Kinzhaldenjoggeli als Jäger und Ross - Sage

Kinzhaldenjoggeli als Jäger und Ross

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Ein reicher Bauer von Kaisten im Frickthale pflügte seinen Feldnachbarn die Grenzfurchen ab, stahl ihnen zur Aerntezeit die aufgeschoberten Zehentgarben und war noch überdies ein Trunkenbold und ein Schwörer. Dafür musste er nach seinem Tode in dem Hause, das er bewohnt hatte, das gestohlene Korn hüten. Aber zu den heiligen Zeiten wüthete der Geist herkömmlich so sehr in den Stuben herum, stieg in den Stall hinab, quälte dorten das Vieh und jagte ihm den Schweiss aus, dass die Einwohner ihres Bleibens nicht mehr wussten und endlich das Besitzthum um eine geringe Summe losschlugen.

Bald erschien auch der neue Käufer im Kapuzinerkloster mit dem Verlangen, man möchte ihm sein Haus besegnen. Die Mönche kamen, beschwuren den Geist in eine Branntweinflasche und führten ihn auf einem zweispännigen Wagen hinaus auf die Kinzhalde. So heisst eine bewaldete Hügelkette zwischen jenem Thalgrund, den das Bächlein Sisselen durchfliesst und dem Hardwalde, der gegen die Rheinufer bis Laufenburg sich hinzieht. Daselbst ist eine Gegend, bei der Breiten Eich genannt, ein „gezeichnetes Gestände“, wo das Hochgericht gewesen war; noch tragen die benachbarten Landstrecken Galgenacker und Galgenrain davon ihren Namen. Je näher die Rosse dem Ziele kamen, um so schwerer schien der Wagen zu werden, die Thiere brachten ihn kaum vom Platze. Endlich dorten angelangt, zog man der Flasche den Propf aus; sogleich fuhr auch der Geist mit einem solchen Getöse heraus, dass Fuhrmann und Kapuziner meinten, die Erde wolle untergehen.

Seitdem führt er nun Betrunkene, die hier vorüber kommen, in der Irre herum oder setzt sie durch sein plötzliches Erscheinen in solchen Schrecken, dass sie darüber erkranken. Dem Strassenknecht, der zwischen Eiken und Sisselen den Weg zu machen hat und der ein arger Schnapstrinker war, sprang er auf den Rücken und liess sich bis zur Stangenlücke tragen, jenem Ziele, das die Geisterbanner ihm gesetzt haben. Dorten konnte der Wegmacher entrinnen, aber unter dem entsetzlichen Geräusche des Gespenstes verlor er Hut und Stock und verfiel in ein so schweres Siechthum, dass ihm alle Aerzte das Leben absprachen.

Ein ander mal hatte ein Mann in dortiger Gegend sein Ross auf die Weide gethan und legte ihm Abends Zaum und Zügel an, um es wieder heimzureiten. Kaum war er aufgesessen, so wurde das Thier zusehends dicker und höher und blies sich schnell so gewaltig auf, dass der Reiter kaum mehr auf den Boden herunter sehen konnte. Er sprang ab und entlief. Das Ross ist niemals mehr heimgekommen, denn jener Teufel im Hardwalde hat es seitdem zu reiten.

Der Kinzhaldenjoggeli soll eigentlich Winter geheissen haben und von Kaisten gebürtig gewesen sein; einen Ortspfarrer gleiches Namens, der erst in den Zwanziger-Jahren daselbst starb, soll alle Welt für den Enkel jenes Mannes gehalten haben. Auch soll noch an des Altgrossrath Winters Haus in Kaisten ein Stall sein, in welchem man lange kein Stück Vieh halten konnte. Man meint, man habe einen frühern Besitzer pfänden wollen und er habe sich drinnen erhängt.

