Hieno auf dem Katzenstriegel bei Zurzach - Sage

Hieno auf dem Katzenstriegel bei Zurzach

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Vor Alters reichten die Waldungen des Dorfes Tegerfelden fast bis gegen die Matten des Fleckens Zurzach hinunter. Dies dauerte so lange, bis sich eigennützige Ortsvorstände der Waldvogtei bemächtigten; unter ihrer schlechten Verwaltung kam der gute Gemeindebrauch ab, alle Jahre einmal einen Umgang um den Gemeindebann zu machen und die Marksteine der Reihe nach zu besichtigen. Da nun diese Gemarkungen nach und nach umsanken und weggeräumt wurden, so ging die sichere Waldgrenze gegen den Flecken Zurzach hin verloren, und es nahmen sich's die Zurzacher heraus, einige Tegerfelder im Walde beim Holzen zu fangen und abzustrafen unter dem Vorgeben, dieselben hätten auf fremdem Boden Holz gefällt. Allein die Bestraften verblieben auf ihrer Behauptung, wie dieses ihr eigener Grund und Boden sei, und riefen ihre Mitbürger um Schutz an. Die zwei Gemeinden konnten nicht einig werden. Die Zurzacher sprachen den ganzen Wald bis auf den Kamm des Zurzacher Berges für sich an, und gerade so meinten die Tegerfelder, es habe der ihnen zukommende Waldteil bis auf eben diesen Berg und noch jenseits bis zur Bergwiese im Beckenmoos zu reichen. So trieben sie ihren Prozess vor den Landvogt in Baden. Da die Urkunden fehlten, so sollten Zeugen entscheiden und diese von den Zurzachern gestellt werden. Den einen sollten sie aus ihren eignen Bürgern wählen dürfen, der andere Zeuge musste ein fremder sein. Da gelang es ihnen, einen alten Tegerfelder zu bestechen, und dieser war wirklich so ehrvergessen, nicht bloß ihr Schiedsmann zu werden, sondern nun seine eignen Heimatgemarkungen selbst zu schmälern. Bei der neuen Setzung der Grenzsteine, die nun erfolgte, sprach er den Zurzachern alles zu, was ihnen nicht gebührte; und wenn ihm die Seinigen dabei ins Wort fielen, so schwur und schrie er ihnen ins Gesicht mit seinen aufgehobenen Schwörfingern: „Hie noche und hie nein müend ihr d'Marche setze!“

So gingen den Tegerfeldern durch zwei Bösewichte mehr als hundert Juchart schönster Buchenwaldung für immer verloren. Allein die Strafe blieb nicht aus. Der falsche Zurzacherzeuge kam auf eine unbekannte Weise aus der Welt. Nun läuft er in dem Buchenwalde herum und legt sich sogar dem Postwagen, der hier durchfahren muss, in den Weg. Am liebsten tut er dies vor den drei heiligen Zeiten, da läuft er von der Grenze des Dorfes Reckingen bis zu der von Rietheim auf einem nun armseligen Waldhau, der den Zurzachern gehört und nur Zwergföhren trägt; früher aber stand derselbe voll herrlicher Buchen, denn dies ist eben jener Waldhau, der sonst den Tegerfeldern zur Bannbeschreitung gedient hatte.

Aber auch dem Zeugen aus Tegerfelden ging es nicht besser. Derselbe war daheim Gemeinderat und Gastwirt im Gelben Löwen. Trotzdem und samt dem erworbenen Judasgelde sank er nun bald in tiefe Armut herab. Zuletzt zog er gar aus dem Dorfe weg. Er fristete sich noch einige Zeit damit, dass er den Lederhändlern, die auf der Zurzacher Messe besonders zahlreich erscheinen, die Häute aus dem Lagerhause in ihre Gewölbe karrte. Dies Taglöhnerbrod ward ihm zu sauer, und so fand man ihn endlich auf der Heubühne an einem Knüttelseil erhängt. So oft sich nun jener Schwurtag wieder jährt, kommt er im Gelben Löwen aus einem Hinterhause, welches man für das alte Wirtschaftslocal hält, während das Vordergebäude neuern Ursprungs ist, auf einem Schimmel geritten und wendet sich dann hinaus ins Grütt, einem Tegerfelder Waldstrich. Dort wartet schon sein schlechter Kamerad auf ihn. Unter dem fortwährenden Geschrei: „Hie noh und hie nein!“ ziehen sie auf den Katzenstriegel zu allen Punkten, wo die Marken heute rechtlich stehen sollten. Dann streckt er auch den Leuten, die ihm da begegnen, seine Hand zum Gruße dar, und wenn man so klug ist, ihm statt der eigenen den Stock entgegen zu bieten, so hat man des andern Tags das Vergnügen, die Brandspuren seiner drei Schwörfinger deutlich darauf eingedrückt zu sehen. Er trägt kurze Pluderhosen bis zum Knie, einen weißen und einen roten Strumpf, auf dem Kopf einen Dreiröhrenhut. Die übrige Zeit des Jahres ist er daheim im Hintergebäude des Wirtshauses. Hier hatte er sonst die Fremden geärgert und ihnen das Deckbette weggezogen; deshalb hat man jene Zimmer in einen Tanzsaal umbauen lassen. Aus Verdruss hierüber hat er sich dann in den Taubenschlag hinauf gemacht. Seine Urenkel sind ein angesehenes Geschlecht, und so redet man überhaupt nicht gerne mehr von ihm.

Je nachdem man sich diese Begebenheit von einem Tegerfelder oder von einem Bürger aus Zurzach erzählen lässt, ist der angeschuldigte Bannbetrüger natürlich aus der andern Gemeinde. In Zurzach beschuldigt man sogar das kleine Städtchen Klingnau, man habe durch dieses den vormals größern Waldbann einbüßen müssen. Darüber redet die nachfolgende Geschichte.

E. L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 2, Aarau 1856

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.