Die gestörte Seligkeit

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Vor vielen Jahren lag im Walliser Dorf Ernen ein siebenjähriges Büblein, das Joseli hieß, im Sterben. Als der Arzt sah, daß man's nicht mehr am Leben erhalten konnte, kamen die Eltern und Geschwister und auch der alte Großvater und waren alle gar lieb mit dem todkranken Büblein und baten es um Verzeihung, wenn sie ihm im Leben etwa weh getan hätten.

Da sagte das sterbende Kind verdrossen: "Ja, ich will allen verzeihen, aber dem Großvater nicht, weil er mir einmal kein Brot geben wollte, als ich hungrig war." Da mußten die Eltern und Geschwister doch noch fast lachen, obwohl ihnen traurig genug zumute war, denn sie erinnerten sich, daß der Kleine etwas gar zu oft über die Brotschublade gegangen war. Aber dann starb Joseli, und alle beweinten und betrauerten das Knäblein gar sehr und freuten sich, daß es nun bei den Engeln im Himmel die ewige Freude habe.

In der folgenden Nacht nun, nachdem das Büblein gestorben war, konnte der alte Großvater nicht schlafen. Da war ihm mit einem Male, er höre die Stimme seines verstorbenen Enkelchens rufen. Er hielt die Hand ans Ohr und horchte genauer.

Richtig, da rief es wieder. Es mußte die Stimme seines verstorbenen Joseli sein. Was kann doch das Büblein nur von mir wollen? dachte er. Es wird ihm doch nichts mehr fehlen, jetzt, wo's bei den Engeln im Himmel ist?

Aber jetzt rief des toten Bübleins Stimme zum drittenmal ganz deutlich: "Ach, Großvaterli, hörst du mich denn gar nicht? Warum gibst du mir denn keine Antwort?"

Ganz erschrocken richtete sich der alte Großvater im Bette auf und fragte: "Wie, bist du's, Joseli? Bist du denn noch nicht im Himmel?" - "Ach nein", antwortete die Stimme, "weißt halt, ich habe dir nicht verzeihen wollen, weil du mir einmal kein Brot gegeben hast, und deshalb darf ich nun nicht in den Himmel, bis du mir auch verziehen hast." - "Oh, ist's nur das, Joseli", rief der Großvater, "dann geh nur gleich in den Himmel, ich verzeihe dir von Herzen gern."

Da ward es totenstill in der Kammer. Aber auf einmal hörte der alte Großvater eine überaus liebliche Musik, und daraus hervor hallte der Jubel seines verstorbenen Enkelchens, das nun geradeswegs in den Himmel hinauf schwebte.

*

In Reiden im Luzernerland lebten einmal ein Mann und eine Frau. Die hatten zwei Kinder, ein Büblein und ein Mägdlein. Den ganzen Tag spielten sie zusammen vor dem Hause und auf der Öle des Vaters, wo er Öl zu bereiten pflegte. Aber oft mußte die Mutter von Hause weg, denn sie hatte manchmal anderen Frauen, denen man plötzlich ein Wickelkindlein ins Haus brachte, zu helfen. Eines Tages nun mußte sie auch wieder fortgehen, und auch ihr Töchterchen hatte irgendwie zu tun und konnte deshalb nicht nach ihrem kleinen Brüderchen schauen. Da übergab die Mutter das Büblein dem Vater, daß er's auf die nahe Öle mitnehme, und gar sehr legte sie ihm's ans Herz, daß er ja auf den Kleinen recht achtgeben solle. Dann ging sie eilig weg. Nun begab sich der Vater mit seinem Knaben vom Hause weg in die nebenanstehende Öle, wo er arbeitete. Wie er aber mitten in der Arbeit steckte, vergaß er für eine kurze Zeit, nach seinem Knaben zu schauen, doch dachte er, er werde ja wohl vor der Öle spielen. Jedoch das Büblein, das noch keinen Verstand hatte und gar so klein war, ging von der Öle weg zu einem nahen Weiher. Dort begann es zu spielen und Steine ins Wasser zu werfen. Als es aber Blumen am Bord pflücken wollte, stürzte es kopfüber ins Wasser und ertrank. Bald nachher vermißte der Vater sein Söhnchen und ging voll Angst auf die Suche, und jetzt zog er das tote Knäblein aus dem Weiher.

Inzwischen war die Mutter wieder nach Hause zurückgekehrt und wunderte sich, daß ihr Kleiner noch nicht da war. Da rumpelte es die Stiege herauf, die Türe ging auf, und nun brachte ihr der niedergeschlagene Vater das tote Büblein in die Stube. Die Mutter konnte es erst gar nicht glauben, daß ihr Liebling tot sei, und als sie's doch glauben mußte, da kam sie schier um den Verstand und weinte Tag und Nacht. Und obwohl sich der Vater nach und nach tröstete und sagte, das Kind sei ja im Himmel, wo man's so viel tausendmal besser habe als auf der traurigen Erde, wollte sich die Mutter doch nie trösten lassen. Und als sie nicht mehr weinen konnte, wurde sie noch trübseliger und schlich herum wie der Schatten an der Wand.

Aber eines Nachts, als sie zum Tode betrübt in ihrem Laubbette lag und vor Heimweh nach ihrem ertrunkenen Söhnchen keinen Augenblick schlafen konnte, vernahm sie mit einem Male eine wunderbare Musik, die vor dem Hause zu sein schien. Es wunderte sie, was da draußen in der finstern Nacht wohl los sein könnte, und sie huschte ans Fenster. Leise öffnete sie's, und nun erblickte sie um den Weiher, der nahebei zwischen dem Häuschen und der Öle lag, in einem taghellen Schein eine große Schar Engel, wovon gar viele auf goldenen Harfen spielten. Und da sah sie, wie sich alle freuten und wie sie leuchteten vor Seligkeit. Das machte sie noch trauriger, denn nun fiel ihr erst recht wieder ihr ertrunkenes Söhnchen ein. Aber als sie genauer nach den musizierenden Engeln sah, erkannte sie plötzlich ihr eigenes Büblein, das in seinem weißen Totenhemdchen traurig unter den Engeln stand und nichts von der Musik zu hören schien. Sie erschrak und weinte bitterlich.

Da sah sie, wie ihr Söhnchen nach ihr hin blickte. Sie nahm sich zusammen und fragte in die Nacht hinaus: "Büblein, warum bist du so traurig, da du doch in der Seligkeit bist?" - Jetzt rief ein leises Stimmlein vom Weiher her: "Mutter, wie sollte ich denn nicht traurig sein, wenn du immer darüber weinst, daß ich in der ewigen Seligkeit bin."

Das gab der Mutter einen Stich ins Herz. Sie trocknete erschrocken die Tränen und gelobte sich im Innersten, nie mehr zu weinen, sondern sich der Seligkeit ihres Kindes zu freuen und es also in treuem Andenken zu bewahren. Als sie wieder aufschaute, sah sie die Engel mit ihren goldenen Harfen himmelauf fahren, und darunter meinte sie auch ihr Büblein zu sehen, das nun jubelnd in schneeweißem Kleidchen gen Himmel schwebte. Dann ward es auf einmal stockdunkle Nacht. Sie schloß das Fenster, aber noch lange hörte sie eine ferne himmlische Musik und war von da ab getröstet.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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