Märchen aus Somalia | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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märchen aus somalia

Märchen aus Somalia

Somalia wird immer wieder von innerstaatlichen Konflikten mit bewaffneten Auseinandersetzungen erschüttert. Neben der anhaltenden Gewalt im Land ist die föderale Bundesrepublik Somalia häufig von schweren Hungersnöten betroffen. Allein zwischen 2010 und 2012 geht man von mehreren hundertausend verhungerten Menschen aus. Die Situation ist vor allem für  Frauen und Kinder prekär. Somalia zählt mit über 1,12 Millionen Flüchtlingen weltweit zu den drei Herkunftsländern mit den meisten Menschen auf der Flucht. Zusätzlich gibt es 1,13 Mio. somalische Binnenvertriebene innerhalb der Landesgrenzen.

Märchen:
Der kluge Arzt
Eigal, der fürchterliche Krieger
Eine Frau für hundert Rinder

 

Der kluge Arzt

In Bagdad lebte einmal eine Frau. Sie war so schwer und dick, dass sie kaum noch gehen konnte.  Eines Tages war sie ihren Zustand leid und die ging zu einem Arzt. Sie war sich sicher, dass dieser ihr eine Medizin gegen ihre Fettleibigkeit geben konnte. Als sie an der Reihe war, fragte er sie nach ihrem Befinden. Die Frau antwortete: "Gut, gut, aber ich bin gekommen, dass du mich untersuchst und mir eine Medizin gegen meine Fettleibigkeit gibst." Der Arzt dachte einen Augenblick nach und sagte dann: "So Gott will. Aber um zu wissen, welche Medizin dir hilft, muss ich mein Orakelbuch befragen. Komm morgen wieder." Und mit dieser Antwort machte sich die Frau auf den Weg nach Hause. Als sie am nächsten Morgen wieder beim Arzt war und nach ihrer Medizin fragte, da sagte dieser: "Ich habe mein Orakelbuch befragt. Du wirst in sieben Tagen sowieso sterben. Darum brauchst du keine Medizin mehr, weil du sowieso stirbst."
Diese Worte trafen die Frau sehr. Traurig ging sie nach Hause und dachte nach. Ob all ihrem Kummer verging ihr die Lust zu Essen und zu Trinken. Weil sie nichts mehr zu sich nahm, magerte sie ab. Als die sieben Tage um waren, starb sie nicht. Auch am achten Tag erwachte sie am Morgen. Darum ging sie noch einmal zum Arzt. "Heute ist der achte Tag und ich bin nicht gestorben."
Der Arzt sah sie an: "Ja, aber bist du denn nun dick oder dünn?"
"Dünn bin ich. Die Angst vor dem Tod liess mich abmagern."
"Genau!" antwortete der Arzt "Siehst Du, die Angst um dein Leben war deine beste Medizin."
So ging die Frau leichten Herzens und Schrittes nach Hause.

Märchen aus Somalia, Fassung Anina Meile, nach: Carl Meinhof,  Afrikanische Märchen, Jena ©Mutabot Märchenstiftung

 

Eigal, der fürchterliche Krieger

In einem kleinen Dorf in Somalia lebte ein Mann, der hiess Eigal. Er wohnte friedlich in einer kleinen Hütte zusammen mit seiner Frau. Einmal aber war es vorbei mit dem Frieden, denn ein fremder Stamm überfiel das Dorf, in dem Eigal wohnte. Alle tapferen Männer zogen aus, um gegen die fremden Krieger zu kämpfen. Sie nahmen ihre Lanzen und Messer, sattelten die Pferde und galoppierten auf den Hügel in die Schlacht. Eigal seufzte. Auch er musste in diesen Krieg ziehen, sich der Schlacht stellen, Krieger töten und vielleicht selbst getötet werden. Lange sass er da und seufzte. Endlich rief er seine Frau und sagte: «Bitte bring mir meine Sandalen.» Die Frau brachte sie ihm eiligst herbei, denn ohne Schuhe konnte er nicht in die Schlacht ziehen. Eigal zog sich die Sandalen an, seufzte wieder, ging vor das Haus und schaute zum Hügel, wo die Krieger mit ihren Pferden eine riesige Staubwolke hinterliessen. «Bitte sattle mein Pferd!», sagte er seiner Frau. Die Frau holte sein Pferd, sattelte es und brachte es. Eigal nickte und schaute noch einmal die Strasse hinauf. Immer noch ritten Krieger zum Hügel, wo die Schlacht tobte. «Bitte hilf mir in den Sattel», sagte er.
Die Frau half ihm. Als er auf dem Pferd, sass stimmte Eigal sein Kampflied an:

