Der Töst am Childberg bei Brittnau - Sage

Der Töst am Childberg bei Brittnau

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Der höchste Hügel linkerseits des aargauischen Wiggernthales, zwischen den Dörfern Brittnau und Strengelbach gelegen, wird der Childberg genannt. Auf demselben finden sich Spuren einer alten Befestigung, nicht Gestein oder Mauerreste, sondern ein Graben von bedeutendem Durchmesser, der auch jetzt noch eine Tiefe von drei Fuss hat. Die Fläche innerhalb dieses Grabens gilt im Munde des Volkes als der Schlossplatz; einen Namen kennt das Landvolk für dieses Schloss nicht, in dem benachbarten Zofingen aber nennt man es Staremberg.

Am südlichen Abhange dieses Schlosshügels steht ein Bauernhaus, Battenberg genannt, wahrscheinlich auf einen hl. Beatus oder auf einen frühern Hausbesitzer dieses Namens weisend. Dasselbe war früher so gebaut, dass seine eine Giebelfläche dem Thale, die andere dem Berge zugekehrt war. Auf der Thalseite war die Wohnung, auf der Bergseite der Scheunentheil; auf dem letzteren haftete die Servitut, dass Besitzer der umliegenden Güter mit ihrem Ackergespann und dem geladenen Wagen durch die Tenne der Scheune fahren durften, und aus diesem Grunde stand sie stets offen. Heut zu Tage fährt nun eine zweispännige Kutsche hindurch, welche vom Childberg herabkommt; namentlich im Sommer vor einem Gewitter, sagt man, sei diese Erscheinung hier wahrzunehmen. Ihren Weg nimmt die Kutsche südwestlich dem Abhange des Berges nach, fährt nach der „Fröschengüllen“ (Sauerwiesen) und über den Hemmeler wieder nach dem Berg zurück. Personen fahren mit, aber sprechen hört man sie nicht.

Dazu gehört ein Reiter auf einem Schimmel, welcher denselben Weg macht; am Fusse des Berges hat er ein eigenes Brünnlein und tränkt da sein Ross. So oft man ihn sieht, folgt stets langwieriges Regenwetter. Droben am Hügel hört man zu Zeiten lebhaft jagen. Die Hunde kommen von der andern Seite des Thales herüber, springen bellend den Hang des Childberges hinauf und verlieren sich im Walde. Der Jäger, dem sie zugehören, ist im ganzen Thale unter dem Namen Töst bekannt, derselbe Name, der im benachbarten Luzernerlande Türst heisst und dorten den Anführer des Türstengjaid bezeichnet, der Wilden Jagd. Der Töst trägt einen grünen Rock und einen Hut von glänzendem Wachstuch. Vormals hörte man ihn um die Zeit, wenn die Heidelbeeren reif waren, auf dem Heidenhubel, nicht weit von Teufenthal, seinen Hunden rufen und bemerkte ihn von der Hönneten und von Liebigen aus; dann brach immer ein schrecklicher Platzregen los und acht Tage lang dauerte das Unwetter an.

Dem Heidenhubel gegenüber liegt der Langnauerberg, schon zum Kant. Luzern gehörend. Er trägt eine Schlossruine, die man Teufenthal und Zwingherrenschloss nennt. Dort läuft ein Edelherr mit einem feurigen Hund umher und nimmt dem Bauern, der in den Wald fahren will, die Ochsen vom Wagen. Er macht sich oft auch nur durch ein Geräusch bemerkbar, dem ähnlich, wenn jemand in Holzschuhen über Glatteis oder hart gefrornen Schnee geht. Fluchet man, so vermehrt sich das Geräusch bis zu einem erschrecklichen Tosen; redet man aber von Gott, so wird es plötzlich stille. Auch Kettengeklirr mischt sich drein, namentlich bei einem nahen Gewitter. Am Charfreitag haben Schulbuben dorten Spielwaaren und Kinderpuppen gefunden, und was sie davon mit in der Schultasche heimbrachten, war in Geld und Gold verwandelt.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 175

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch