Der Hexenmeister

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Einst hauste an der Teufelsbrücke bei Einsiedeln im Kanton Schwyz ein Wunderdoktor. Er war so berühmt, daß man ihn in der halben Welt herum kannte, denn es gab keine Krankheit, für die er nicht ein Mittel gewußt hätte. Er hatte einen sonderbaren langen Namen, denn er hieß Theophrastus Bombastus Augustinus Aureolus Paracelsus von Hohenheim.

Aber was ihn schier noch berühmter machte, waren seine Zauberkünste, die er allüberall verübte, denn er war ein großer Hexenmeister. Da wäre gar vieles zu erzählen. So ließ er unter anderem einmal einen lustigen Spielmann von St. Gallen aus der Stadt auf einem Schimmel durch die Luft mitten unter die Tagsatzungsherren zu Baden reiten. Dieser Paracelsus oder Raster, wie ihn die Einsiedler Bauern nannten, besaß einen Degen, in dessen Knopf alle vier Elemente steckten. Was man aber mit dem Degenknopf berührte, verwandelte sich sogleich in lauter lötiges Gold.

Ich will aber nur noch berichten, was der Einsiedler Klosterherr Gall Morell selig vom Absterben des Hexenmeisters zu erzählen weiß. Bei Rasters Tod soll es wunderlich zugegangen sein. Raster hatte einen Schwager, der auf ihn neidisch war und ihm besonders seinen großen Namen mißgönnte. Also beschloß er, ihn zu töten, und zwar durch Vergiftung mittels eines Diamanten, den er für das sicherste Mittel zu diesem Zwecke hielt. Der Vorsatz wurde ausgeführt. Raster nahm das Gift, merkte aber sogleich, wo das herkomme und wer es ihm gegeben. Darauf verlangte er eine Kreide und zeichnete das Bild des Schwagers, der nicht zugegen war, an die Wand. Als dies geschehen, verlangte er auch Bogen und Pfeil und schoß den Pfeil in das Herz des Bildes, und siehe, der Schwager fiel im gleichen Augenblick tot zu Boden. Jetzt verlangte der vergiftete Zauberer allein zu sein, um ein Gegengift zu bereiten. Alles zog sich zurück, er schloß sich in sein Zimmer ein und begann seine Zauberkünste. Die Nachbarn aber reizte die Neugier und die Sorge um ihn, und sie beobachteten ihn durch eine Spalte in der Wand des Zimmers. Aus Schrecken über das, was sie gesehen, oder aus irgendeiner anderen Ursache sprengten sie die Türe, worauf er ihnen erschrocken entgegenrief: "Ihr habt mich getötet, Freunde, ihr seid meine Mörder, denn jetzt ist mein Gegenzauber vereitelt!" Die Freunde hörten das mit Entsetzen, entschuldigten sich und gingen dann nach seinem Wunsche wieder fort.

Nur ein treuer Diener war zurückgeblieben. Dem wollte er ein Andenken hinterlassen und ließ ihm die Wahl zwischen seinem Degen und seinen Büchern. Der Diener besann sich lange. Da er aber die Kunst des Degenknopfes nicht kannte oder denken mochte, er werde ihm doch nicht entgehen, wählte er die Bücher. Sofort trat er wieder vor seinen Herrn und sagte: "Gebt mir die Bücher." Raster war hiemit übel zufrieden und erwiderte: "Ich hätte lieber gesehen, du hättest den Degen gewählt; da es aber so ist, so magst du die Bücher behalten. Das Schwert dort nimm und wirf es in die Sihl, das soll niemand erben." Jetzt merkte der Diener, daß er nicht die rechte Wahl getroffen, nahm das Schwert, warf es aber nicht in die Sihl, sondern versteckte es in einem Busche, aus dem er es nach dem Tode Rasters wieder hervorzuholen gedachte. Darauf kehrte er zu seinem Herrn zurück, und als dieser fragte: "Hast du nach meinem Wort getan?" antwortete er: "Ja, Herr." Da ergrimmte der Zauberer, der schon ahnte oder wußte, was vorgegangen war, und drohte, den Diener wegen seines Ungehorsams zu erschießen, wie er den Schwager erschossen hatte. Zitternd ritt der Diener zurück, holte den Degen aus dem Busch, brachte ihn seinem Herrn und gestand seine Schuld. Dieser wiederholte den früheren Befehl. Der Degen wurde in die Sihl geworfen. In dieser aber fing es an zu brausen und zu tosen, Steine sprangen auf, der Boden bebte und mit ihm das Haus des sterbenden Paracelsus. Dieser, im Gefühl des nahen Todes, sprach zu seinem Diener: "Jetzt weiß ich, daß du meinen Befehl befolgt hast, daß keiner mein Schwert erben wird und daß für mich die Stunde da ist, aus der Welt zu gehen." Und so starb er.

Quelle: Meinrad Lienert, Schweizer Sagen und Heldengeschichten, Stuttgart 1915

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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