Märchen aus dem Sudan | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

Zurück zur Übersicht

Märchen aus dem Sudan

Die Geschichte des Sudans reicht bis weit in die Pharaonenzeit zurück. In der jüngeren Vergangenheit war der Sudan Teil der Britischen Kolonien und erlangte erst 1956 seine Unabhängigkeit. Verschiedene Krisengebiete innerhalb des Landes und Bürgerkriege prägen die Geschichte und Gegenwart der Region. Bis zur Loslösung des Südsudans im Jahr 2011 war der Sudan der grösste Flächenstaat Afrikas, aber auch der ärmste der Welt. 60% der Bevölkerung leiden unter akuter Ernährungsunsicherheit. Auch innerhalb der neu gebildeten Staaten gibt es Konflikte und Millionen Menschen sind auf der Flucht. Viele von ihnen sind Binnenflüchtlinge. Aber auch in die Schweiz flüchten die Menschen. 

Märchen: 
Die Himmelskette
Das goldene Mädchen aus dem Kürbis
Der Hase, der Elefant und das Nilpferd
 

 

Die Himmelskette

Früher, vor langer, langer Zeit, war der Himmel dunkel und schwarz. Da waren kein Mond und keine Sterne. Aber auch den Tod gab es damals nicht. Wenn die Menschen alt und müde wurden, kletterten sie an einer Kette in den Himmel hinauf und verschwanden über den Wolken. Damals lebte im Volk der Bamana ein Schmied. Er hiess Fasogo Ba Si. Er war ein geschickter Handwerker, doch er war immerzu traurig, denn er hatte keine Söhne, die ihm bei der Arbeit halfen. Er freute sich über seine drei Töchter, aber ein Jahr über das andere verging und er wartete vergebens auf einen Sohn. So musste er all die schweren Arbeiten, die sonst die Söhne übernahmen, allein machen: Die Kohlen brennen, den Blasebalg ziehen.  Mit der Zeit wurde er müde und sprach: „Ich habe genug, ich gehe zum Himmel!“. Die Leute im Dorf sagten: „Warte noch ein wenig, sicher wird bald ein Sohn geboren und dann kannst du dich freuen!“ Fasogo Ba Si hörte auf ihren Rat und blieb. Er wartete ein Jahr, zwei Jahre, drei Jahre, eine lange Zeit. Doch an einem Tag, als er müde den Blasebalg zog und ein Stück Eisen im Feuer erhitzte, hatte er genug. Mit dem rotglühenden Eisen in der Hand ging er zur Himmelskette und kletterte daran hinauf. Seine drei Töchter sahen, wie der Vater über den Wolken verschwand und sie sagten: „Wir wollen bei ihm sein, damit er nicht allein ist.“ Auch sie verschwanden über den Wolken. Doch seit diesem Tag war die Himmelskette verschwunden und niemand konnte mehr in den Himmel klettern. So kam der Tod auf die Erde. Die Menschen wurden alt, starben und wurden in die Erde gebettet. In der dunklen Nacht aber kann man das glühende Eisen sehen, das Fasogo Ba Si geschmiedet hat. Als Sichel steigt es am Abendhimmel auf. Jeden Tag sieht man etwas mehr davon und wenn die Scheibe rund ist, rufen die Menschen auf der Erde: „Seht, der Schmied hat seine Arbeit vollendet!“ Neben dem Mond sieht man drei kleine Sterne leuchten, das sind die Töchter des Schmiedes und bis heute sind die Bamana berühmt für ihre Schmiedekunst.

Mythe der Bamana (Mande), SudanFassung Djamila Jaenike, nach: L. Frobenius, Dämonen des Sudan,Jena 1924 unter dem Titel: Ich habe genug, ich gehe in den Himmel © Mutabor Märchenstiftung

 