"Hei-ho! Ich reite in den Kampf!
Hei-ho! Ich reite in den Kampf!
Feind, hüte dich! Ich bin so weit!
Feind, zittere, denn jetzt wird es Zeit!
Du stirbst durch meine Hand,
Mach dich bereit!"

Dann seufzte er wieder und sprach: «Bitte hole mir mein Kampfmesser!» Seine Frau holte es. Er seufzte und sagte: «Ich brauche auch meinen Schild!» Sogleich ging die Frau, um auch den Schild zu holen. «Die Lanze habe ich noch vergessen!», rief er, und die Frau sprang wieder los, um die Lanze zu holen. «Bist du jetzt so weit?», fragte sie
«Ja», erwiderte Eigal. «Jetzt bin ich so weit.» Und er sang wieder das Kampflied:

"Hei-ho! Ich reite in den Kampf!
Hei-ho! Ich reite in den Kampf!
Feind, hüte dich! Ich bin so weit!
Feind, zittere, denn jetzt wird es Zeit!
Du stirbst durch meine Hand,
Mach dich bereit!"

Eigal seufzte, blickte in Richtung des Hügels, wo die Schlacht bereits in vollem Gange war, und rief: «Ich brauche noch eine zweite Lanze!» Die Frau ging ins Haus hinein und brachte ihm eine zweite Lanze. Da sprach Eigal: «Jetzt bin ich endlich so weit! Wenn ich in der Schlacht sterben muss, so kannst du allen sagen, dass ich ein fürchterlicher Krieger war!» Eigal rückte sich im Sattel zurecht, zog seine Augenbrauen finster zusammen, seufzte und sprach: «Ich brauche noch eine dritte Lanze!»
«Es gibt nur zwei, mehr sind nicht da!», entgegnete seine Frau. Da seufzte Eigal wieder und sprach: «Gut, dann ziehe ich jetzt in den Kampf.» Er wollte schon losreiten, da fiel ihm etwas ein: «Hast du mein Pferd gefüttert, damit es stark und schnell ist?»
«Ja», erwiderte die Frau.
«Hast du meinem Pferd zu trinken gegeben, damit es lange rennen kann?»
«Ja», sagte die Frau.
«Gut, dann ziehe ich jetzt in die Schlacht und lasse die Feinde vor Angst zittern!»
Eigal ritt davon. Erst langsam und dann immer schneller. Sein Pferd rannte wie der Blitz. Die Schlacht fand oben auf dem Hügel statt, doch Eigal stürmte mit dem Pferd in eine ganz andere Richtung, nämlich Richtung Tal. Nach einer Zeit schrie Eigal seinem Pferd ins Ohr: «Ich will dir nur sagen, dass du in die falsche Richtung springst! Auf dem Hügel ist die Schlacht!» Doch das Pferd kümmerte sich nicht darum, sondern galoppierte weiter. «Wir sollten umdrehen!», meinte Eigal. «Ich will nicht auf den Markt, sondern muss zum Hügel reiten, um gegen die Feinde zu kämpfen!» Aber das Pferd lief immer weiter Richtung Tal. «Du solltest umdrehen, du dummes Tier! Der Feind muss meine spitze Lanze zu spüren bekommen!», rief Eigal aus. Doch das Pferd trug Eigal immer weiter Richtung Tal. Da kam vom Hügel her ein Krieger aus seinem Dorf angaloppiert und fragte: «Eigal, was machst du? Wieso reitest du Richtung Tal, wenn doch oben auf dem Hügel gekämpft wird?»
«Mein Pferd will mir nicht gehorchen, es hört nicht auf mich!», klagte Eigal.
«Aber Eigal», meinte der andere Krieger, «du musst ihm halt zeigen, was du willst!»
Er ritt nah an ihn heran und zog sanft am Zügel von Eigals Pferd. Da drehte sich das Pferd brav um und galoppierte nun Richtung Hügel.
«Endlich kann ich den Feinden Angst einjagen, damit ihnen vor Schreck die Haare zu Berge stehen!», rief Eigal dem Krieger zu. Das Pferd galoppierte schnell wie der Wind, und Eigal sang:

