Büchern und antworteten dem Padischah, dass seine Tochter den zehnten Sohn eines armen Schäfers zum Manne nehmen würde, der ein Muttermal auf der linken Schulter habe. Da erzürnte der Padischah und rief: „Was für eine Schmach, wenn meine einzige Tochter die Frau eines armen Mannes wird! Das lasse ich nicht zu, solange ich lebe.» Er befahl, die Weisen in einem hohen Turm einzukerkern. Er und sein Wesir verkleideten sich sodann als Derwische und brachen auf, um den Schäfersohn zu finden, der nach der Prophezeiung der Weisen der Mann seiner Tochter werden sollte, denn er wollte ihn finden und umbringen. Über kurz oder lang erreichten sie ein Dorf. Am Dorfrand stand eine alte, windschiefe Hütte, die einem armen Schäfer gehörte. Der Wesir sagte: „O Herr, bei unserer Reise sind wir immer bei den Reichen eingekehrt, lass uns diesmal bei einem Schäfer übernachten.“Der Padischah liess sich die Sache durch den Kopf gehen und stimmte zu. Die beiden ritten also wieabeschlossen zur Hütte. Der Schäfer hatte neun Söhne, einer immer kleiner als der andere. Sie hatten draußen gespielt und die beiden Reiter kommen sehen. Der älteste Sohn lief ins Haus und sagte:„Vater, zwei Derwische kommen zu uns.“ Der Schäfer trat vor die Schwelle, verneigte sich vor den beiden Reitern, half ihnen von den Pferden und begrüßte sie: „O ihr Derwische! Gäste sind Gesandte Allahs. Kommt ins Haus, ruht euch aus und nehmt einen Imbiss.“
Der Padischah und der Wesir stiegen ab und betraten die Hütte. Der Schäfer war ein armer Mann, er besaß nur ein einziges Schaf. Er schlachtete es und bereitete einen Schaschlik für die Gäste. Der Padischah aß davon und sagte: „Noch nie habe ich eine so köstliche Speise gegessen. Sag, braver Mann, wie hast du diesen Schaschlik zubereitet?“
„O Derwisch, das Einzige was wir Schäfer können, ist Schaschlik machen. Diese Kunst vererbt sich von den Großvätern auf die Väter und von den Vätern auf die Söhne. So hat auch mein Vater mir beigebracht, einen Schaschlik zuzubereiten, den selbst der Padischah essen könnte.“ Es wurde Abend. Der Schäfer bereitete seinen Gästen das Lager, und alle legten sich schlafen. Als der Padischah und der Wesir am nächsten Morgen erwachten, sagte ihnen der Schäfer, daß ihm in dieser Nacht der zehnte Sohn geboren worden sei. „Zeig uns das Knäblein“, bat der Padischah. Der Schäfer brachte den Kleinen, wickelte ihn aus und zeigte ihn den Gästen. Das Kind war gesund und schön, auf seiner Schulter sah man ein großes Muttermal. Der Schäfer erzählte den Gästen, eine alte Zauberin hätte weisgesagt, dass der Knabe einst die einzige Tochter des Padischahs heiraten würde. Da wusste der Padischah, dass es der Knabe war, von dem die Weisen gesprochen hatten, und sann, wie er ihn beseitigen könne. 