Das goldene Mädchen aus dem Kürbis

Es war einmal ein Mann, der hatte eine Frau, die kein Kind bekam. Sie weinte deswegen viel. Einmal bat sie Gott: «Gib mir ein Kind, und wenn es nur ein Kürbis ist!» Nach einiger Zeit gebar sie einen Kürbis. Die Frau sagte: «Gott hat mir das gegeben, um was ich ihn gebeten habe.» Sie wusch den Kürbis, rieb ihn mit Rotholz ein und rief eine Dienerin:  «Kümmere dich um den Kürbis, wie man sich um ein Kind kümmert!» Die kleine Dienerin nahm den Kürbis und trug ihn spazieren. Sie ging vor die Stadtmauer, damit der Kürbis im Busch spielen könnte wie andere Kinder. Abends trug sie den Kürbis wieder heim und legte ihn auf seine Matte. Drei Jahre lang kümmerte sich die Dienerin um den Kürbis. Eines Tages waren sie wieder vor der Stadtmauer und der Kürbis lag auf dem Schoss der Dienerin. Da sprach der Kürbis: «Ich will mit dir sprechen!» Die Dienerin sprang erschrocken auf: «Du sprichst!» Der Kürbis sagte: «Ja, ich spreche, aber du musst keine Angst haben.» Der Kürbis sprang auf und aus dem Kürbis kam ein kleines Mädchen heraus, das war wunderschön. Noch nie hatte jemand ein so schönes Mädchen gesehen. Es war ganz und gar mit Gold geschmückt. Das Kürbismädchen spielte mit der Dienerin, dann sagte es: «Ich gehe wieder in meinen Kürbis, dann kannst du mich nach Hause bringen. Verrate aber meiner Mutter nichts, auch meinem Vater nicht.» So ging das Kürbismädchen wieder in den Kürbis, dieser schloss sich und die Dienerin trug den Kürbis heim. So ging das nun jeden Tag, die Zeit verging und das Kürbismädchen wuchs heran. Einmal kam ein Pferdebursche an der Stadtmauer vorbei, um Gras für das Pferd seines Herrn zu schneiden. Er sah die Dienerin am Boden sitzen, mit einem Kürbis auf dem Schoss. In diesem Augenblick sprang der Kürbis auf und ein Mädchen kam heraus, das war so schön, so goldgeschmückt und glänzend, dass der Pferdebursche seine Augen nicht abwenden konnte. Er lief zu seinem Herrn und sagte: «Ich habe ein Mädchen gesehen, das ist so wunderschön, schöner als alle Mädchen dieser Welt, es war vor dem Stadttor im Busch!» Der Herr schüttelte den Kopf und sagte: «Das muss wirklich etwas Besonderes gewesen sein, du bist ja ganz ausser dir.» Am nächsten Morgen begleitete der reiche Herr den Pferdeburschen zum Stadttor. Sie versteckten sich und mussten nicht lange warten, da kam die Dienerin mit dem Kürbis, setzte sich auf den Boden, der Kürbis sprang auf und heraus kam das schönste Mädchen, das der Mann je gesehen hatte. «Sie ist eines Königs würdig», dachte er. Der Herr ritt zum Königspalast, liess sich vor den König bringen und erzählten im alles. «Das ist ganz ausserordendlich!», rief der König aus, «dieses Mädchen will ich heiraten. Lasst den Vater des Kürbismädchens zu mir kommen.»Die Bediensteten holten den Mann und brachten ihn vor den König. «Ich bitte dich: Gib mir dein Kürbiskind zur Frau.»
«Man kann doch keinen Kürbis heiraten!», rief der Mann aus. «Aber wenn ihr es wünscht, will ich euch den Kürbis zum Geschenk machen.»
«Aber nein,» meinte der König, «du sollst mein Schwiegervater werden und mir den Kürbis anvertrauen. In ein paar Jahren werde ich dann den Kürbis heiraten.»
Der Vater des Kürbismädchens schüttelte den Kopf und sagte: «Wenn du es wünschst mein König, dann sei es so. Wenn du glaubst, dass du einen Kürbis heiraten kannst, dann gebe ich dir das Kürbiskind zur Frau.» Der König übergab dem zukünftigen Schwiegervater Perlen und schöne Kleider für die Schwiegermutter und der Vater kehrt nach Hause zurück. Es vergingen einige Jahre, da schickte der König einen Boten zu dem Mann mit dem Kürbiskind und liess ausrichten, dass er den Kürbis in zehn Tagen hole.
​​​Nach zehn Tagen heiratete der König das Kürbiskind. Viele Leute kamen, um das Kürbiskind zu sehen. Die Dienerin trug den Kürbis in das Haus des Königs. Alle Leute riefen: «Der König hat das Kürbiskind geheiratet! Der König hat das Kürbiskind geheiratet!» Der König fragte die Dienerin: «Was muss ich tun, damit ich das Kürbismädchen sehen kann?»
«Du musst warten, bis die Nacht kommt», sagte die Dienerin. «Dann kommt das Mädchen heraus, um ein Bad zu nehmen. Sobald sie den Kürbis verlassen hat, nimm den leeren Kürbis und verstecke ohn.» Der König wartete. Als es dunkel wurde, versteckte er sich, bis sich der Kürbis bewegte und aufsprang. Die Kürbisschalen fielen auseinander und herauskam eine junge wunderschöne Frau, goldgeschmückt. Der König schaut und schaut und konnte seine Augen nicht mehr abwenden. Dann schlich er näher, nahm die beiden Kürbisschalen und versteckte sie. Als das Kürbismädchen gebadet hatte, kehrte es in sein Zimmer zurück, setzte sich auf das goldene Bett und fragte: «Wo ist mein Kürbis? Ich kann meinen Kürbis nicht sehen?»
Die Dienerin sagte: «Ich sah einen Mann hereinkommen und schnell wieder hinausgehen. Vielleicht hat er den Kürbis mitgenommen.» Das Kürbismädchen weinte, doch die Dienerin tröstete sie: «Weine nicht, morgen wird alles gut werden.» Das Kürbiskind schlief ein.
​​​​​​Der König liess am andern Morgen die Trommeln schlagen für seine neue Frau. Er betrat ihr Zimmer und sprach die lieblichsten Worte zu ihr. Sie aber sass auf ihrem goldenen Bett und sprach kein Wort. So ging das einige Tage lang. Der König war sehr betrübt. Er ging zur Dienerin und sagte: «Was muss ich tun, damit meine Frau mit mir spricht?»
«Stellt einen grossen Topf mit Wasser auf zum Baden und steigt mit den Kleidern hinein.» Der König liess einen grossen Topf in das Zimmer des Kürbismädchens bringen und mit Wasser füllen. Dann stieg er mitsamt den Kleidern hinein. Das Kürbismädchen begann zu lachen und sagte: «Wenn alle Männer auf diese Weise baden, ist dies ein seltsames Land.»
«Das Kürbismädchen spricht!», rief der König erfreut und stieg aus dem Bad. «Bringt mir trockene Kleider!»
Bis heute ist es so, dass eine Frau nach der Hochzeit erst mit ihrem Mann spricht, wenn er ein Bad genommen hat.Wenn man aber Gott um etwas bittet, soll man ihn um etwas Vernünftiges bitten und nicht um etwas so Verrücktes wie die Frau, die um das Kürbiskind bat.

