Der schwarze Wassermann

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Im September des Jahres 1868, zur Zeit des schrecklichen Hochwassers, haben zwei Bauersleute im Valser Mayensässe »au] dem Boden« in Peil den schwarzen Wassermann gesehen, welcher bei seinem Erscheinen stets schreckliche Regengüsse mit sich bringt. Wird er jedoch, so grausig er an­zusehen ist, und »wüst« tut, von Jemandem freundlich angeredet, ist das stets nachfolgende Unwetter ohnmächtig, zu schaden; wird er es aber nicht, gibt\'s grossen Schaden. - Zu dieser Zeit nun, als Ende September 1868 der Regen schon mehrere Tage angehalten hatte, waren die beiden Bauers­leute eben besorgt, ihre Viehhabe vom untern Stalle (den das Bergwasser wegzuschwemmen drohte) in den obern zu bringen, und ihre Alpenhütte durch Wuhrungen dem entfesselten Elemente zu entreissen. Schon drangen die Wellen und Schlammfluten in die untern Räumlichkeiten; immer wieder mussten die Bedrängten teils das angesammelte Wasser entfernen, teils erneuerten Zudrang verhüten, bis endlich Stall und Keller wasserfrei waren, und die armen Leute todtmüde und bangen Herzens sich auf ihr Lager warfen. -

Unterdessen regnete es immerfort stärker und stärker; der Bach wurde immer grösser; er riss massenhaft Geschiebe und Gerölle von den Abhängen herab, und schrecklich tosete und polterte das angeschwollene Gewässer, so dass die armen Bedrängten vor lauter Angst doch nicht ruhen konnten; sie traten vor die Hüttentüre. - Ihr Häuschen war von der Flut umringt. - Der Regen goss in Strömen, der Blitz »züngelte« schrecklich, des Donners Widerhall in den Bergen war furchtbar. -

Das Leuchten des Blitzes liess sie eine schwarze Gestalt erkennen, die durch das Wasser gegen das Häuslein watete. Und diese schwarze unheim­liche Erscheinung machte bald gar sonderbare, geisterhafte Bewegungen, tanzte im Wasser, wälzte sich in der »Gudla« herum und peitschte die Wellen mit Händen und Füssen, dass sie hoch aufspritzten. Darauf sprang die Gestalt empor, klatschte mehrere Male mit den Händen, und bei jedem »Klatsch« fiel der Regen in doppelt starken Strömen nieder; - dann stiess sie ein heiseres Geschrei aus, worauf von allen Halden herum Rüfen und Erdschlipfe mit furchtbarem Getöse in\'s Tobel hinunterrutschten. - Mit Entsetzen gewahrten die armen Leute, dass dieser Wasser-Butz Ziegenfüsse hatte. -

Auf einmal sprang die Gestalt mit einem fürchterlichen Schrei und Ge­heul aus dem Wasser und über den Hügel weg, worauf dicht neben dem Häuslein eine mächtige Rüfe ausbrach und in den Bach hinunterrutschte - »Das war der schwarze Wassermann«, schrien die beiden Leutchen, und sanken vor Schrecken auf der Türschwelle zusammen. Nach einer guten Weile erst erholten sie sich wieder und schleppten sich auf ihr Lager, wo sie endlich doch, trotz Sturmesgrausen, in kurzem Schlafe Ruhe fanden nach so furchtbarer Aufregung und Bekümmernis. -

Am Morgen, als sie sich aus dem Häuschen wagten, erblickten sie ringsum nur Wasser und Rüfen, Schutt und Gerölle. »Das hat der schwarze Wassermann getan «, schrien sie mit von Schmerz halberstickter Stimme, »hätten wir ihn doch nur angeredet, so wäre dies Alles nicht ge­schehen!«

Quelle: Volksthümliches aus Graubünden, D. Jecklin, vollständige Neuauflage, Berlin 2014

 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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