Märchen aus Syrien | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus Syrien

Syrien hat eine bewegte Geschichte, die weit in die Zeit vor unserer Zeitrechnung zurückgeht. Seit 2011 herrscht in Syrien Bürgerkrieg. Viele sind innerhalb ihres Landes auf der Flucht, über 11 Millionen Menschen mussten bereits ihr Zuhause oder sogar ihr Land verlassen, täglich werden es mehr. Sie haben kaum Hoffnung, wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können.

Märchen
Hase und Elefant
Die glückliche Frau
Die Knotenschnur

 

Hase und Elefant

In einem Land hatte es viele Jahre nicht geregnet. Die Pflanzen vertrockneten und die Tiere litten Hunger und Durst. Da schickte der König der Elefanten Späher aus, um nach einer Quelle zu suchen. Bald kehrte einer der Elefanten zurück und erzählte: «Ich habe eine Quelle gefunden, sie heisst Mahchani, Mondquelle, und es wächst viel Gras dort.» Sogleich beschloss der König der Elefanten, mit seiner Herde an die Mondquelle zu ziehen. Dort an der Mondquelle wohnten aber zahlreiche Hasen. Als die Elefanten mit ihren grossen Füssen an das Wasser zogen, zertrampelten sie die Bauten der Hasen, und einige starben. Da versammelten sich die Hasen, und der Hasenkönig sprach: «Ihr wisst, wie schlecht es uns geht, seit die Elefanten an unserer Quelle sind. Wir müssen einen Weg finden, uns von den Elefanten zu befreien, bevor noch mehr von uns sterben.» Da meldete sich der Hase Peroz, der für seine Schlauheit bekannt war, und sprach: «Ich werde zu den Elefanten gehen und sie dazu bringen, von hier fortzugehen. Gebt mir nur einen Tag Zeit.»
Der König der Hasen war einverstanden, und so begab sich Peroz in die Nähe der Elefanten, die neben der Quelle Gras frassen. Er wartete, bis es langsam dunkel wurde. Dann setzte er sich auf einen Felsen und sprach: «König der Elefanten, höre! Der Mond schickt mich mit einer Botschaft zu dir.»
«Was hat er mir zu sagen?», fragte der König der Elefanten.
«Der Mond lässt dir sagen, dass du und dein Volk seine Quelle verunreinigen. Ich soll dich warnen. Wenn du die Mondquelle nicht verlässt, werden du und dein Volk das Leben verlieren. Wenn du mir nicht glaubst, so werde ich dich überzeugen, komm mit mir.»
Der Hase führte den König der Elefanten zur Quelle. Mittlerweile war es dunkel, nur der Mond schien hell vom Himmel. «Begrüsse den Mond in der Quelle!», befahl der Hase.
Der König der Elefanten hielt seinen Rüssel in das Wasser. Da zitterte die Oberfläche, und das Spiegelbild des Mondes erbebte. «Siehst du? Der Mond ist erzürnt über dich und dein Volk.»
Der Elefant erschrak und rief: «Oh wohltätiger Mond, zürne uns nicht. Wir werden noch heute Nacht fortgehen und nicht wieder herkommen.» So machte sich die Elefantenherde noch in der gleichen Nacht auf die Suche nach einer anderen Quelle. Der Hase aber kehrte als Held zu seinem König zurück.

Märchen aus Syrien, Fassung D. Jaenike, nach: F. Schulthess, Kalila und Dimna, Berlin 1911, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die glückliche Frau

Einst lebte ein Beduinenstamm in der Wüste. Ihr Stammesführer hatte eine wunderschöne Tochter, die hiess Zina. Als die Zeit kam, dass sie heiraten sollte, rief der Vater die Tochter zu sich und sagte: «Bald wirst du heiraten, Zina. Sag, wie soll dein Bräutigam sein?» Die Tochter überlegte kurz und sagte: «Ich möchte einen Mann, der arm ist aber auch reich.» Der Vater wunderte sich. «Wie soll dies gehen?», fragte er, «wie kann ein Mann arm sein und zugleich reich?»
«Nun, das ist meine Bedingung. Ich werde erst heiraten, wenn du einen Mann für mich findest, der arm ist und auch reich.» Was blieb dem Vater übrig? Er rief die Männer im Stamm zusammen und teilte ihnen den Wunsch seiner Tochter mit. Die jungen Männer schüttelten die Köpfe. Aber es dauerte nicht lange, da ging einer nach dem anderen zu Zinas Zelt. «Ich bin reich», sagte der Erste und brachte ihr Schmuck und Edelsteine. «Und wenn ich die dies alles gebe, bin ich arm.» Zina aber schüttelte den Kopf und meinte: «Du bist nicht so, wie ich es wünsche», und schickte ihn wieder hinaus. Der nächste brachte eine ganze Karawane, beladen mit Schätzen, vor Zinas Zelt. «Sieh, ich bin reich», sprach er, «doch wenn Räuber mich überfallen, bin ich arm.» Doch Zina schüttelte wieder den Kopf und meinte: «Du bist nicht so, wie ich es wünsche», und schickte auch ihn wieder hinaus. Auch der dritte Freier war reich. Er sagte: «Ich bin arm und reich zugleich, denn wenn ich all meinen Reichtum an die Armen verteile, habe ich nichts mehr.» Zina aber schlug die Augen nieder und sprach: «Du bist nicht so, wie ich es mir wünsche.»
Der vierte Mann trat vor Zinas Zelt. «Schau, ich bin arm. Doch mit meinen Soldaten kann ich jede Karawane überfallen und dann bin ich reich.» Zina wurde bleich bei diesen Worten und sie sprach: «Auch du bist nicht der rechte, denn du verstehst nicht, wie ich es meine.» Als letztes kam ein Mann zum Zelt, dem man schon von Weitem die Armut ansah. Einzig eine Nadel und einen Hammer trug er bei sich. «Ich glaube, ich könnte dich glücklich machen», sprach er, «denn ich bin zwar arm, doch mit dieser Nadel kann ich die schönsten Kleider nähen und mit diesem Hammer, den herrlichsten Tisch bauen.» Da lächelte Zina und sagte: «Du bist so, wie ich es mir wünsche!», sprach sie und so wurden sie miteinander vermählt und lebten ein glückliches Leben.
Daus, daus
Die Geschichte ist aus.