Mittlerweile hatte der Schäfer das Frühstück gerichtet und bat seine Gäste mit den Worten zu Tisch: „Glücklich das Haus, das Derwische besucht haben! Setzt euch an den Tisch, liebe Gäste.“ Der Padischah antwortete: „Guter Mann, ich werde dein Brot nicht essen, bevor du nicht meine Bitte erfüllst.“ Der Schäfer antwortete sogleich: „O Derwisch, ich habe nichts, was du brauchen könntest. Iss meine Speisen, danach wollen wir miteinander reden.“
„Nein, guter Mann, bevor du nicht versprichst, meine Bitte zu erfüllen, rühre ich keinen Bissen an.“ Der Schäfer überlegte und willigte ein. Die Gäste langten zu, und nach dem Essen sagte der Padischah: „Du hast versprochen, mir meine Bitte zu erfüllen.“
„Sprich, o Derwisch, was wünschst du?“
„Ich bin ein alter Mann und habe keine Söhne. Gib mir deinen Jüngsten. Du bist arm, bei mir aber soll er es guthaben. Ich wiege ihn dir mit Gold auf.“
„Hat man je gehört, dass einer den leiblichen Sohn einem Fremden hergibt?“
„Du hast versprochen, mir meine Bitte zu erfüllen.“
Der Schäfer ging hinaus, um sich mit seiner Frau zu beraten, und sie sagte ihm: „Da du versprochen hast, die Bitte zu erfüllen, so gib ihm den Sohn, zumal wir nicht wissen, wie wir die übrigen durchfüttern sollen. Mit dem Gold können wir alle anderen Kinder großziehen, unserem Jüngsten ist ohnehin ein glückliches Los prophezeit worden. Schau, auf seiner Schulter ist ein Muttermal, und das ist ein glückliches Zeichen. Selbst bei fremden Leuten wird es ihm nicht schlechtgehen.“ Sie legten den Kleinen auf die Schale einer Waage, auf die andere schüttete der Padischah Goldmünzen, bis beide Waagschalen im Gleichgewicht waren. Der Schäfer erhielt das Gold, der Padischah aber nahm den Knaben und ritt mit seinem Wesir davon. Nachdem sie eine Weile geritten waren, fanden sie in einem Dorf einen Schreiner und trugen ihm auf, einen Kasten zu zimmern. Der Schreiner verfertigte den Kasten, und sie ritten weiter. Über kurz oder lang erreichten sie einen Fluß. Der Padischah legte den Knaben in den Kasten und warf ihn ins Wasser.
Es vergingen viele Jahre. Einmal war der Padischah auf der Jagd. Sein Gefolge war zurückgeblieben, und er ritt allein durch den Wald. Wie er so dahinritt, kam er an einen Fluss, in dem einige Jungen badeten. Der Padischah zügelte sein Pferd, um ihnen beim Schwimmen und Tauchen zuzusehen und auf sein Gefolge zu warten. Plötzlich entdeckte er, dass ein junger Mann ein Muttermal auf der Schulter hatte. Da erinnerte sich der Padischah an jenen Jungen, dem bei der Geburt prophezeit worden war, dass er die einzige Tochter des Padischahs heiraten würde. Aber er konnte nicht glauben, dass es derselbe Junge sei, hatte er ihn doch in den Fluss geworfen. Der Padischah ritt an den jungen Mann heran und fragte ihn: „Sag einmal, wessen Sohn bist du?“
„Ich bin der Sohn des Müllers“, antwortete der Jüngling.
„Komm, zeig mir das Haus deines Vaters.“
Der junge Mann führte den Padischah zum Müller, der ihnen sogleich entgegenkam. „Salam aleikum“, grüßte der Padischah.
„Aleikum salam“, antwortete der Müller. Er kannte nicht den Padischah, weil der Padischah auf der Jagd kein kostbares Gewand trug. „Sei mein Gast, braver Mann! Gäste bringen Glück ins Haus“, ergänzte der Müller. Der Padischah stieg vom Pferd und betrat das Haus des Müllers. Nach der Bewirtung fragte er den Hausherrn: „Sage mir, hast du viele Kinder?“
„Der junge Mann, der dir den Weg zu meinem Haus gewiesen, ist mein einziger Sohn. Allah hat ihn mir vor achtzehn Jahren geschickt. Es geschah, dass meine Mühle eines Tages stillstand. Ich sah am Mühlrad nach und entdeckte einen Kasten, der in ihm steckengeblieben war, so dass es sich nicht drehen konnte. Ich zog den Kasten aus den Speichen, öffnete ihn und fand einen kleinen Jungen in ihm. Er wurde mein Sohn.“ 
Also stimmt's, dachte der Padischah und sprach: „Ich bin der Padischah dieses Landes. Ich möchte, dass dein Sohn ein Schreiben an meinen Wesir in den Palast bringt.“ Und schon schrieb der Padischah die Worte nieder: „Sobald dir dieser Jüngling mein Schreiben überreicht, lasse ihn hinrichten. Solltest du meinen Befehl nicht befolgen, lasse ich dich ins Verlies werfen.“ Der Padischah gab dem jungen Mann den Brief und sagte: „Hier hast du zehn Goldmünzen, geh in die Stadt, finde meinen Palast und überreiche dem Wesir meinen Brief. Aber zeige ihn niemandem außer meinem Wesir.“
Der junge Mann nahm den Brief und wanderte in die Stadt. Dort angekommen, erblickte er einen herrlichen Garten. In jenem Garten pflegte die einzige Tochter des Padischahs, die Schönste unter den Schönen, mit ihren Dienerinnen zu lustwandeln. Als der junge Mann zum Garten kam, spazierte die Tochter des Padischahs unter den Bäumen. Er blieb wie festgewurzelt stehen, denn noch nie hatte er ein Mädchen von solcher Schönheit gesehen. Er konnte sich nicht satt sehen an ihr. Dann fiel ihm wieder der Brief ein, und er sagte dem Mädchen, er müsse in den Palast des Padischahs gehen. Da blickte die Tochter des Padischahs dem jungen Mann ins Gesicht und erstarrte, überwältigt von seiner Schönheit.
