Märchen aus Palästina | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus Palästina

Seit dem Teilungsplan 1947 sind Vertreibung und Flucht aus der Heimat für über 720'000 arabische PalästinenserInnen Realität. Seit damals hat sich die Situation durch den ungelösten und immer wieder ausbrechenden Nahost-Konflikt weiter verschärft. Die UNO hat bereits 1949 ein eigenes Hilfswerk für Palästina-Flüchtlinge gegründet, die UNRWA. Die aktuelle Zahl der Flüchtlinge, mit deren Schutz die UNRWA beauftragt ist, beträgt 5,4 Millionen Menschen.

Märchen:

Die drei Haare des Dämons
• Dschuha und der König
• Jbene

 

Die drei Haare des Dämons

In einem Königreich hauste einmal ein schrecklicher Dämon, ein Ghul. Er lebte in einer Höhle im Wald, nicht weit von der Stadt, in der der König lebte. Alle Menschen fürchteten den Ghul, denn er lockte Wanderer in den Wald, um sie zu verschlingen und frass die Tiere auf den Weiden.  Es wäre leicht gewesen, den Ghul zu töten, denn man musste ihm nur drei Haare ausreissen, aber niemand traute sich in die Nähe des Dämons. 
Nun hatte der König eine sehr schöne Tochter, und so liess er ausrufen: „Wer mir die drei Haare vom Ghul bringt, bekommt die Prinzessin zur Frau!“ Doch kein einziger der Prinzen und Edlen des Landes wagte sich in die Höhle des Dämons. In dem Land lebte jedoch ein junger Mann, der liebte die Prinzessin schon lange. Doch da er arm war, konnte er sie niemals heiraten. So beschloss er, sein Glück zu versuchen und den Ghul zu töten. Mutig ging er in den Wald, ohne zu wissen, ob er lebend wieder herauskam.  Es war noch hell, als er die Höhle erreichte, doch der Ghul war nicht zu Hause. Er war auf der Jagd nach Menschen. Da wagte er sich in die Höhle hinein. Dort sah er ein Mädchen in der Höhle sitzen und weinen.  Als es den jungen Mann sah, rief es: „Geh schnell fort, denn wenn der Ghul dich hier findet, wird er dich fressen! Mich frisst er nicht, weil er mich zur Frau haben will, dabei bin ich doch schon einem anderen Mann versprochen!“
„Ich bin gekommen, um den Ghul zu töten. Denn weisst du, ich möchte die Prinzessin heiraten und dafür brauche ich drei Haare vom Kopf des Ghul. Wenn man sie ausreisst, stirbt er. Vielleicht kannst du mir helfen, dann bist auch du frei?“
Das Mädchen schöpfte Mut und sagte: „Verstecke dich hier in dieser Nische, denn der Dämon kommt bald nach Hause. Ich will sehen, ob ich ihn überlisten kann.“ Kurz darauf kam der Ghul nach Hause. Er schnüffelte, knurrte vor Hunger, und rief: „Ich rieche Menschenfleisch, wo ist es?“
„Unsinn“, sagte das Mädchen. „Du hast den Geruch sicher selbst mitgebracht. Iss und ruh dich aus.“
Der Ghul ass alles, was das Mädchen ihm hingestellt hatte, legte sich dann hin und schlief ein. Das Mädchen setzte sich an sein Kopfende und wartete. Als der Ghul laut zu schnarchen begann, zupfte es ihm eines der Haare vom Kopf.
„Au! Was war das?“, rief der Ghul.
„Ich habe geträumt, dass du im Meer ertrinkst und nur dein Kopf aus dem Wasser ragte. Da habe ich dich an den Haaren herausgezogen“, antwortete das Mädchen.
„Nun gut, aber jetzt lass mich schlafen“, sagte der Ghul und schloss wieder die Augen. Das Mädchen wartete eine Weile, dann zupfte es das zweite Haar aus.
„Was war das?“, wollte der Ghul aufgebracht wissen.
„Ich habe geträumt, dass ich aus dem Boot gefallen bin, und beim Fallen habe ich nach deinen Haaren gegriffen, sonst wäre ich ertrunken. Gut, dass du mich mit deinem Schrei geweckt hast“, meinte das Mädchen.
Der Ghul glaubte ihren Worten, schlief ein und begann zu schnarchen. Da riss sie ihm das dritte Haar aus, und der Ghul starb auf der Stelle. Der junge Mann hatte alles beobachtet und sprang nun hervor. Das Mädchen gab dem jungen Mann die drei Haare, dann sammelten sie gemeinsam die Schätze des Dämons ein und machten sich auf den Rückweg. Überall wo sie hinkamen, riefen sie: „Der Ghul ist tot!“ Die Menschen jubelten und begleiteten sie in die Stadt.  Dort wartete der König bereits zusammen mit seinem Hofstaat und der hübschen Prinzessin. Der junge Mann verbeugte sich vor dem König und sprach: „Hier sind sie, die drei Haare des Ghul,“ er übergab sie dem König und zeigt ihm die Schätze, die sie mitgebracht hatten. Der König belohnte das Mädchen reichlich, der junge Mann aber bekam die Prinzessin zur Frau. Sie feierten viele Nächte. Auch wir waren dabei, sahen das Glück des jungen Hochzeitpaars, assen von ihrem Festmahl, gingen nach Hause und legen diese Geschichte in eure Hände.