​​"Hei-ho! Ich reite in den Kampf!
Hei-ho! Ich reite in den Kampf!
Ich werde den Feind zermalmen,
Ich kenne kein Erbarmen.
Zertreten werd’ ich ihn fürchterlich,
Denn Mitleid kenn’ ich nicht.
Zittert alle, jetzt komm’ ich!»

Bald hörte Eigal den Lärm der Schlacht und das ohrenbetäubende Rasseln der Waffen. Da spürte das Pferd plötzlich, wie Eigal am Zügel zog. Hatte er es extra gemacht oder aus Versehen? Das Pferd gehorchte, drehte um und galoppierte so schnell es konnte wieder zurück Richtung Dorf. Eigal aber rutschte mitsamt dem Sattel langsam unter den Bauch von seinem Pferd, wo ihn niemand sehen konnte. Er rasselte mit den Waffen und sang in furchterregendem Ton:

"Hei-ho! Der Feind soll laufen,
Vor meiner Lanze da!
Hei-ho! Der Feind soll laufen,
Vor meiner spitzen Lanze da!
Ich falle ihn von unten an,
Hei-ho! Was läuft er dann!»

Das Pferd lief geradewegs zu Eigals Haus. Die Frau hörte schon von Weitem den schrecklichen Kriegsgesang. Sie sah das Pferd heranstürmen, doch von Eigal keine Spur. Erschrocken kam sie aus dem Haus, da sah sie ihn, unter dem Bauch vom Pferd hängen. «Was machst du denn da unter dem Pferd?», fragte sie. «Ach, das dumme Tier macht doch, was es will. Erst springt es in die falsche Richtung, dann dreht es so schnell, dass ich unter seinen Bauch rutsche. Aber die Feinde haben sich ganz schrecklich gefürchtet vor mir!», sprach Eigal, der unter dem Bauch des Pferdes hervorlugte. «Was soll ich jetzt machen? Ich kann doch nicht zu Fuss in die Schlacht ziehen!» Er liess sich auf die Erde plumpsen, und da fiel es ihnen beiden auf: Es war ganz still geworden auf dem Hügel. «Die Schlacht ist vorbei!», sagte seine Frau. Eigal schaute zum Schlachtfeld und sah, dass einige Reiter auf das Dorf zuritten. «Hilfe!», rief Eigal voller Schrecken. «Jetzt kommen die Feinde, was soll ich bloss tun?» Schnell lief er ins Haus, legte sich mitten auf den Teppich und sprach: «Wenn die Feinde da sind, sag ihnen, dass ich gestorben bin, dann tun sie uns nichts», dann schloss er die Augen und tat so, als sei er tot. Die Reiter kamen jubelnd in das Dorf geritten. Eigals Frau stand vor dem Haus, und drinnen sah man ihren Mann auf dem Teppich liegen. Die Reiter sprangen aus dem Sattel und fragten: «Was ist denn mit Eigal geschehen? Wir kommen, um mit ihm zu feiern, denn wir konnten die Feinde vertreiben!» In diesem Moment erkannte die Frau die Krieger, es waren alles Männer aus dem Dorf. Auch Eigal erkannte sie, er hatte nämlich jedes Wort gehört. Er sprang auf, klatschte in die Hände und rief: «Wir haben gewonnen, wir haben gewonnen! Seht ihr, meine Kriegstechnik hat die Feinde verjagt!» Dann sprang er herum, tanzte und sang:

"Hei-ho! Der Feind ist geflohen,
Er hat noch Glück gehabt,
Hätt’ er an meiner Lanze nur gerochen,
Wär’ er vor Schreck in den Busch gekrochen.
Er hat noch Glück gehabt!

