Die Geschichte eines Zauberers - Zaubermärchen

Die Geschichte eines Zauberers

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Zaubermärchen

Ein Vater hatte zwei Söhne. Eines Tages sagte er zum ältern, der Giovannino hieß, er solle in die Stadt gehen, Käschen zu kaufen, damit man sie zur Polenta essen könne.
Der Knabe machte sich also auf den Weg. Aber auf der Straße blieb er bald da, bald dort stehen und vertrödelte die Zeit. Bald wurde es Nacht, und er verirrte sich im Walde. Da sah er in der Ferne etwas Helles schimmern. Er ging darauf zu. Es war aber das Haus eines Zauberers. Er klopfte an die Tür. Da schaute die Frau des Magiers zum Fenster hinaus und sprach zu ihm: «Nun, wenn du hier bleiben willst, so verstecke dich in dem Backofen, sonst, wenn der Zauberer heimkommt, isst er dich auf in einem Bissen» Giovannino war zufrieden, im Backofen übernachten zu können. Nicht lange darnach kam der Zauberer heim. Er ging herum und schnüffelte mit seiner Nase. wobei er sprach:

Musi, musi, pumpelusi,
Hier riecht's nach Menschenfleisch.

Dann schritt er auf den Backofen zu und zog den Buben heraus. Der arme Knabe fiel in seinem furchtbaren Schrecken dem bösen Manne vor die Füße nieder und bat, ihn nicht zu fressen. Und dieser antwortete: « Wenn du das tun willst, was ich dir sage, so will ich dich am Leben lassen. Du musst mir den Ziehbrunnen ausfegen, den wir seit hundert Jahren und einem Tag nicht mehr geputzt haben.»
«Gerne will ich es tun», antwortete Giovannino. Also ließ er sich in den tiefen Ziehbrunnen hinab gleiten und fing an, Boden und Wände zu fegen. Der Zauberer hatte jedoch einigen Männern befohlen, Steine und Erde hinunter zuschaufeln, um ihn damit zu erdrücken.

Sie glaubten schon längst, der Kleine sei tot, und der Zauberer dachte bereits daran, ihn herauszuholen und aus ihm ein Essen zu bereiten, als er bemerkte, wie Giovannino den Kopf zur Zisterne hinausstreckte. Und während der Knabe ganz hinauskletterte. sagte er: «Was ist dir in den Sinn gekommen, die Hühner hinunterzulassen, damit sie dort scharren konnten!»
«Gut», sagte der Zauberer, «morgen wollen wir in den Wald hinaufgehen, um einen Baumstamm zu spalten. Du musst mir alle großen Keile hintragen.» «Wie viele sind's?»
«Hundertundeiner.»

Als sie im Wald oben angelangt waren, machten sie sich an die Arbeit, den gewaltigen Baumstamm zu spalten, aber es fehlten gerade noch die zwei Keile, die Giovannino absichtlich zu Hause vergessen hatte. Da brummte der Zauberer: «Warum hast du sie nicht mitgebracht?» Der Knabe antwortete: «Eure Frau hat mich geheißen, zwei davon daheim zu lassen», worauf der Zauberer sagte: «So spring schnell hinunter und lass sie dir geben!»

Giovannino rannte hinab zur Zauberin und sprach zu ihr: «Der Zauberer hat befohlen, ihr sollt mir alles Geld geben, das ihr im Hause habt!» Die Frau aber wollte es nicht recht glauben; sie stellte sich ans Fenster, hielt beide Hände an den Mund wie ein Sprachrohr, damit man sie weithin höre, und rief in den Wald hinauf: «Soll ich ihm wirklich alles geben?» Und der Magier schrie zurück: «Alles, ich hab es dir ja gesagt!»
Darauf gab die Zauberin ihm alles Geld mit, und der Schelm machte sich damit davon. Da begegnete er einem Schäfer mit seiner Herde, bei welchem er ein Lamm kaufte und zu ihm sagte: «Nun will ich mir den Bauch öffnen und meine Eingeweide mit denen des Schäfleins tauschen. Dann kann ich schneller laufen und der Zauberer erwischt mich nicht mehr.»

Das sagte er aber nur, um den Magier zu täuschen. Inzwischen wartete der Zauberer immer noch auf seine Rückkehr. Als er merkte, dass der Knabe sich nicht mehr blicken ließ, eilte er ihm nach und traf unterwegs auf den Hirten, der ihm alles erzählte.

Sogleich kaufte der Zauberer ihm auch ein Schaf ab, tötete es, schnitt ihm den Bauch auf und nahm die Eingeweide heraus. Dann wollte er das gleiche an sich tun, starb aber dabei. So kehrte der listige Giovannino zwar ohne Käslein, aber mit einem Sack Geld nach Hause zurück und hatte die Welt von dem Zauberer befreit.

Quelle: Walter Keller, Tessiner Sagen und Volksmärchen, Märchen erzählt in Rovio von Luigia Carloni-Groppi, 1911

 

 

 

 

 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.