Märchen aus dem Sudan, aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, © Mutabor Verlag 

Der Hase, der Elefant und das Nilpferd

Es lebte einmal ein Hase. Der hatte sich vom Elefanten ein Seil geliehen. Und auch beim Nilpferd hatte sich der Hase ein Seil geliehen. Immer wenn er den Elefanten oder das Nilpferd traf, fragten sie ihn nach ihrem Seil. «Wann gibst du mir mein Seil zurück?» Das ärgerte den Hasen und er dachte sich einen Plan aus. Am nächsten Tag nahm er eines der beiden Seile um die Schulter und machte sich auf den Weg zum Elefanten. «Hier, nimm das Seil, ich gebe es dir zurück.» Mit schnellen Schritten verschwand er, rannte zum Nilpferd und rollte dabei das Seil ab. Dem Nilpferd gab er das andere Seilende und sagte: «Hier, nimm das Seil. Ich gebe es dir zurück.» Dann hüpfte er fröhlich davon. Sowohl das Nilpferd als auch der Elefant folgten dem Seil. Sie liefen durch den Busch, bis sie einander in der Mitte des Seils gegenüberstanden. Sie sahen sich verwundert an. «Du? Der Hase schuldet mir ein Seil. Er hat mir dieses hier zurückgegeben.»
«Das hat er mir auch gesagt.» antwortete der Elefant. «So ein Schurke. Ich werde ihm verbieten, jemals wieder in den Wald zu kommen.»
«Und ich verbiete ihm, ans Wasserloch zu kommen und zu trinken. So ein Schelm», entschied das Nilpferd.
Der Hase hatte die beiden aus einem Gebüsch belauscht und alles gehört. Wo sollte er nun trinken, wenn er nicht mehr ans Wasserloch durfte und wo sollte er sich verstecken, wenn er nicht mehr in den Wald gehen konnte? Er hoppelte leise davon. Am Waldrand fand er das Fell einer Gazelle. Als er den Elefanten kommen hörte, kroch er in das Fell und liess es wackeln als wäre die Gazelle noch lebendig. Dabei stiess er ein lautes Stöhnen aus. Der Elefant näherte sich und fragte: «Du arme Gazelle. Erzähl, was ist mit dir geschehen? Wer hat dir das angetan?»
Der Hase sprach mit verstellter Stimme aus dem Fell heraus: «Ich habe den Hasen geärgert und daraufhin hat er mich mit einem Wort so schlimm verletzt, dass ich nun sterben muss.»
«Oh, wer hätte gedacht, dass der Hase so gefährlich ist. Wenn Du ihn noch einmal siehst, sag ihm, dass er wieder in den Wald kommen darf.» Mit diesen Worten drehte sich der Elefant um und verschwand so schnell er konnte. Als er das Trampeln des Elefanten nicht mehr hörte, ging der Hase mit dem Fell der Gazelle über dem Kopf zum Wasserloch. Er liess das Fell wackeln und stöhnte laut. Das Nilpferd tauchte auf und rief: «Was ist los, du arme Gazelle?»
«Ich habe den Hasen geärgert und daraufhin hat er mich mit einem Wort so schlimm verletzt, dass ich nun sterben muss», klagte der Hase aus dem Fell der Gazelle.
«Der Hase hat dir das angetan? Ich hätte nicht gedacht, dass er so mächtig ist. Wenn du ihn noch einmal siehst, sag ihm, dass er wieder an das Wasserloch kommen darf», antwortete das Nilpferd, tauchte ins Wasser und verschwand. Der Hase aber schlüpfte aus dem Fell, putzte sich den Pelz und hoppelte zufrieden davon. 

Märchen der Malinke, Sudan, Fassung Anina Meile, nach: C. Monteil, Contes Soudanais, Paris 1905, unter dem Titel: Le lièvre, l’éléf^phant et l’ Hyppoptame © Mutabor Märchenstiftung

Zurück zur Übersicht