Märchenstiftung - Märchen - Märchen von alten Menschen

Märchen von alten Menschen

Die alten Menschen werden in den Märchen sehr unterschiedlich gezeigt. Es können weise, ratgebende Alte sein, oder böse, schadende Menschen. Ihr Alter wird selten genannt, es sei denn in unvorstellbaren Zahlen. Da gibt es schon mal Tausendjährige. Was die Märchen, in den alte Menschen eine Hauptrolle spielen, auszeichnet, ist die reiche Erfahrung und die Umstände, die ihr Leben prägen. So müssen sie oft lernen, Hilfe anzunehmen und begegnen fehlender Wertschätzung.  Lasssen Sie sich von den Märchen aus verschiedenen Kulturen inspirieren.

Der alte Grossvater und sein Enkel
Philemon und Baucis
Das Geschenk für den Vater


Der alte Grossvater und sein Enkel

Es war einmal ein steinalter Mann, dem waren die Augen trüb geworden, die Ohren taub, und die Knie zitterten ihm. Wenn er nun bei Tische saß und den Löffel kaum halten konnte, schüttete er Suppe auf das Tischtuch, und es floß ihm auch etwas wieder aus dem Mund. Sein Sohn und dessen Frau ekelten sich davor, und deswegen mußte sich der alte Großvater endlich hinter den Ofen in die Ecke setzen, und sie gaben ihm sein Essen in ein irdenes Schüsselchen und noch dazu nicht einmal satt; da sah er betrübt nach dem Tisch und die Augen wurden ihm naß. Einmal auch konnten seine zittrigen Hände das Schüsselchen nicht festhalten, es fiel zur Erde und zerbrach. Die junge Frau schalt, er sagte nichts und seufzte nur. Da kaufte sie ihm ein hölzernes Schüsselchen für ein paar Heller, daraus mußte er nun essen. 
Wie sie da so sitzen, so trägt der kleine Enkel von vier Jahren auf der Erde kleine Brettlein zusammen. „Was machst du da ?“ fragte der Vater. „Ich mache ein Tröglein“, antwortete das Kind, „daraus sollen Vater und Mutter essen, wenn ich groß bin.“ Da sahen sich Mann und Frau eine Weile an Fingen endlich an zu weinen, holten alsofort den alten Großvater an den Tisch und ließen ihn von nun an immer mitessen, sagten auch nichts, wenn er ein wenig verschüttete.