Märchen aus Palästina, Fassung Djamila Jaenike, nach: I. Muhawi, S.Kanaana, Speak Bird, speak again, Palestinian Arab Folktales, Berkeley, Los Angeles, 1989, unter dem Titel „The brave lad“. Aus dem Englischen übersetzt von Anina Meile. © Mutabor Märchenstiftung 

 

 

Dschuha und der König

Dschuha ging beim König ein und aus und so kam es, dass der König ihn einmal fragte: «Dschuha, du kannst Vieles, kannst du auch eine ganze eisige Winternacht nackt draussen verbringen, ohne dich an einem Feuer zu wärmen?»
«Sicher kann ich das!», meinte Dschuha.
«Gut, wenn es dir gelingt erhältst du von mir ein königliches Geschenk.»
Voller Vorfreude auf das Geschenk verliess Dschuha den König. Noch am gleichen Tag wanderte er auf eine Bergspitze, zog seine Kleider aus und wartete frierend, dass die Nacht vorüber ging. Endlich kam der Morgen und Dschuha schlüpfte halb erfroren in seine Kleider und eilte in den Palast.
«Oh König, ich habe die letzte Nacht draussen verbracht, ohne Kleider und ohne mich an einem Feuer zu wärmen!», rief Dschuhe freudig.
«Nun, bist du sicher, dass du gar kein Feuer gesehen hast?», fragte der König.
«Nein, mein Herr. Nur in weiter Ferne sah ich ein winziges Licht.»
«Dann gilt es nicht!», rief der König, «sicher hast du dich daran gewärmt.»
«Aber es war doch viel zu weit weg …», sagte Dschuha , doch der König schickte ihn fort.
Die Sache ärgerte Dschuha sehr. Als der Sommer kam, lud er den König zu einem Essen im Garten ein.  Der König kam mit seinen Ministern und setzte sich in Dschuhas Gartenlaube.
«Ich bin beim Kochen», sagte Dschuha und verschwand hinter den Bäumen, wo er ein Feuer anzündete. Bald stieg Rauch auf und der König freute sich auf das Essen. Dschuha hängte die Töpfe über dem Feuer ganz oben in die Bäume, dann kehrte er zum König zurück.
Sie plauderten, die Mittagszeit verging und der König fragte: «Wo bleibt das Essen, Dschuha?»
«Ach, das dauert noch ein wenig», antwortete Dschuha.
Stunden vergingen, da verlor der König die Geduld und sagte: Jetzt will ich selber sehen, ob das Essen schon gar ist.» Mit seinen Ministern trat er zum Feuer und sah die Töpfe hoch oben in den Bäumen hängen. «Wie soll das Essen so gar werden, das Feuer ist viel zu weit weg?», rief der König empört.
«Ja, also ich dachte, wenn ich mich an einem Licht, das zwei Stunden entfernt war wärmen konnte in der Winternacht, dann müsste das Essen doch auch gar werden, wenn die Töpfe zwei Meter vom Feuer entfernt sind», antwortete Dschuha mit Unschuldsmiene.
Da verstand der König den Witz, lachte und sprach: «Du hast gewonnen, Dschuha! Setze die Töpfe auf das Feuer, du bekommst dein Geschenk.»
So assen bald alle einträchtig das herrliche Essen und Dschuha erhielt endlich das versprochene Geschenk!

