Der Spukgeist von Losone - Sage

Der Spukgeist von Losone

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Als der Alfiere gestorben war, blieb sein Haus während vielen Jahren geschlossen. Das Land ringsum nahmen mit der Zeit bald der eine, bald der andere Nachbar in Beschlag. Schliesslich fand auch das Haus einen Eigentümer in der Person eines gewissen Gianmaria, der behauptete, er sei mehr oder weniger direkter Erbe dieses Gebäudes und erklärte sich als dessen Besitzer, ohne Widerspruch zu finden. Dann nahm er eine Frau, und richtete sich ein.

Es dauerte nicht lange, so sagte Gianmaria zu seiner Frau, er müsse schnell ausgehen und werde bald wieder zurück sein. So blieb die Frau allein und setzte sich an ihren Spinnrocken, um zu arbeiten. Aber sie hatte einen grossen Schlaf. Plötzlich war es ihr, als hörte sie draussen im. Hausgang sonderbare Schritte, die auf der Treppe tac .. . tac .. . tac widerhallten. Jetzt könnt ihr euch denken, wie rasch ihr der Schlaf verging. Sie horcht, sie hält den Atem zurück, sie macht sich ganz klein. Doch der Lärm wird immer grösser. Die Schritte nähern sich. Nun sind sie draussen vor der Tür. Jetzt werden sie unsicher, wohin sie sich wenden sollen. Schliesslich gelangen sie zur Kellertreppe und steigen mit sicherem Schritt hinunter. Dort angekommen, halten sie inne und dann, als ob sie vor einer verschlossenen Türe angelangt wären, steigen sie wieder die Treppe empor, und diesmal flink bis in den Estrich hinauf.

Die arme Frau, die vor Angst mehr tot als lebendig war, machte weder eine Bewegung noch getraute sie sich um Hilfe zu rufen. Sie blieb wie angenagelt an ihrem Platz, indem sie ihre Augen auf das Herdfeuer richtete, wo ein grosser Holzklotz brannte und von Zeit zu Zeit Flämmchen emporstiegen, die wie glühende Zungen aussahen. Als ihr Mann schliesslich heimkam — es schien ihr eine Ewigkeit, fand er sie in dieser Stellung, wie wenn sie eine leblose Statue wäre. Und als er sah, dass sie sich nicht bewegte, dachte er, sie mache es zum Spass. Da sie aber auf wiederholte Fragen nicht antwortete, sondern ihn mit entgeisterten Augen seltsam anschaute dachte er, sie wäre verhext, wie das zu jenen Zeiten leicht geglaubt wurde. Schliesslich brach die Arme in ein starkes Weinen aus, und als sie sich davon erholt hatte, berichtete sie ihm den ganzen Vorfall. Da blieb Gianmaria höchst erstaunt; doch wollte er nicht dergleichen tun, als ob er Angst hätte. Niemals! Er fing an zu lachen, um seiner Frau Mut einzuflössen und sich selber auch, denn er hatte es gerade so nötig, wie sie. Schliesslich sagte er zu ihr, sie habe gewiss geträumt, und so wusste er sie zu überzeugen, dass es wirklich ein Traum gewesen sei.

So ging es einige Zeit, ohne dass der Mann nötig hatte, abends auszugehen. Und die Furcht hörte nach und nach auf. Einst aber wurde er zu einem Gevatter gerufen, um ihm im Stall bei einem Ochsen zu helfen, der spät am Abend krank geworden war. Die Frau wollte nicht, dass er hingehe; aber er behauptete, man müsse einander in solchen Fällen immer gegenseitig Hilfe leisten. Und damit ging er weg. So blieb sie nahe beim Feuerherd, aber mit bedrücktem Herzen. Da auf einmal hörte man mitten in der Stille der Nacht den Schrei eines Käuzchens und dann den Schritt eines Unbekannten, der die Treppe hinabstieg, ganz hinunter bis in das Kellergewölbe. Diesmal war die Kellertür offen geblieben und man vernahm das Klirren und Gerassel von Eisenstücken. Auch war der Schritt des Unbekannten schwerfällig. Nun ist er oben an der Treppe angelangt. Und jetzt ist er vor der Küchentür. Da plötzlich wird diese von wuchtiger Hand aufgesperrt. In diesem Augenblick glitt die Frau vor Schrecken vom Stuhl zu Boden und fiel ohnmächtig der Länge nach auf eine erhöhte Platte des Herdes. Und in dieser Verfassung fand sie ihr Mann, der bald nach dem Freundesdienst heimgekehrt war. Er gab sich alle Mühe, seine Frau wieder zur Besinnung zu bringen, denn er dachte, es sei ihr etwas Ähnliches passiert wie das letzte Mal. Als die Arme sich erholt hatte, erzählte sie ihm, was sie erlebt hatte. Er wusste aber nicht, was er darauf antworten sollte. Sie wollte in ihrer Verzweiflung sofort aus dem Haus fortziehen. Er sagte jedoch weder ja noch nein. Ausziehen? Ja, das können freilich solche, die noch andere Häuser haben. Wer aber nur ein einziges besitzt, für den ist das nicht so leicht zu machen, als man es\\\' sagen kann. Ohne Geld, ohne Mittel ist das eine verzweifelte Sache.

Da fiel ihm ein, es dem Pfarrer zu erzählen und ihn zu bitten, er möge kommen, das Haus zu segnen und die bösen Geister zu vertreiben. Dieser kam auch und erfüllte seinen Wunsch. Und wirklich hörte man für lange Zeit nichts mehr. Gianmaria berichtete den Vorfall auch einigen alten Männern im Dorf. Diese erinnerten sich, dass man früher von einem Goldschatz erzählt hatte, den ein Verstorbener versteckt habe. Und ein solcher könne keine Ruhe mehr finden, weder in dieser Welt noch in der zukünftigen, bis er einem Lebenden die Stelle bezeichnet habe, wo das Geld vergraben sei. Darum sei auch der Alfiere ständig unterwegs, vom Estrich bis in den Keller, wo der Schatz gewiss verborgen liege.

 

Am Kaminfeuer der Tessiner                                   

Walter Keller                                                         

Hans Feuz Verlag Bern

 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.