Die Rosenkranztochter am Löhli - Sage

Die Rosenkranztochter am Löhli

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

In katholischen Gegenden giebt es neben andern kirchlichen Privatvereinen auch einen der Rosenkranzjungfern. Derselbe besteht aus fünfzehn Dorfmädchen, die an den Festtagen Mariä bei der kirchl. Procession in eigener Tracht erscheinen, an ihren Weihkerzen Bildchen mit den fünfzehn Geheimnissen Mariä führen und sich zu besondern Gebeten verpflichten müssen.

Rosenkranztochter nennt man nun nach dem Namen dieses Vereines einen Geist, der seit alter Zeit beim Dorfe Nesselnbach im Freienamte sich zeigt. Dorten ist gegen die Gemeinde Tägerig hin ein Mattland, Löhli geheißen, weil es sonst Wald war; und in der Laubwaldung, die höher hinauf gelegen ist, wohnt unter einem Eichbaum die Rosenkranztochter. Nachts an den Fraufastenmittwochen lässt sie sich daselbst sehen, in Hemdärmeln, ohne Spenzer, mit weisser Schürze und einer gelben Haarschnur. Am Scheitel trägt sie ein besonderes Braut- und Jungfernkäppchen aus beweglichen Gold- und Silberflitterchen gemacht, das man Schäppeli nennt. Unter dem Arme aber hat sie alle Zeit einen Ellenstecken; da man noch nie das Herz gehabt hat, sie anzufragen, so weiss Niemand, was sie mit Letzterm will, doch vermuthet man, sie habe mit Tuch gehandelt und in zu kurzer Elle ausgemessen.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 147

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.