Der Rebhuhn-Braten - Fabel/Tiermärchen

Der Rebhuhn-Braten

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Fabel/Tiermärchen

 

 

Die Mutter des jüngeren Wolfes lebte noch, sie hieß Mutter Wolf. Der Wolf hatte außerdem einen alten Ver­wandten, den Lupone, der schon ganz kindisch gewor­den war. Ab und zu luden sie ihn zum Essen ein, weil er nicht mehr oft auf Jagd ging. Eines Tages brachte der Wolf zwei schöne Rebhühner nach Hause. «Mutter Wolf», sagte er, «gib dir Mühe beim Kochen, ich will nämlich den Lupone einladen. Ein Rebhuhn ist für ihn, das an­dere für mich.» Mutter Wolf machte sich gleich an die Arbeit. Als der Fuchs am Hause vorbeiging, stieg ihm ein feiner Duft in die Nase: «Da ist was Gutes im Topf!», dachte er und trat ein.

 

 

«Mutter Wolf, welch ein Duft! Was kochst du denn Gutes?»
«Zwei Rebhühner, eines für den jungen Wolf, das andere für den alten.»
«Wie gut du kochst! Man merkt's am Duft», sagte der Fuchs, «lass mich mal sehen!» Und schon hob er den Deckel.
«Wer weiß, ob sie auch gut gewürzt sind», fuhr er fort, «lass mich einen Flügel kosten.» «Das geht nicht», sagte Mutter Wolf, «weil der junge Wolf es merken wird.»
«Vielleicht sieht man's aber gar nicht», meinte der Fuchs, «kosten wir auf alle Fälle, vielleicht fehlt's am Salz.»

Mutter Wolf ließ sich überzeugen, schnitt einen Flügel ab und teilte ihn mit dem Fuchs. Er war ausgezeichnet. Der Fuchs hob den Deckel nochmals hoch. «Du hattest doch Recht, man sieht, dass der Flügel fehlt. Essen wir den andern auch, dann ist's symmetrisch und dein Sohn merkt nichts.»

Mutter Wolf wollte nicht so recht, schließlich ließ sie sich doch überzeugen. Kaum war der zweite Flügel ge­gessen, hob der Fuchs den Deckel wieder: «Oh, ein Schenkel hat sich abgelöst. Den essen wir auch.» Mutter Wolf meinte: «Wenn er schon abgelöst ist ... »

Im Nu war auch der Schenkel verschlungen. Dann sagte der Fuchs: «Jetzt wird dem Wolf aber sicher etwas auf­fallen. Essen wir auch den andern Schenkel, dann ist alles in Ordnung.»

 

 

Mutter Wolf wehrte sich ein wenig, aber dann gab sie nach und auch der zweite Schenkel verschwand. Dann verschaffte sich der Fuchs durch eine List eine halbe Brust. Die andere Hälfte gab er der leichtgläubigen Mut­ter Wolf. Und so war schließlich ein ganzes Rebhuhn in ihre Bäuche gewandert. Da ging Mutter Wolf in den Keller hinunter, um Wein zu holen, und überlegte, was sie ihrem Sohn erzählen sollte.

Unterdessen war der Lupone gekommen. «Welch ein Duft!», sagte er, schaute sich um und fragte: «Wo ist denn der Hausherr, der mich eingeladen hat?»
«Er ist gerade dabei, die Scheren und die Messer zu schlei­fen», sagte der Fuchs, «er will dir nämlich die Ohren ab­schneiden!»
«Eine schöne Einladung das!», sagte der Lupone und begriff gar nichts mehr. Er dachte, der Wolf sei wohl übergeschnappt, und machte sich davon, so schnell er konnte. Kurze Zeit darauf kam der Wolf nach Hause. «Ich bin dem Lupone begegnet. Der flitzte an mir vorbei wie der Wind. Ich habe ihn angesprochen, aber er hat überhaupt nichts gehört. Was ist wohl los?»
Der schlaue Fuchs sagte: «Der weiß wohl, weshalb er so läuft. Er hat dir nämlich die zwei Rebhühner gestohlen!» Da rannte der Wolf dem Lupone nach und schrie: «Gib mir wenigstens eines, gib mir wenigstens eines!»

 

 

Der Lupone meinte, er wolle seine Ohren, und lief vor lauter Angst noch schneller. Der andere hintennach, bis er müde wurde. Inzwischen hatte der Fuchs auch das zweite Rebhuhn gepackt und sich aus dem Staub gemacht, bevor Mutter Wolf aus dem Keller zurückkam. Der Streich war ihm auch diesmal gelungen!

 

Dieses Märchen aus Melide stellt uns Frau Pia Todorovic Redaelli liebenswürdigerweise aus ihrem Buch "Märchen aus dem Tessin", Limmat Verlag Zürich 2006 zur Verfügung. Das Buch ist im Handel erhältlich - ISBN 3 85791 501 3

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.