Dieser Winter war als österreichischer Untervogt über Eiken gesetzt und missbrauchte seine Gewalt aufs unbarmherzigste. So oft er Rekrutierungen vorzunehmen hatte, schickte er alle Leute, deren Aecker ihm gerade ins Auge stachen, als Soldaten fort und wusste sie schon in solche fremde Winkel, ja bis in die Türkei hinzuschieben, wo sie ihr Leben lang den Rhein nicht mehr zu sehen bekamen. Aeltere Männer, die er nicht mehr aus dem Lande schaffen konnte, behexte er und machte sie oft so irrsinnig, dass sie aus Täubi (Tobsucht) ins Wasser sprangen. Dann wurde der Vogt der Verwalter ihrer Hinterlassenschaft. So hatte er einmal während einer grossen Hungersnoth einen Familienvater an die Werber verhandelt; der arme Mann wusste sich und den Seinigen nicht Rath und Hilfe mehr, und begieng in der Verzweiflung eine schreckliche Unthat gegen sein eigenes Blut. Daher begegnet man an den Schluchten der Kinzhalde jetzt noch einer schwarzgekleideten hagern Gestalt, die ein bis zum Gerippe abgehungertes Kind dorten aus den Armen legt und dann lautheulend sich die Brust zerschlägt und die Haare ausrauft. Denn eher als jener Mann seine hungernden Kinder unversorgt im Stiche lassen wollte, stürzte er sie lieber in diese Kluft der Kinzhalde, die davon den Namen Kindshalde bekommen haben soll.

Der Vogt war auch ein leidenschaftlicher Jäger und wusste durch Zaubermittel das Wild im Forste festzubannen. Einmal sah er von der Halde herab im kleinen Weinberg am Südabhange von Eiken einen Hasen in der Gasse, und schoss von oben herunter nach ihm. Aber an diesem erbärmlichen Thierlein musste der gewaltthätige Mann umkommen; sonderbarer Weise traf er sich selbst und starb auf jener Stelle. Als man seinen Leichnam fand, war er völlig schwarz geworden, und auch das Waldlaub, auf dem er lag, hatte sich mitgeschwärzt, zum Zeichen dass er dem gehöre, dessen Farbe er trug. Kaum ihrer Sechse konnten ihn zu Grabe tragen, aber je näher man dem Kirchhof kam, um so leichter wurde der Sarg. Da befahl der Pfarrer Rothenburger den Leuten, mit dem lauten Gebete aufzuhören und den Sarg noch einmal zu öffnen. Man fand ihn leer, obschon noch vor einer Stunde die ganze Gemeinde gesehen hatte, wie der Vogt brandschwarz drinnen gelegen hatte. Als seine alte Mutter nun vom Kirchhofe nach Hause zurückkam, rief er ihr schon vom Rauchfang übers Dach herunter spöttisch entgegen: „I bi d'heim no öb d'ihr!“ und in der Nacht darauf sah man ihn im Vogthause und in allen andern Häusern, die er sich im Dorfe zusammen gewuchert hatte, zum Fenster heraus schauen.

Als man ihn darauf in die Kinzhalde beschwur, wusste er sich noch das Zugeständniss zu erzwingen, dass er sich alle Jahre um einen Hahnenschritt dem Dorfe wieder nähern dürfe. Man sagt, er werde nun bald Kaisten gänzlich erreicht haben und könne alsdann nicht wieder zurückgebetet werden. Inzwischen lärmt er noch im Hardwalde herum. Er soll sich unglaublich schnell von einem Orte zum andern bewegen können. Er geht in Jägerkleidung, trägt eine Flinte am Rücken und ruft sein fortwährendes Huhuh! Dann wird bei gänzlicher Windstille der Forst oft so heftig erschüttert, als wenn ihn der stärkste Sturm durchbrauste. Besonders ist er den Fuhrleuten und den Holzfrevlern aufsässig. Einen Dreiröhrenhut am Kopfe und einen Prügel in der Hand tritt er brüllend auf sie zu; oder er schleicht dem Fuhrwerk nach und zieht unvermerkt den Long (Achsnagel) aus, damit das Rad ausfällt und die Ladung stürzt. Wenn man nur einmal drüber flucht, während man den Long wieder einmacht, so wiederholt er augenblicklich seine Tücke.

Weniger fürchten ihn die Holzfrevler. Ein Sisseler-Bauer, den er draussen beim Holzen angebrüllt hatte, entsprang zwar in der ersten Angst, weil er den Bannwart vor sich zu haben meinte; aber bald besann er sich wieder und kehrte um; Angesichts des altfränkischen Kerls nahm er seine Bürde Holz auf und sagte: So, bist's nur du!

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 183

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch