Märchen aus Tibet | Märchenstiftung

Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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märchen aus tibet

Märchen aus Tibet

Seit mehr als siebzig Jahren sind Menschen in Tibet auf der Flucht vor der Repression. Viele wagen den gefährlichen Weg über den Himalaya nach Nordindien, wo ihr Oberhaupt der Dalai Lama lebt. Mittlerweile leben die Tibeter in der ganzen Welt verstreut, manche bereits in der zweiten Generation, doch die Lage in ihrer Heimat macht keine Hoffnung auf Rückkehr.

Märchen: 
Das Salz und das Teekraut
Der Affe und das Kamel
Der wunderbare Birnbaum
 

 

Das Salz und das Teekraut

Seit vielen Generationen war der Stamm der Sha verfeindet mit dem Stamm der Nu, doch niemand wusste mehr, wie es dazu gekommen war. Zwischen den beiden Stämmen war ein Fluss, und auf jeder Seite des Wassers grasten die Schafe. Auf der einen Seite hütete Memetsog, ein liebenswertes Mädchen vom Stamm der Sha ihre Schafe, auf der anderen Seite brachte Wendampa, ein junger Mann vom Stamm der Nu seine Tiere zum Fluss. Jeden Tag sahen sich das Mädchen und der junge Mann, und es dauerte nicht lange und die beiden verliebten sich. Da sang Wendampa sein Liebeslied:

«Das Wasser des Flusses strömt dahin,
Lass uns den Tee gemeinsam kochen
Und die Armreifen miteinander tauschen.»

Bald führten sie ihre Tiere über den Fluss, weideten sie gemeinsam, tranken Tee und tauschten die Armreifen. Einmal aber, als Memetsog sich zu Hause die Hände wusch, erkannte die Mutter den fremden Armreifen und entlockte ihr den Namen des Geliebten. Ihre Mutter war die Stammesanführerin der Sha. Sie rief ihren ältesten Sohn zu sich, gab ihm giftige Pfeile und befahl ihm, Wendampa damit zu töten. Als dieser nicht wollte, schickte sie den zweitältesten Sohn, aber auch er weigerte sich, da schickte sie den Jüngsten. Verängstigt schoss er den vergifteten Pfeil auf Wendampa. Als Memetsog erfuhr, dass ihr Geliebter tot war, stürzte sie sich verzweifelt in den Fluss. Die Götter aber hatten Mitleid mit den beiden Liebenden. Memetsog verwandelten sie in einen Teestrauch, und Wendampa wurde zum Salz in den Hochebenen Tibets, dort wo die Tibeter es seit Jahrhunderten abbauen, um ihren Tee zu salzen. Wann immer nun in Tibet Tee getrunken wird, und das ist oft, entfaltet sich der Duft des Teestrauchs im salzigen Wasser des Buttertees, und die beiden Liebenden kommen zusammen.

Märchen aus Tibet, aus: D. Jaenike, Pflanzenmärchen aus aller Welt, ©Mutabor Verlag 

 

