Märchen aus der Türkei | Märchenstiftung

​Märchen aus der fernen Heimat 

Das Ziel dieser Geschichtensammlung ist die Förderung des interkulturellen Dialogs mit Hilfe von Märchen aus der Heimat der Flüchtlinge. In der Schweiz leben Menschen aus zahlreichen Ländern und verschiedensten Kulturen. Geschichten aus der eigenen Kultur sind starke Identifikationsträger, weil sie viel traditionelles Vermächtnis aus der Heimat transportieren. Sie können das Verständnis für die Vielfalt der Kulturen fördern und Gelegenheit bieten, Gemeinsamkeiten zu erkennen. Denn alle Menschen auf der Welt, so erzählen es die Märchen, sind auf der Suche nach dem Glück. Die Sammlung der Geschichten wird jeden Monat um eine Kultur/ein Land erweitert. Mithilfe von Menschen aus anderen Kulturen werden die Märchen auch in der Ursprungssprache zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns über jede Übersetzung, die wir realisieren können.

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Märchen aus der Türkei

Als Nachfolgestaat des Osmanischen Reiches gehört die Türkei heute zu den industriellen Schwellenländern. Die vergangenen fast hundert Jahre des Parlamentarismus wurden jedoch immer wieder unterbrochen durch Militärputsche und Krisenzeiten. Debatten um Meinungsfreiheit und den Schutz von Minderheiten gehören bis heute zur Republik Türkei. Die verstärkt islamisch geprägte Orientierung der aktuellen Regierung wirkt sich nicht nur auf die Politik, sondern auch auf die Gesellschaft aus. Bereits seit den 60er-Jahren verlassen Millionen Menschen ihr Land als Arbeitsmigranten oder politische Flüchtlinge. Bei den Flüchtenden handelte es sich vor allem um aramäische, armenische, assyrische, kurdische und jesidische Minderheiten.

Märchen:
Der Fuchs, der Krebs und die Schildkröte
• Das kluge Bauernmädchen
Knüppel aus dem Sack

 

Der Fuchs, der Krebs und die Schildkröte

Der Fuchs, der Krebs und die Schildkröte beschlossen einmal, gemeinsam einen Acker zu bestellen. Sie suchten sich ein gutes Stück Feld am Fuss eines grossen Felsens und wollten die viele Arbeit untereinander aufteilen. «Ich werde pflügen», meinte der Krebs. «Und ich übernehme das Säen des Korns», sagte die Schildkröte. Der Fuchs schaute sich um, sah, dass das Feld in der heissen Sonne lag und nur nah am Felsen etwas Schatten war und sagte: «Ich werde mich gegen den Felsen stemmen, damit er nicht auf unser Feld stürzt.» Die anderen waren einverstanden und so pflügte der Krebs den Boden, die Schildkröte säte und der Fuchs ruhte sich im Schatten aus. Einige Wochen später kamen sie wieder zum Feld und sahen, dass es viel zu tun gab. «Ich werde jäten», meinte der Krebs. «Und ich werde wässern», sagte die Schildkröte. Der Fuchs aber zog sich wieder in den Schatten zurück, um den Felsen zu stützen, während die anderen beiden arbeiteten. So war es auch, als man die Ernte einbringen musste. Am Ende wollten die drei die Ernte untereinander aufteilen. «Ich habe einen Vorschlag», meinte der Fuchs. «Wir rennen alle drei um die Wette bis zum Ende des Feldes. Wer als erstes ankommt, bekommt das Korn, wer als zweites ankommt, erhält die Halme und der letzte, der bekommt gar nichts.»
Natürlich wussten der Krebs und die Schildkröte, dass sie langsamer waren als der Fuchs, aber was sollten sie tun? Sie verabredeten sich für den nächsten Tag.
An diesem Abend erzählte die Schildkröte die ganze Sache ihrer Frau. Sie berieten sich zusammen und schliesslich sagte die Schildkröte: «Am besten kommst du morgen mit und versteckst dich am Ende des Feldes. Wenn der Fuchs kommt, dann wird er dich sehen und glauben, ich hätte gewonnen.»
Wie verabredet trafen sich alle drei am Rand des Feldes. Der Fuchs rief: «Los!» und in diesem Augenblick hielt sich der Krebs am Fuchsschwanz fest und liess sich vom Fuchs mittragen. Die Schildkröte aber nahm es gemütlich, denn am anderen Feldrand wartete schon seine Frau. Als der Fuchs ganz ausser Atem dort ankam, sah er die Schildkröte und sagte: «Was? Du bist schon hier?» In diesem Augenblick jedoch liess sich der Krebs auf den Boden fallen und rief: «Ich bin auch schon längst hier!» Da musste der Fuchs einsehen, dass er verloren hatte. Der Krebs und die Schildkröte jedoch teilten die Ernte gerecht untereinander auf.

