Die Spinnerin am Aletschgletscher - Sage, Johannes Jegerlehner

Die Spinnerin am Aletschgletscher

Johannes Jegerlehner
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Einer der längsten und grossartigsten Gletscher der ganzen Alpen­welt ist der Aletschgletscher. Mannigfach sind die Formen seiner Eistürme, die aus seinem Rücken aufragen, unermesslich die Zahl der tiefen grünen Spalten, die ihn nach allen Richtungen durch­queren. In diesen Spalten, wo die Wasser rauschen und gurgeln wohnen die Seelen, die noch der Reinigung bedürfen, und am Aletschgletscher werden die kleinen Kinder geholt und in die Hüt­ten getragen.

Einst ging ein Lehrer mit seinen Schülern spazieren. Kaum hatten sie das Eis betreten, so hielt der Lehrer betroffen inne und wehrte den Schülern, den Weg fortzusetzen. Als sie ihn verwundert frag­ten, warum er auf halbem Wege stehen bleibe, sagte er: «Ja, wenn ihr jetzt schauen könntet, was ich mit meinen Augen sehe, würdet ihr erschrecken, und ihr begehrtet keinen Schritt weiter zu gehen; denn im Gletscher wimmelt es von armen Seelenl» Als die Schüler über das Gletscherfeld wegschauten und nichts bemerken konnten und deshalb die Köpfe schüttelten, rief er einen her und sagte: «Steh hinter mich, heb den linken Fuss und schaue mir über die rechte Achsel!» Der Schüler tat, wie ihm geheissen wurde, und was er nun sah, trieb ihm die Haare zu Berge. Aus den blauen Eis­spalten sah er die Köpfe so vieler armen Seelen emportauchen, dass man keinen Fuss hätte dazwischenstellen können. Da machte der Lehrer kehrt und mit ihm die Schülerschar, und an diesem Tage wurde der Spaziergang nicht fortgesetzt.

 

Nahe beim Gletscher stand ein wetterschwarzes Holzhüttchen, an das sich die alten Leute noch erinnern können, in dem eine Witwe wohnte. Ein entfernter Verwandter trug ihr jedesmal, wenn er mit dem leeren Käsräf aus dem Speicher unten im Walde heimkehrte, eine Bürde Holz zu, so dass sie im Winter brav einheizen konnte. Sie vertrieb sich die Einsamkeit mit Spinnen, und wenn sie früher die Altschmidja geheissen wurde, so nannten sie jetzt die Talleute bald nur noch die Spinnerin am Aletsch. Sie betete oft für die armen Seelen im Gletscher, und wenn sie bis tief in die Nacht hinein spann, vermischte sich das Murmeln ihrer Gebete mit dem Schnurren des sausenden Spinnrades. Die Haustür liess sie jede Nacht ein bisschen offen, damit die armen Seelen in ihre warme Stube hineinkommen und sich beim grossen steinernen Ofen erwärmen konnten. Doch durften die Seelen des Aletschgletschers nicht eher herein, als bis sich die Alte zur Ruhe begeben hatte. Damit sie auch wussten, wann dies geschehe, öffnete die Witwe ein Fenster und rief gegen den Gletscher hinunter: «Jetzt - mir aber weder zum Schaden noch Nachteil!» Dann liess sie ein Stümpfchen Licht brennen und ging zu Bette. Bald wurde die Haus- und die Stubentür wie von zarter Frauenhand sachte geöffnet, ein kalter Windhauch fuhr hinein, und nun trippelte und trappelte es herein, als wenn sich unzähliges Volk in die Stube und zu dem Giltsteinofen drängte. Das ging die ganze Nacht hinein und hinaus wie in einem Bienenkorb, aber die gute Witwe schlief fest in ihrem Bette, die Decke bis an die Schläfen heraufgezogen und sah und hörte nichts. Gegen Morgen, wenn im Tale unten zum Rosenkranz geläutet wurde, verschwand die Gei­sterschar, die Frau kleidete sich an, kochte die Milch und setzte sich wieder ans Spinnrad. So ging es jede Nacht, den ganzen Winter hindurch.