Der Affe und das Kamel
An einem sonnigen Tag sass ein Affe oben in der Krone eines Baumes und schaute neugierig ins Land. Da sah er auf der anderen Seite des Flusses einen Garten mit Pfirsichbäumen. Die Pfirsiche leuchteten rot und gelb in der Sonne. Der Affe bekam furchtbare Lust auf Pfirsiche! Das Wasser lief ihm schon im Mund zusammen. Aber ach! Wie sollte er über den Fluss kommen? Neben dem Pfirsichgarten aber lag ein Feld mit Zuckerrohr. Der Affe wusste genau, dass sein Freund, das Kamel, sehr gerne Zuckerrohr ass. Schnell kletterte er vom Baum herunter und sprang zum Kamel. «Kamel, hör mal!», rief er schon von Weitem. «Ich habe ein herrliches Zuckerrohrfeld entdeckt, das wäre doch etwas für dich.»
«Wo ist es?», fragte das Kamel gierig.
«Du musst über den Fluss, dann nach rechts, ein Stück geradeaus, nach links und dann wieder nach rechts, und dann siehst du das Feld.»
«Das kann ich mir nie merken», jammerte das Kamel. «Könntest du mich nicht hinführen, du bist doch mein Freund?»
«Natürlich, gerne», antwortete der Affe. «Aber wie soll ich über den Fluss kommen, ich kann ja nicht schwimmen.»
«Ich kann schwimmen», meinte das Kamel. «Ich nehme dich einfach auf meinen Rücken und trage dich hinüber.» So kletterte der Affe auf den Rücken des Kamels, machte es sich zwischen den beiden Höckern bequem und liess sich von dem Kamel über den Fluss tragen. Als sie zu dem Zuckerrohrfeld kamen, sagte der Affe: «Du bleibst hier, und ich gehe in den Pfirsichgarten dort und passe auf, dass der Wächter dich nicht erwischt. Man hat dort einen guten Blick nach allen Seiten.»
«Das ist sehr lieb von dir», sagte das Kamel und machte sich auf zum Zuckerrohr. Der Affe aber lief in den Pfirsichgarten, kletterte auf den ersten besten Baum und pflückte einen Pfirsich nach dem anderen. Ach, wie süss die Früchte waren! Ach, wie süss sie dufteten! Der köstliche Saft floss über sein Kinn. Als der Affe sich satt gegessen hatte, kehrte er auf das Zuckerrohrfeld zurück. Das Kamel stand dort, frass, kaute langsam und liess sich Zeit. Dem Affen wurde langweilig. «Wir sollten jetzt gehen», meinte er.
«Ach, warte noch ein Weilchen, ich bin noch nicht fertig», bat das Kamel.
«Ich möchte aber nicht warten», sagte der Affe und hüpfte von einem Bein auf das andere.
«Ich komme ja schon, nur noch dies Rohr», bat das Kamel. Der Affe aber mochte nicht warten und so rief er: «Wenn du nicht gleich kommst, rufe ich den Wächter.»
«Tu das nicht», bat das Kamel. «Er würde mich mit dem Stock schlagen.» Der Affe aber hatte genug vom Warten und schrie laut: «Wächter komm herbei! Ein Kamel ist im Feld. Es frisst dein Zuckerrohr!»
«Bitte nicht!», rief das Kamel. Der Affe aber lief zum Fluss und schrie die ganze Zeit weiter. Der Wächter hörte das Geschrei, sprang auf, rannte zum Kamel schlug es mit seinem Stock, um es zu vertreiben. Das Kamel lief jammernd aus dem Feld zum Fluss, wo der Affe stand. «Warum bist du nicht gleich gekommen?», sagte der Affe. «Dann hätte der Wächter dich nicht geschlagen.»
«Du bist schuld!», jammerte das Kamel. «Du hast ja den Wächter gerufen.»
«Ich?», fragte der Affe.
«Wer den sonst?», schimpfte das Kamel. Der Affe kratzte sich ein Weilchen hinter dem Ohr und sagte dann: «Weisst du, Kamel, ich kann mich gar nicht erinnern, dass ich den Wächter gerufen habe. Aber manchmal überkommt es mich einfach und ich tue Dinge, die ich sonst nie tun würde. Wie eine Art Krankheit.»
«Nun gut», meinte das Kamel. «Komm jetzt auf meinen Rücken. Wir wollen nach Hause.» Der Affe sprang auf den Rücken des Kamels und machte es sich zwischen den Höckern bequem. Als sie mitten im Fluss waren, rief das Kamel plötzlich: «Ich werde jetzt kurz untertauchen.»
«Aber nein!», rief der Affe erschrocken. «Auf keinen Fall! Da werde ich nass und ich kann nicht schwimmen!»
«Weisst du, Affe, manchmal überkommt es mich einfach und ich tue Dinge, die ich sonst nie tun würde. Wie eine Art Krankheit.» Und mit diesen Worten tauchte es unter.
«Hilfe!», schrie der Affe als er ins Wasser plumpste.Der Fluss war nicht tief und der Affe paddelte schon bald nass ans Ufer. Aber von dem Tag an spielte er seinem Freund, dem Kamel, keinen bösen Streich mehr.