Märchen aus der Türkei, Fassung Djamila Jaenike, nach: O. Spies, Türkische Märchen, Düsseldorf 1967

 

Das kluge Bauernmädchen

Es war einmal ein armer Bauer, der hatte sich von seinem reichen Nachbarn etwas Land gepachtet. Damit die Kühe des Reichen nicht auf sein Kornfeld gingen, legte er einen Graben um sein kleines Feld an. Doch das Unglück wollte es, dass eine Kuh hineinfiel und sich ein Bein brach. Da schleppte der Reiche den armen Bauern vor den Richter.   Dieser sprach: „Das ist eine schwierige Angelegenheit, deshalb will ich euch ein Rätsel aufgeben. Wer es lösen kann, dem will ich recht geben. Hört gut zu: Wer ist von allen am reichsten? Wer läuft von allen am schnellsten? Was ist süsser als alles andere?“
Als der arme Bauer mit traurigem Gesicht nach Hause kam, fragte seine Tochter: „Vater, was hast du für einen Kummer?“ Der Bauer erzählte alles und berichtete auch von dem Rätsel. „Mach dir keine Sorgen, Vater, ich kann dir die Antworten sagen.“
Am anderen Tag trafen sich der reiche und der arme Bauer wieder beim Richter. „Wie ist eure Antwort auf mein Rätsel?“, wollte dieser wissen.
Der Reiche sprach: „Verehrter Richter, ihr seid der Reichste; meine Stute ist die Schnellste und mein Honig ist süsser als alles andere.“
Der arme Bauer aber sagte: „Am reichsten ist die Natur, am schnellsten der Gedanke und es gibt nichts süsseres als den Schlaf.“
„Deine Antwort ist richtig und du sollst recht bekommen!“ meinte der Richter. „Sag, woher hast du diese Weisheit‘“
„Oh meine Tochter hat mir die Antworten gesagt“, antwortete der arme Bauer.
„Wenn deine Tochter so schlau ist, so soll sie morgen zu mir kommen, doch hör gut zu: Sie darf nicht angezogen sein, aber auch nicht nackt. Sie darf nicht geritten kommen, aber auch nicht zu Fuss. Sie darf nicht auf dem Weg gehen, aber auch nicht neben dem Weg. Ihr Reittier aber soll sie zwischen Sommer und Winter anbinden. Sie darf mir nicht auf der Strasse begegnen, aber auch nicht im Haus.» Der arme Bauer war ganz bekümmert, als er die Bedingungen hörte und ging mit traurigem Gesicht nach Hause. «Vater, was hast du für einen Kummer?», fragte seine Tochter. Er erzählte alles und sie sprach: «Mach dir keine Sorgen, Vater, ich weiss schon, was ich tun muss.»
Am nächsten Tag hüllte sich die Tochter in ein Fischernetz, so dass sie weder nackt noch angezogen war. Dann setzte sie sich auf eine Ziege, so dass ihre Füsse den Boden berührten, so kam sie nicht geritten, aber auch nicht nackt. Sie führte die Ziege halb auf dem Weg und halb neben dem Weg und erfüllte damit die nächste Bedingung. Vor dem Haus des Richters stand ein Schlitten und daneben ein Wagen, dort band sie die Ziege fest, zwischen dem Wintergefährt und dem Sommergefährt und hatte auch die nächste Aufgabe erfüllt. Dann wartete sie auf der Türschwelle auf den Richter, so begegnete sie ihm weder auf der Strasse noch im Haus.
Der Richter sah, wie klug die Tochter des Bauern war und wollte sie heiraten. Sie war einverstanden und so gab es bald eine prächtige Hochzeit.
Nicht lange darauf, musste der Richter eine längere Reise machen. Vor seiner Abreise sagte er zu seiner Frau: «Halte kein Gericht ab, bis ich wieder zurück bin.» In seiner Abwesenheit kamen jedoch zahlreiche Menschen zu ihr, und verlangten, dass jemand Recht sprechen sollte. Also sprach sie bei allen ein kluges Urteil, bis ihr Mann zurückkehrte.
Als der Richter zurückkehrte, war er sehr verärgert. «Habe ich dich nicht gebeten, kein Recht zu sprechen? Da du mir nicht gehorcht hast, muss ich mich von dir trennen. Nimm dir aus meinem Haus, was dir am Liebsten ist, und geh wieder zurück zu deinem Vater!».
«Nun gut, dann wünsche ich mir, dass wir ein Fest geben und mit allen Bekannten feiern, bevor wir uns trennen», sprach seine Frau. Der Richter war einverstanden und so wurde ein prächtiges Fest gefeiert. Er trank viel, ja sogar sehr viel und merkte nicht, wie seine Frau ihn in der Nacht auf einen Wagen legen und zu ihrem Vater nach Hause bringen liess. Am nächsten Morgen erwachte er in der einfachen Bauernhütte und fragte: «Wo bin ich, wo bin ich?»
«Du bist im Haus meines Vaters. Du hast mir erlaubt, das Liebste mitzunehmen und deshalb habe ich dich hierhergebracht.» Da stand der Richter auf und sagte: «Du bist so klug, ich kann mich nicht von dir trennen», und so gingen sie wieder zurück in sein Haus und lebten dort noch viele Jahre glücklich und zufrieden