Märchen aus Palästina, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Assaaf-Nowak, Arabische Märchen, Frankfurt A. M. 1992, © Mutabor Märchenstiftung 

Jbene

In Palästina lebten einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich so sehr ein Kind, doch die Jahre vergingen, und die Frau wurde nicht schwanger. Einmal kam ein Verkäufer an ihrem Haus vorbei. Er verkaufte Jibne, Schafskäse. Als die Frau, die schönen, runden, weissen Käselaibe sah, rief sie: «Möge Allah mir eine Tochter schenken, so weiss, wie der Jibne!» Allah erhörte ihren Wunsch. Sie wurde schwanger und gebar eine Tochter, deren Gesicht so rund und weiss war, wie der Jibne. Sie gaben ihr den Namen Jbene. Jbene wuchs als einziges Töchterchen auf und wurde mit jedem Jahr hübscher. Schon bald kamen die jungen Männer zu ihr und fragten. «Jbene, willst du mit mir Tee trinken?», oder sie sagten: «Jbene, komm, ich lade dich zum Essen ein». Die anderen Mädchen wurden eifersüchtig und sagten: «Warum mögen die Männer Jbene lieber als uns? Was hat sie, was wir nicht haben? Wir wollen ihr eine Lehre erteilen!». Sie gingen zu Jbene und sagten: «Jbene, komm mit, wir wollen Dom  sammeln gehen!» Jbene wollte gerne helfen, also ging sie mit. Der Weg war lang und endlich kamen sie zum Sidarbaum. Es war ein grosser, hoher Baum und die Mädchen sagten: «Jbene klettere ganz oben in den Wipfel und wirf uns die besten Früchte herunter!» Also kletterte Jbene in den Baum hoch und sammelte die Früchte für die Mädchen, die ihre Körbe füllten.  Als ihre Körbe voll waren, sammelten die jungen Frauen Zweige, legten sie um den Baum und zündeten ein Feuer an. Jbene sass auf dem Baum und schrie erschrocken um Hilfe. Die jungen Frauen aber lachten sie aus, gingen nach Hause und liessen die arme Jbene allein. Still weinte Jbene auf dem Baum und sie klagte: «Wie kann ich wieder nach Hause kommen zu meinen Eltern? Bitte, bitte, ich habe solche Angst, jemand muss mir helfen!» Aber niemand hörte ihr Klagen. Als das Feuer heruntergebrannt war, kletterte Jbene hinunter. Sie nahm eine Handvoll Asche, rieb sie sich ins Gesicht und auf die Haut und sagte: «Ich will nicht mehr schön sein! Schön zu sein, brachte mir so viel Unglück.» Wie Jbene unter dem Baum sass, ganz schwarz vor Russ, kam der Sohn des Emirs vorbei. Er sah Jbene unter dem Baum sitzen und dachte, sie wäre eine Dienerin.  Er fragte ärgerlich «Was sitzt du hier? Geh und hüte die Schafe und Kamele!» und er zeigte zur Weide. Was sollte Jbene tun? Sie ging auf die Weide, setzte sich zwischen die Tiere auf einen Stein und begann leise zu weinen. Dann erzählte sie den Schafen und Kamelen ihre Geschichte. Die Tiere hörten auf zu fressen. Sie lauschten der Geschichte und als sie alles gehörten hatten, wurden sie so traurig, dass sie ebenfalls begannen zu weinen. Auch der Himmel hatte der Jbenes Geschichte gelauscht und auch er musste weinen. Die Tränen fielen vom Himmel und es begann zu regnen.  Die Tropfen wuschen Jbenes Gesicht und Haut.  Der Russ floss von ihrem Körper und ihre Schönheit kam wieder hervor und leuchtete wie die Sonne.   Der Sohn des Emirs hatte alles beobachtet und Jbenes Geschichte gelauscht. Er sah, wie die Tiere aufhörten zu fressen, wie sie begannen zu weinen und sogar der Himmel weinte. Und als er jetzt Jbenes wahre Schönheit sah, ging er zu ihr, bat sie um Vergebung und sagte. «Erzähle mir deine Geschichte.» Jbene erzählte ihm alles, was ihr widerfahren war. Der Sohn des Emirs lauschte er ihren Worten und eine grosse Liebe zu ihr erwachte in ihm. Als sie zu Ende erzählt hatte, fragte er sie: «Jbene, willst du meine Frau werden?»
Was denkt ihr? Hat Jbene eingewilligt? 
Sie feierten viele Tage und erlebte wunderbare Nächte. Ich war auch bei dem Fest und bin eben davon zurückgekehrt.Der Vogel dieses Märchens ist davongeflogen, um einem nächsten Platz zu machen.

Fassung Djamila Jaenike, nach: I.Muhawi, S.Kanaana, Speak, Bird, speak again, Palestinian Arab Folktales, Berkeley, Los Angeles, 1989 und der gleichnamigen Erzählung der Englischlehrerin Ghada Matar der UNRWA School in Gaza, © Mutabor Märchenstiftung

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