Märchewn ausa Tibet, ©Fassung Djamila Jaenike, nach: D. und M. Stovickova, Tibetische Märchen, Prag, 1974

Der wunderbare Birnbaum

Ein Bauer fuhr einmal mit seinem Wagen voller goldgelber und süsser Birnen auf den Markt. «Herrliche Birnen zu verkaufen, kommt Leute und kauft!», rief er immer wieder. Das hörte auch einer der Mönche, vom nahen Kloster. Er kam näher und bat: «Sehr gerne hätte ich eine einzige Birne.» Der Bauer schaute den Mönch an und schüttelte den Kopf. Natürlich hatten Mönche kein Geld, also konnten sie sich keine Birnen kaufen, aber er wollte hier das grosse Geschäft machen und keine seiner Früchte verschenken. Der Mönch schaute ihn traurig an und sagte: «Du hast so viele Birnen auf deinem Wagen und kannst doch sicher eine einzige entbehren», dabei hielt er bittend seine Hand hin. Der Bauer schaute den zerlumpten Mönch an, wurde wütend und schrie: «Verschwinde, du Hungerleider!».
«Wieso wirst du so zornig, es geht doch nur um eine Birne?», fragte der Mönch. Da begann der Bauer vor Wut zu schreien und zu fluchen. Das störte nun die anderen Händler, die in Ruhe ihre Ware verkaufen wollten. «Gib ihm doch eine Birne und dann gebt Ruhe!», sagten sie. Doch der Bauer wollte keine einzige hergeben. Endlich kam ein Kaufmann aus seinem Laden, gab dem Bauern eine Münze und drückte dem Mönch eine Birne in die Hand. «So, und jetzt ist Ruhe!»
«Ich danke dir!», sagte der Mönch. «Ich besitze nichts und kenne keinen Geiz. Deshalb lade ich euch jetzt alle ein mit mir Birnen zu essen.»
Mittlerweile hatten sich viele Menschen um den Mönch versammelt und einer rief lachend: «Wie willst du mit uns teilen, du hast doch nur eine einzige?»
«Wartet, gleich werden wir mehr haben, ich muss nur erst den Birnbaum pflanzen.» Er begann die Birne zu essen. Schmatzend schleckte er den süssen Saft auf und ass, bis er nur noch die Kerne in der Hand hielt. «Jetzt brauche ich eine Hacke und Wasser.» Sofort eilte jemand, um das gewünschte zu holen und vor den Augen der Zuschauer, hackte der Mönch ein Loch in den Boden, legte den Birnenkern hinein und goss ihn mit Wasser an. Erstaunt sahen die Leute, dass schon bald darauf ein Keimling aus dem Boden wuchs. Er wuchs und wuchs und wurde vor ihren Augen zu einem Baum mit Stamm, Ästen und Blättern. Kurz darauf begann er zu blühen und schon bald hingen dicke Birnen daran, saftig gelb und reif. Der Mönch kletterte auf den Baum, nahm eine Birne nach der anderen und verschenkte sie an die Umstehenden. Nicht lange, da waren alle Birnen aufgegessen. Der Mönch nahm die Axt, fällte den Baum, nahm den Stamm auf die Schulter und wanderte unter Winken davon.
Während dieser ganzen Zeit hatte der Bauer dem Mönch mit offenem Mund zugeschaut. Nun, als dieser fort war, sah er sich um und traute seinen Augen nicht: Die Birnen waren fort und die Achse seines Wagens ebenfalls. «Ein Dieb, ein Dieb¨», rief der Bauer und rannte dem Mönch hinterher, doch der war schon längst verschwunden. Nur die Wagenachse lag vor dem Stadttor. Als der Bauer zu seinem Wagen zurückkehrte lachten die Leute. «Das hast du nun von deinem Geiz!», sprachen sie und der Bauer senkte beschämt seinen Kopf. Die Geschichte vom wunderbaren Birnbaum erzählten sich die Leute noch lange mit Genuss und ihr, ihr kennt sie jetzt auch.

Märchen aus Tibet, ©Fassung Djamila Jaenike, nach: J. Guter, Tibetische Märchen, Frankfurt a M. 1997

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