Märchen aus Somalia, ©Fassung Djamila Jaenike, nach: G. Ortutay, Das Herz der Steine, Budapest 1968

 

Eine Frau für hundert Rinder

Es lebten einmal eine Frau und ein Mann. Sie hatten genau hundert Rinder und kein Kalb mehr. Eines Tages bekamen sie einen Sohn. Dieser wurde grösser und älter. Als er fünfzehn Jahre alt war, starb sein Vater und nur wenige Jahre darauf seine Mutter. Als die Trauerzeit um war, merkte er, dass er sich einsam fühlte und wünschte sich eine Frau. Darum ging er zu seinen Nachbarn und erzählte ihnen von seinem Wunsch. Diese hatten Verständnis und schickten einen Mann los, um ihm eine Frau zu suchen. Nachdem einige Zeit vergangen war, kam dieser zurück: "Ich habe dir eine Frau gefunden. Aber sie ist nicht aus unserem Dorf. Es sind etwa acht Stunden weg bis zu ihr."Der junge Mann fragte nach: "Wer ist denn dieses Mädchen? Wessen Tochter ist sie?"
"Sie ist das einzige Kind von Abdallah. Ihre Familie ist sehr reich. Sie haben sechstausend Rinder." Als er nun mehr über dieses Mädchen wusste, wollte er sie zur Frau haben. Darum schickte er den Nachbarn erneut los, damit dieser Abdallah die Nachricht überbringen konnte. Nach den Verhandlungen kam er zurück und berichtete dem jungen Mann von den Bedingungen für eine Hochzeit: "Er hat deine Worte gehört. Aber er möchte hundert Rinder als Brautschatz."
"Hundert Rinder? Ich habe nichts als hundert Rinder. Wovon sollen wir leben, wenn ich sie alle hergebe?"
Der Vermittler antwortete: "Ich weiss es nicht. Aber sag mir nun, ob du sie möchtest oder nicht." Der junge Mann dachte nach und sagte dann: "Ich bin einverstanden. Geh und sag, dass ich ihm meine hundert Rinder geben werde." Erneut zog der Vermittler los und alles notwendige wurde besprochen. Schon kurz darauf machte sich der junge Mann mit seinen hundert Rindern auf den Weg zu seiner Braut. Nach dem Hochzeitsfest gingen sie zurück ins Haus des Mannes. Zuhause dauerte es nur zehn Tage, da waren alle Vorräte aufgebraucht. Der junge Mann sagte: "Liebe Frau, nun haben wir nichts mehr zu essen. Vor der Hochzeit hatte ich Rinder, aber die habe ich alle für dich weggegeben. Ich werde darum zu unseren Nachbarn gehen und sie um etwas Milch bitten." So ging es von nun an jeden Tag.
Eines Tages stand die junge Frau vor der Tür. Da kam ein schöner junger Mann vorbei. Als dieser die Frau dort sah, wünschte er sich, er könnte sie verführen. Darum schickte er kurz darauf einen Boten zu ihr und überbrachte sein Begehren. Die Frau antwortete: "Ich habe die Botschaft gehört. Sag ihm, er müsse warten. Ich kann es jetzt noch nicht."
Nach drei Monaten wollte Abdallah seine Tochter besuchen. Diese war überrascht von seinem Besuch und sie setzten sich gemeinsam vor das Haus. Nachdem sie einige Worte gewechselt hatten, ging die Frau ins Haus und weinte. Im ganzen Haus hatte sie nichts, was sie ihrem Vater hätte kochen können. Verzweifelt lief sie aus der Hintertür. Im Hof sah sie den Mann, der sie verführen wollte. Er kam zu ihr hin und sagte: "Warum lässt du mich warten. Seit ich dich damals gesehen habe, kann ich kaum noch schlafen."