Fassung Djamila Jaenike, nach: O. Spies, Türkische Märchen, Düsseldorf 1967

 

Knüppel aus dem Sack

Es war einmal, und es war auch nicht. Es war einmal ein armer, junger Mann, der lebte allein mit seiner Mutter. Jeden Tag ging er in den Wald, sammelte Holz und schleppte es dann auf seinem Rücken in die Stadt, um es zu verkaufen. Eines Tages war er so müde, dass er sich an einen Baum lehnte und laut rief: «Uff! Uff!» In diesem Moment öffnete sich der Baum, ein Geist kam heraus und sprach: «Mein Name ist Uff, du hast mich gerufen, was willst du?» Der junge Mann antwortete: «Ich will nichts von dir. Ich war nur so müde und habe mich an diesen Baum gelehnt. Da habe ich laut ‹uff› gesagt.» Der Geist sah den Burschen an und gab ihm einen kleinen Kasten. «Nimm diesen Kasten und wenn du mich brauchst, komm hierher zurück, und rufe mich. Du darfst aber auf keinen Fall sagen: ‹Öffne dich, mein Kasten!›» Mit diesen Worten verschwand der Geist.
Der junge Mann trug den Kasten nach Hause und erzählte seiner Mutter, was er erlebt hatte. «Stell dir vor, der Geist gab mir diesen Kasten und wies mich an, auf keinen Fall zu sagen: ‹Öffne dich, mein Kasten!›» Kaum hatte er dies gesagt, öffnete sich der Kasten. Heraus kamen Teppiche, die sich auf dem Boden ausbreiteten und dazu alles mögliche an gutem Essen und Getränken. Arm und hungrig, wie sie waren, freuten sich Mutter und Sohn über die herrlichen Sachen. Als sie genug hatten, sagte der junge Mann: «Schliess dich, mein Kasten», und der Kasten klappte zu und stellte sich von selbst auf ein Wandbrett.
«Mutter, ich möchte den Padischah zu diesen guten Speisen einladen.» Doch die Mutter hatte ihre Zweifel. «Wo soll der Padischah sich denn hinsetzen? Hier ist ja für uns kaum Platz genug.» Der junge Mann liess sich jedoch nicht von seinem Plan abbringen. Er ging in den Palast und lud den Padischah und dessen Wesir zum Essen ein. Als diese die arme Hütte ihres Gastgebers sahen, wunderten sie sich. Aber sie setzten sich auf zwei Holzklötze und sahen sich um. Kein Feuer brannte im Herd. Kein Essen stand bereit. Der junge Mann holte nun den Kasten von seinem Platz und sagte: «Öffne dich, mein Kasten.» Und wie beim ersten Mal kamen Teppiche aus dem Kasten und darauf stellten sich unzählige Speisen und Getränke. Eine solche Auswahl hatte selbst der Padischah noch nie gesehen. Als alle satt waren, sagte der junge Mann: «Schliess dich, mein Kasten.» Der Kasten klappte zu und stellte sich von selbst zurück auf das Wandbrett. Der Padischah aber gab dem Wesir heimlich ein Zeichen, den Kasten unbemerkt mitzunehmen. Als sich die Gäste verabschiedeten liess der Wesir den Kasten in den weiten Ärmeln seines Kaftans verschwinden.
