Erdmännchen am Frickberg - Sage

Erdmännchen am Frickberg

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Droben auf dem Frickberge, einer aargauer Staatswaldung beim Dorfe Wegenstetten im Fricktale, liegt eine Höhle von geringer Höhe und Breite; aber sie hat einen Ofen nebst Ofenbank und andern Ruhesitzen in Stein gehauen, und von dem durch den Fels gebrochenen Fenster kann man von der Winterhalde aus noch Reste des steinernen Kreuzstockes wohl erkennen. Alles dieses haben die Zwerge gemacht, die hier ihre Wohnung genommen hatten, als sie in die Schweiz einwanderten. Unsre Vorältern behaupten von ihnen, aus Asien her seien sie in unser Land gekommen, sie hätten dort die Sonnenhitze nicht mehr ertragen können, und daher erklärten sichs auch die Leute, dass die Gesichtsfarbe der Erdmännchen ganz schwarz und ihr Naturell ein so äusserst träges war. Denn arbeiten mochten sie durchaus nichts. So lang die Sommertage waren, spazierten sie beim Sennen auf dem Berge umher, und so lang die Winternächte dauerten, sassen sie drunten beim Bauern im Zeindlimatt-Hof und ergötzten sich an den Dorfneuigkeiten. Da äusserten sie manches mal ganz offenherzig, sie verständen ebenfalls Korn zu pflanzen und zu schneiden, hätten es aber nicht nötig und täten lieber gar nichts. Woher sie aber doch alles ihr Mehl und ihren grossen Weinvorrat hatten, das mochten sie nicht eingestehen. Jedoch teilten sie gerne davon mit. Den Leuten auf  Büttihalde trugen sie in jeder Heuet Wein zu, in der Ernte sogar Omeletten und Kaffee, alles ganz artig zusammen gepackt in ein Hozzli (Tragkratte). An Schlauheit übertrafen sie jeden Advokaten, und doch hatten sie ausser dem Gesichte fast nichts von menschlicher Art an sich. Sah man ihnen einmal durchs Mäntelchen auf den Leib, so glichen sie statt einem Menschen eher einem schwanzlosen Welschhuhn. Die Burschen im Zeindlimatt-Hof vermuteten daher, sie müssten wohl auch Hühnerfüsse haben, und bestreuten darum, wahrend die Männchen eben zum Besuch da waren, den Küchenboden mit Asche. Als es zehn Uhr schlug und die Zeit da war, wo die Zwerge pünktlich Feierabend machten, nahm der eine Bursche das Licht zum Hinauszünden und der andere öffnete höflich die Küchentür. Denn nur durch die Küche kann man in oder aus der Wohnstube alter Bauernhäuser kommen; und nun meinte man schon, der ganzen Sache den Knopf gedreht zu haben. Allein das war lange nicht schlau genug. Hünggi, üf! Hühnerlein, fliegt auf! riefen sie an der Türschwelle, und wie eine Kitt Wildhühner schnurrten sie mit einander purrr! zur Küche hinaus. Man sagt, sie seien damals gradaus auf die Schneeberge fortgeflogen und hätten seitdem dort ihre Wohnung aufgeschlagen.

(Seminarist Moosmann von Wegenstetten.)

Sage aus Wegenstetten im Fricktal

Fussnote zur Geschichte, auf schweizerische Hinweise beschränkt:

Der Zwerg wird in der alten Sprache Schratt, in der Mundart Schrätteli genannt und zwar nach jenen Steinmeeren im Hochgebirge, die er bewohnt und die man Schrattenfluhen und Schrattenfelder heisst. Daher nennt man in Sonneberg im Meiningischen die Feld und Hausgeister, die man sich als kleine Wesen denkt, Schlaarzla.

(Schleicher, Volkstümliches aus Sonneberg. 1858, S. 76)

Landessage des Kanton Freiburg: Im dortigen Ormonderlande lebten die Feen von Haselhühnern und Auerhähnen, behüteten die Viehheerden vor Seuchen, sahen im Übrigen unsern Mädchen gleich, hatten aber eine rabenschwarze Haut „wie die wilden Mohren in Afrika" und an ihren Füssen fehlte nichts als die Fersen.

(Küenlin, in Dalps Ritterburgen der Schweiz 1, Nr. 28.)

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.