Die Frau dachte nach und antwortete dann: "Gut, ich will dich nicht länger quälen. Wenn du nach mir rufst, werde ich kommen. Aber zuerst brauche ich ein Stück Fleisch, damit ich für meinen Vater etwas zu Essen kochen kann." Sogleich machte sich der Mann auf den Weg und brachte kurz darauf ein Rindsviertel. "Hier, nimm das. Aber lass mich nun nicht länger warten." Die Frau ging mit dem Fleisch ins Haus. Der Verführer aber wartete bei der Hintertür, dass sie ihr Versprechen einlöst.
Die Frau ihrerseits zerteilte das Fleisch, gab es in einen Topf und begann zu kochen. Da kam ihr Mann nach Hause. Als er seinen Schwiegervater sah, erschrak er. Er ging zu seiner Frau und fragte sie, was sie denn koche. "Ich koche Fleisch." Der Mann war erstaunt und fragte sie, woher sie das Fleisch habe. "Ich habe es von den Nachbarn." Der Mann war traurig, dass er so wenig hatte. Aber dankbar für seine Nachbarn. Er wusch er sich die Hände und ging vor die Tür zu Abdallah.
Hinter dem Haus hielt es der Verführer nicht mehr aus und lief darum zur Vordertür. Dort traf er auf den Mann und den Schwiegervater, welche ihn zu sich hin baten. Zu dritt sassen sie nun zusammen und unterhielten sich. Da kam die Frau aus dem Haus. Sie stellte die Schüssel mit dem Fleisch zwischen die drei Männer und sagte: "Hier, ihr Dummköpfe! Esst." Ihr Vater war entsetzt und fragte: "Warum nennst Du mich einen Dummkopf? Erkläre mir meine Dummheit." 
Sie sah ihn an und antwortete: "Du hast eine teure Sache zu billig verkauft."
"Was habe ich denn zu billig verkauft?"
"Mich. Du hast nur mich, kein anderes Kind. Aber du hast sechstausend Rinder. Trotzdem hast du mich für nur hundert Rinder hergegeben. Die hundert Rinder waren dir offenbar wertvoller als ich. Du hast etwas Teures für etwas Billiges hergegeben."
Der Vater sagte: "Du hast Recht, ich war ein Dummkopf."
Nun wollte auch der Mann wissen, was er denn Dummes gemacht habe.
"Du bist ein noch viel grösserer Dummkopf. Du hast hundert Rinder von deinen Eltern geerbt und kein Kalb mehr. Aber du hast sie alle gegeben, um mich zu heiraten. Dabei gibt es in deinem Dorf viele Frauen, welche du für einen kleineren Brautschatz hättest haben können. Dann hättest du nun noch Rinder übrig und hättest etwas zu essen."
Auch er nickte und sagte: "Du hast Recht, ich war ein Dummkopf."
Natürlich fragte auch der Verführer nach seiner Dummheit. "Du bist der Dümmste von allen. Du wolltest etwas, was hundert Rinder gekostet hat für einen einzigen Viertel Rind bekommen." Der Verführer sprang auf und rannte aufgebracht davon.
Abdallah blieb noch einige Tage bei seiner Tochter und seinem Schwiegersohn. Als er wieder zu Hause ankam, machte er die Rinder seines Schwiegersohnes los und schickte sie zurück. Dazu gab er auch noch zweihundert seiner eigenen Tiere. Nun konnte seine Tochter und ihr Mann ein gutes Leben führen, ohne noch länger in der Schuld der Nachbarn zu stehen.

Märchen aus Somalia, Fassung Anina Meile, nach: Carl Meinhof,  Afrikanische Märchen, Jena 1917  © Mutabor Märchenstiftung

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