Der Wildi-Küfer in Oberflachs

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Vor etwa dreissig Jahren lebte in Oberflachs ein Mann, der, weil er gar gut mit dem Weine umzugehen wusste, die Aufsicht über den Zehntenkeller der Gemeinde übertragen bekam und darum Wildi-Küfer hiess. Zusehends wurde er dabei so reich, dass es den Leuten nicht mit rechten Dingen zuzugehen schien. Auch wollte ihn der Dorfwächter schon öfter gesehen haben, wie er des nachts ganze Tausen (halber Eimer) Wein aus dem Zehntenkeller in den seinigen spedierte. Da jener allein nichts gegen ihn wagen wollte, verabredete er mit einigen starken Männern, zusammen dem Gemeindedieb aufzulauern. So stellten sie sich nachts hinter das Haus, an dem er vorbei musste. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam er richtig. Gleich traten die Männer vor, um ihm zu beweisen, dass er nun entdeckt sei. Der aber roch den Pfeffer schnell, ging mit seiner vollen Tause am Rücken, als ob gar nichts geschehen, seinem nahen Baumgarten zu und leerte dort den Wein neben einem Baum hin, wie wenn er nur Gülle darin getragen und hier hätte düngen wollen. Dann schritt er ruhig, ohne sich weiter umzuschauen, seinem Hause zu. Unsere Bauern waren jedoch auch nicht auf den Kopf gefallen. Sie liefen, anstatt dem Küfer nach, gleich jenem Baume zu, zogen ihre Schuhe aus und schöpften damit die ausgeschüttete Flüssigkeit auf. Sie hatten ganz recht geraten: Es war alter, trefflicher Wein. Doch was war da zu beweisen? Und so geschah dem Wildi-Küfer weiter nichts, er wurde nur noch immer reicher. Aber bei seinem Sterben schwärzte sich sein ganzer Leib, und vier Wochen nach seinem Tode sah man ihn schon durchs Dorf laufen und hörte ihn im Hause rumoren. Meine Base weiss davon auch eines zu erzählen, seit sie bei seiner Familie einmal auf dem Taglohn gewesen ist. Die bringt man nicht mehr hin. Damals war die alte Küferin eben ins Bad nach Schinznach gegangen, um sich dort wie reiche Leute wohlsein zu lassen, und niemand war sonst mehr im Hause, als ihre Tochter allein. Bei dieser nun sollte damals meine Base so lange schlafen. Dies ging bis Mitternacht auch ganz gut. Da aber wurde sie auf einmal durch den heftigsten Lärmen geweckt. Anfangs meinte sie, der Knecht schleppe die schweren Spannketten über den Holzboden. Als nun aber auch die Küferstochter drüber erwachte und meiner Base mit verhaltener Stimme sagte: „Pst! Sei nur still, er tut dir nichts," da erinnerte sich diese auf einmal an den spukenden Küfer. Und jetzt erst wurde ihr es fürchterlich Angst. Mit dem Frühesten lief sie aus dem Hause.

Noch jetzt erscheint der Wildi-Küfer dem steinalten Münz, der oben um den Zehntenkeller wohnt. Da stellt er sich ihm alle Nacht vors Bett und stösst den Daumen der rechten Hand fortwährend in die linke Faust, um mit dieser Gebärde auf seinen einstigen Frevel hinzudeuten. Bisweilen steigt er in den Keller hinab und klopft fleissig an alle Fässer, damit dem Münz der Wein nicht abstehe. Das Volk hört dies und sagt dann, er kündige damit Regen an.

E. L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 2, Aarau 1856

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

Diese Website nutzt Cookies und andere Technologien, um unser Angebot für Sie laufend zu verbessern und unsere Inhalte auf Ihre Bedürfnisse abzustimmen. Sie können jederzeit einstellen, welche Cookies Sie zulassen wollen. Durch das Schliessen dieser Anzeige werden Cookies aktiviert. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Cookie Einstellungen

Diese Cookies benötigen wir zwingend, damit die Seite korrekt funktioniert.

Diese Cookies  erhöhen das Nutzererlebnis. Beispielsweise indem getätige Spracheinstellungen gespeichert werden. Wenn Sie diese Cookies nicht zulassen, funktionieren einige dieser Dienste möglicherweise nicht einwandfrei.

Diese Webseite bietet möglicherweise Inhalte oder Funktionalitäten an, die von Drittanbietern eigenverantwortlich zur Verfügung gestellt werden. Diese Drittanbieter können eigene Cookies setzen, z.B. um die Nutzeraktivität zu verfolgen oder ihre Angebote zu personalisieren und zu optimieren.
Das können unter Anderem folgende Cookies sein:
_ga (Google Analytics)
_ga_JW67SKFLRG (Google Analytics)
NID (Google Maps)