Rothes Tüchlein bei Kastelen - Sage

Rothes Tüchlein bei Kastelen

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Aus fernen Landen war ein Flüchtling nach Thalheim gekommen im Jura und hatte sich da das Schloss Castelen hinter der Gislifluh gekauft, das er in aller Zurückgezogenheit nur mit einem Knechte und einer Magd bewohnte. Nach und nach gewannen er und der Knecht diese Magd zugleich lieb. Als sie aber unerwartet einen Knaben gebar, jagte der Herr den Knecht aus dem Dienste, die Mutter aber warf er sammt ihrem Kinde in einen unterirdischen Kerker des Schlosses und brachte Beiden manches Jahr selber ihr Essen hinab. Als nachmals der Flüchtling wieder in sein Vaterland zurückkehren konnte, erdrosselte er die Magd im Kerker, ihren Knaben, der indess gegen zehn Jahre alt geworden war, that er zu einem Bauern auf dem Berge ins Versteck. So erfuhr der Bauer aus dem Munde des Kindes bald die Unthat und machte davon Anzeige. Die Obrigkeit kam dem Mörder in weiter Ferne wieder auf die Spur, und als er sich entdeckt sah, nahm er sich selbst das Leben. Man fand bei ihm einen Brief, worin er den Wunsch ausgesprochen hatte, auf seinem Schlosse Castelen begraben zu werden. Dies geschah, aber seitdem muss er dorten umgehen.

Ein Bauer dieser Gegend, der noch spät auf dem Wege nach dein Dorfe Thalheim war, sah hier lange einem Lichte zu, welches vor ihm herzulaufen und manchmal still zu halten schien. Da er es erreicht zu haben glaubte, war es erloschen, an der Stelle lag nun ein rothes Taschentuch, das wie zum Trocknen über die Hecke hingebreitet war. In dieser Gegend, wo weitum keine Wohnung ist, befremdete ihn das Tuch; er hatte es anfangs mitnehmen wollen, aber bei weiterm Nachdenken fand er's nicht für gut, er warf's mit dem verächtlichen Worte von sich: De näm' i ned ewegg! Kaum einige Schritte weiter lag jedoch wiederum ein rothes Tüchlein da. Nun kehrte der Bauer um, zu sehen, ob das Vorige noch an der alten Stelle liege; es war weg. Jetzt fieng es an ihm unheimlich zu werden und er machte sich fort. Aber schon nach kurzer Zeit lag ihm das unheilvolle Tüchlein noch einmal im Fusswege. Da fasste er Herz, begann zu fluchen und zu schwören und schwang den Stock. Sogleich war das Tüchlein verschwunden und statt seiner jenes Licht wieder gekommen, das nun dem Bauern bis an sein Haus hin leuchtete. Ermattet und niedergeschlagen legte sich der Mann zu Bette und blieb auch nachher noch lange an dem Arme starr, den er zum Dreinschlagen geschwungen hatte.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 146

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.