Märchen aus Syrien, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Kuhr, Arabische Märchen aus Syrien, Frankfurt a. M/Leipzig 1993, © Mutabor Märchenstiftung

 

Die Knotenschnur

Es war einmal ein Mann, der musste seinen einzigen Sohn alleine aufziehen. Eines Tages musste er schweren Herzens sein Heimatdorf verlassen, um in der Stadt Geld zu verdienen. Also nahm er seine wenigen Habseligkeiten, hob das kleine Kind auf seine Schultern und machte sich auf den Weg in die Stadt. Der Weg war weit und dem Sohn wurde die Zeit lang. Er schaute sich um und sah einen Vogel. «Was ist das?», wollte er wissen. «Das ist ein Rabe», antwortete der Vater. Der Junge sah viele verschiedene Dinge und der Vater antwortete geduldig. Schliesslich zog er eine Schnur aus seiner Jacke hervor, und als der Junge fragte: «Was ist das?», antwortete der Vater: «Ein Falke …, ein Sperling …, eine Taube …», und machte jedes Mal einen Knoten in die Schnur. Als sie endlich in der Stadt angekommen waren, war die Schnur voller Knoten.
Der Vater und sein Sohn lebten viele Jahre in der Stadt. Der Vater trieb Handel, verdiente Geld und der Sohn wuchs heran und ging ihm zur Hand. So wurde der Vater alt und der Sohn übernahm die Geschäfte. Mit der Zeit wurde der Alte so gebrechlich, dass er sich kaum noch bewegen, geschweige denn gehen konnte. Schliesslich äusserte er den Wunsch, wieder zurück in die Heimat zu kehren und auch der Sohn wollte gerne die Verwandtschaft besuchen. Der Sohn nahm ein paar wenige Habseligkeiten mit sich, hob den alten Vater auf seine Schultern und machte sich auf den Weg ins Heimatdorf. Der Weg war weit und dem Vater wurde die Zeit lang. Er schaute sich um und sah einen Vogel. Da seine Augen nicht mehr die besten waren, fragte er: «Was ist das?»
«Ein Rabe», antwortete der Sohn. «Und das?», wollte der Vater wissen und zeigte auf einen anderen Vogel. «Ein Rabe», sagte der Sohn, ohne den Blick zu heben. «Und das hier?», fragte der Vater, doch da war der Sohn mit seiner Geduld schon am Ende. Er hob den Vater von seinen Schultern, setzte ihn auf den Boden und sagte laut: «Ich habe dir doch gesagt, dass das ein Rabe ist!» Da zog der Vater eine Schnur aus seiner Jacke. Sie war voller Knoten. Er betrachtete sie und sagte: «Schau, diese Schnur ist voller Knoten. So viele Fragen hast du gestellt, als ich dich auf dem gleichen Weg zur Stadt trug und ich habe sie alle geduldig beantwortet. Du aber, ärgerst dich schon nach wenigen Fragen. Das ist wie im Sprichwort: Ein Vater kann zehn Kinder ertragen, aber zehn Kinder nicht einen Vater.»
Der Sohn hörte zu. Dann setzte er sich neben seinen Vater auf den Boden, nahm die Knotenschnur in die Hand und betrachtete sie. Schliesslich lächelte er, nahm er die Hand seines Vaters hob ihn auf den Rücken und es dauerte nicht lange, da kamen sie im Heimatdorf an. Als der Vater später starb, nahm der Sohn die Knotenschnur an sich, und als er selber Vater wurde, wurde er nicht müde, seinen Kindern diese Geschichte zu erzählen.

Märchen aus Syrien, Fassung Djamila Jaenike, nach: U. Kuhr, Arabische Märchen aus Syrien, Frankfurt a. M/Leipzig 1993, © Mutabor Märchenstiftung

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