„Was willst du im Palast des Padischahs?“ fragte sie schliesslich.
„Ich habe dem Wesir ein Schreiben zu übergeben.“
„Zeig es mir“, bat sie. Der junge Mann hatte die strenge Weisung des Padischahs nicht vergessen, aber als er erfuhr, dass er die Tochter des Padischahs vor sich hatte, händigte er ihr das Schreiben aus. Nachdem sie es gelesen hatte, überlegte sie eine Weile, bat den Jüngling, etwas zu warten, und schrieb derweil den Brief um. Der neue Inhalt aber lautete: „Wesir, führe den Jüngling, der dir diesen Brief übergibt, in den Palast, kleide ihn wie einen Mann von edlem Stande ein und vermähle ihn mit meiner Tochter. Es soll eine Hochzeit werden, wie es zuvor noch keine gab. Wenn du meinen Befehl nicht ausführst, lasse ich dich köpfen.“ Die Tochter des Padischahs übergab dem Jüngling das Schreiben und erklärte ihm, wie er zum Wesir käme. Als er im Palast nach dem Wesir fragte, ließ ihn die Wache nicht passieren: „Was willst du von dem Wesir, junger Mann?“
„Ich muss ihm ein Schreiben des Padischahs übergeben.“
„Gib das Schreiben her, wir bestellen es selbst.“
Oh nein, der Padischah hat mir strengstens aufgetragen, es nur dem Wesir zu geben.“ Der Wesir las das Schreiben und ordnete sofort die Hochzeit an. Man kleidete den zehnten Sohn des Schäfers in die kostbarsten Gewänder, und er wurde noch schöner, als er gewesen war. Sieben Tage und sieben Nächte währte die Hochzeit. Es vergingen noch einige Tage, und der Padischah kehrte zurück. „Hast du meinen Befehl ausgeführt?“ fragte er den Wesir.
„Ich habe alles getan, wie du es verlangt hast, o mein Gebieter, wir haben eine Hochzeit gefeiert, wie es sie noch niemals gab.“
„Was für eine Hochzeit?“
„Jene, die du in deinem Schreiben angeordnet hast. Den Jüngling, der das Schreiben brachte, habe ich mit deiner Tochter vermählt.“Der Padischah wurde puterrot vor Zorn, konnte ab er nichts mehr ausrichten. Er begriff, dass jemand sein Schreiben vertauscht hatte und dass der zehnte Sohn des Hirten nunmehr der Gatte seiner einzigen Tochter war. So hat sich also doch erfüllt, was di e Weisen prophezeit haben, dachte er. Was in den Sternen geschrieben steht, ist offenbar nicht zu ändern.
So entging der Jüngling dem Tod und fand sein Glück.

Kurdisches Märchen, aus: V. Gazak, Das Buch aus reinem Silber, Düsseldorf 1984, sprachlich leicht angepasst, © Mutabor Märchenstiftung 

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