An einem überaus kalten Winterabend blieb sie länger als ge­wöhnlich an ihrem Spinnrocken, weil sie den Rest von ihrem Werg noch abspinnen wollte. Darüber verstrich die Zeit, und Mitternacht rückte heran. Sie vernahm schon seit einiger Zeit ein leises Ge­summe, aber sie glaubte, das sei der Gesang ihres Spinnrades. Auf einmal rief jemand ganz deutlich vor ihrem Fenster: «Schoch, Schoch, Schoch, d' Altschmidja spinnt noch», d. h. uns friert, und die Alt­schmidja spinnt noch. Die Frau hielt das Rad an, trat ans Fenster und rief hinaus: «Ich weiss es wohl, ich will nur noch diese Locke Werg abspinnen!» Das ging aber länger, als sie geglaubt hatte, und bald ertönte es draussen von neuem: «Schoch, Schoch, Schoch, d' Altschmidja spinnt noch!» Da verlor sie die Geduld und rief hin­aus: «Wenn ihr nicht warten möget bis ich fertig bin, so kommt halt herein», aber sie vergass beizufügen: «Mir unschädlich!» Da flogen die Türen mit einem heftigen Ruck auf, ein ganzer Schwarm unsichtbarer Geister drängte herein, und das rauschte und summte und brummte und wollte kein Ende nehmen. Sie hielt die Hand aufs Herz, und ihr wurde auf einmal so heiss am Spinnrad, dass die Schweisstropfen über die Wangen perlten. Sie konnte sich nicht mehr rühren, weder vorwärts noch rückwärts, die Stube war übervoll, und da musste sie sitzend am Spinnrad warten, bis am Morgen die unheimlichen Geister wieder verschwanden. Sie nahm es für eine Strafe dafür, dass sie die Geister so lang in der eiskalten Luft draus­sen hatte warten lassen, und von nun an spann sie nicht mehr über die gewöhnliche Zeit hinaus. Wenn die Stunde da war, liess sie ein Lichtlein brennen, gab das Zeichen zum Fenster hinaus und schlüpfte ins Bett.

So verstrichen noch viele Jahre, und die Altschmidja fühlte die Last des Alters und das Versagen ihrer Kräfte. Auf einmal nahmen diese so rasch ab, dass sie wusste, jetzt hange ihr Leben nur noch an einem Fädchen. Sie bat den Buben, der ihr in der Traggabel einen neuen Stoss Holz heraufbrachte, ihr eine Krankenwärterin zu bestellen. Am nächsten Tag lag sie schon in den letzten Zügen. Der Bub brachte zwei Verwandte als Wärterinnen mit, und diese wuss­ten, wie gut die Altschmidja mit den armen Seelen im Gletscher gewesen war. Als die Nacht hereinbrach, wunderten sie sich, was jetzt die Gletscherseelen wohl tun werden, wenn ihre gute Freundin gestorben sei. Da hörte man vor dem Fenster rufen: «Schoch, Schoch, Schoch, d'Altschmidja lebt noch!» Die Sterbende hob ein wenig den Kopf, und ein Lächeln der Freude glitt über die runzeligen Züge, dann faltete sie die. Hände und verschied. Da wurde es hell vor dem Fenster, als ob plötzlich der Vollmond hinter schwarzem Gewölke hervorbräche, und die beiden Krankenwärterinnen sahen, wie die flackernden Flämmchen in langen Reihen langsam von der Hütte gegen den Gletscher hinunterglitten wie in einer Prozession und plötzlich erloschen, wenn sie bei den Gletscherspalten anlang­ten. «Das werden die armen Seelen sein mit den Nachtlichtern, welche die Altschmidja für sie hat brennen lassen», sagten sie zu­einander. «Die geben ihr nun zum Dank für ihre Guttaten das Ge­leite zu dem Ort, wo sie auch das Letzte abbüssen wird.»

 

Quelle: Johannes Jegerlehner: Walliser Sagen, Hans Feuz Verlag Bern, 1959

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.