Kaum waren die Gäste fort, bemerkte die Mutter, dass der Kasten fehlte. Der junge Mann weinte und machte sich schliesslich auf zum Baum, wie es ihm der Geist gesagt hatte. «Uff!», rief er, als er dort angekommen war. Der Baum öffnete sich, der Geist erschien und fragte: «Was ist? Hast du dir den Kasten stehlen lassen?» Der junge Mann erzählte, was er erlebt hatte. Da gab ihm der Geist einen Knüppel. «Hüte dich zu sagen: ‹Knüppel aus dem Sack!›» Dann verschwand er.
Erleichtert machte sich der junge Mann auf den Heimweg. Wieder erzählte er seiner Mutter, was sich ereignet hatte und welche Anweisungen der Geist ihm diesmal mitgegeben hat: «Ich darf nicht sagen: ‹Knüppel aus dem Sack!›» Kaum hatte er dies gesagt, da sprang der Knüppel aus dem Sack und begann auf ihn einzuprügeln. «Halt ein, mein Knüppel», rief dieser erschrocken, da hörten die Prügel auf und der Knüppel verschwand im Sack. Der junge Mann nahm den Sack mitsamt dem Knüppel und ging damit zum Palast. Als er endlich zum Padischah und dem Wesir vorgelassen wurde, flüsterte er: «Knüppel aus dem Sack!» Der Knüppel sprang heraus und schlug den Padischah und den Wesir, bis die beiden riefen: «Hilfe, ruf deinen Knüppel zurück!»
«Nur wenn ich meinen Kasten zurückbekomme», sagte der junge Mann.  Da holte der Wesir den Kasten, der Bursche befahl: «Halt ein, mein Knüppel!» und machte sich mit den beiden Zauberdingen zurück zum Baum, wo der Geist wohnte.
«Uff! Ich habe meinen Kasten zurück.» Der Geist sah ihn an, gab ihm einen Esel und sprach: «Hüte dich zu sagen: ‹Schrei, mein Esel!›» Dann verschwand er und der Baum verschloss sich wieder. Zuhause erzählte der junge Mann der Mutter: «Er hat mich gewarnt. Ich darf nicht sagen: ‹Schrei, mein Esel!›» Kaum hatte der Esel das gehört, da öffnete er sein Maul und begann Münzen auf den Boden zu spucken. Der junge Mann und seine Mutter nahmen den Kasten, den Knüppel und den Esel und gingen in ein fernes Land. Dort bauten sie sich einen Palast und lebten glücklich.

Fassung Anina Meile, P. N. Boratav, Türkische Volksmärchen, Berlin1968

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