Märchen der Brüder Grimm
 


Philemon und Baucis

Wenn ihr auf einer Anhöhe zwei einsam stehende Bäume seht, die einander umarmen, so stört sie nicht in ihrem Glück. Vielleicht wachsen sie dort durch den Willen eines Gottes, so wie die Linde und die Eiche auf einem Hügel in Phrygien.
Einst besuchte der Göttervater Zeus dieses Land. Er wanderte in menschlicher Gestalt durch die Welt, und sein Sohn Hermes begleitete ihn. Eines Tages erreichten sie, von den Strapazen des Weges staubig und erschöpft, eine reiche Ortschaft. Aber vergebens fragten sie nach einem Nachtlager, überall fanden sie verschlossene Türen. Nur in einem Häuschen am Rande des Ortes wurden sie freundlich empfangen. Es war zwar klein und nur mit Stroh gedeckt, aber die Gastfreundlichkeit seiner Bewohner machte die Armut wett. In diesem Häuschen lebten schon lange Jahre in Liebe und Eintracht der alte Philemon und seine Frau Baucis. Sie waren so arm wie ihre Wohnstatt, sie waren Herr und Diener zugleich. Als die Wanderer die niedrige Hütte betraten, bat sie Philemon, Platz zu nehmen, und Baucis tischte auf. Sie schürte im Kamin das fast erloschene Feuer, stellte einen Kessel mit Wasser auf, kochte ein Stück Geräuchertes und reichte den Gästen Salat und Radieschen dazu, sowie Käse und Eier. Philemon brachte einen guten Tropfen herbei. Und als Nachspeise erhielten die Gäste eine Honigwabe, Feigen und Datteln. Das war alles, was die Alten geben konnten, und es war reichlich, denn es kam von Herzen.Die Alten wussten nicht, wer ihre Gäste waren, aber bald erkannten sie es. Obwohl Philemon nicht nachgiessen konnte, füllte sich der Krug durch den Willen der Götter immer wieder aufs Neue mit Wein. Philemon und Baucis erkannten, dass sie von Göttern besucht wurden. Sie rangen die Hände und baten demütig, ihnen das bescheidene Essen zu verzeihen. Um ihre Schuld zu tilgen, liefen sie in den Hof hinaus und begannen ihre einzige Gans zu jagen. Aber die beiden hatten einen schwachen Atem, und die Gans hatte schnelle Flügel. Sie entkam und begab sich unter den Schutz der Gäste, die sie verschonten. «Wir sind Götter», sprachen sie zu den Alten, «und für eure ungastlichen Nachbarn wird die Strafe nicht ausbleiben. Verlasst eure Hütte und geht mit uns auf jene Anhöhe.» Philemon und Baucis eilten, sich auf ihre Stöcke stützend, den Göttern hinterdrein. Als sie am Fuss der Anhöhe zurückschauten, sahen sie die Ortschaft im Wasser versinken. Nur ihre Hütte hatte keinen Schaden genommen. Vor ihren Augen verwandelte sie sich in einen Tempel. Der Göttervater wandte sich an die beiden Alten und sprach freundlich zu ihnen: «Eure Güte soll belohnt werden. Sagt mir euren Wunsch. Er wird in Erfüllung gehen.» Philemon und Baucis berieten sich ein Weilchen, dann sagten sie: «Wir möchten die Wächter des Tempels werden. Und wenn unsere Zeit abgelaufen ist, möchten wir zusammen sterben, so wie wir bis jetzt gemeinsam gelebt haben.» Die Götter erfüllten ihnen die Bitte. Solange sie lebten, waren sie die Wächter des Tempels. Und als ihre Stunde kam, sah Philemon plötzlich, wie sich Baucis in grüne Blätter einhüllte und Baucis erblickte Philemon, von grünen Blättern umgeben.
«Leb wohl, liebe Frau!»
«Leb wohl, lieber Mann!», sprachen sie leise, bevor ihre Stimmen in den Baumkronen verstummten. Seitdem stehen auf dieser Anhöhe eng beieinander eine Eiche und eine Linde.
Märchen aus Griechenland

Aus: Baummärchen aus aller Welt, Mutabor Verlag


Das Geschenk für den Vater

Ein Mann wollte einmal in die weit entfernte Stadt fahren. Da fragte er seinen Vater: «Was für ein Geschenk soll ich Euch mitbringen, Väterchen?»
«Mein lieber Sohn», antwortete der Vater, «bringe mir was übrig bleibt vom Essen und die Brotkrümel als Geschenk.» Der Sohn ging mit seinen Gefährten auf die Reise und sie nahmen reichlich zu essen mit, denn es war Winter und der Weg lang. Unterwegs aber packte er alle Reste und Brotkrümel in einen Stoffbeutel. Seine Weggefährten lachten ihn aus: «Du sammelst die Reste von unserem Essen, warum tust du das?» «Ich sammle sie als Geschenk für meinen Vater, er hat mir dies aufgetragen», gab er zur Antwort. Auf der Rückreise kamen sie durch eine Gegend, die einsam und verlassen war. Ein Schneesturm kam auf und die Männer mussten sich in einer Hütte verstecken. Ihre Vorräte aber waren aufgebraucht und sie hungerten und froren. Da fiel dem Mann der Beutel ein und sie nahmen ihn und assen drei Tage davon, bist der Schneesturm sich legte und sie ihren Weg fortsetzen konnten. Als der Sohn nach Hause kam, fragte ihn der Vater: «Nun, mein Sohn, hast du mir das versprochene Geschenk mitgebracht?»
«Nein, Väterchen», sprach der Sohn, «ich habe wohl alle Reste gesammelt und die Brotkrümel in den Stoffsack getan. Doch unterwegs gerieten wir in einen Schneesturm und nur das Geschenk für dich hat uns am Leben erhalten.»
«Nun, das macht nichts», sprach der Vater, «denn mein Geschenk hatte ich mir eigens dafür gewünscht, dass es euch helfen möge, wenn ihr in Not geratet.» Und Vater und Sohn umarmten sich.

Märchen aus der Ukraine

© Mutabor Verlag, aus: Wintermärchen aus aller Welt