Ende der Genosssame zu Waldhausen - Sage

Ende der Genosssame zu Waldhausen

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Der Schanzenberg, der vom Kaiserstuhler Rheintale sanft ansteigend stundenweit in das Zürcherische Bachsee-Tal hinüberstreift und dort steil abfallend die Grenze des Aargauer- und Züricherlandes bildet, war ehedem der gemeinsame Weideberg einer Gaugenossenschaft gewesen, von der nun nichts weiter mehr als die geschichtliche Erinnerung übrig ist, die sich an drei getrennte Bauernhöfe knüpft.

Das ist der Hof Talmühle, nun Zürcherisch, und der Hof Hägelen auf Aargauer Boden, jedoch beide im Züricher Dorfe Bachs pfarrgenössisch; der dritte ist der Bergweiler Waldhausen, jetzt der Aargauer Gemeinde Fisibach zugeteilt, alle drei im Bezirke Zurzach. Bei dem letztgenannten Weiler steht noch die Ruine der Adelsburg, in deren Twing einst diese Freihöfe lagen; sie wurden von einander getrennt, als der adelige Hofbauer von Waldhausen so viele seiner Güter an das Stift St. Blasien im Schwarzwalde verschenkte, dass dieses aus ihnen die Probstei Wislikofen errichten konnte. Aber auch diese ging wieder ein, und rings um das noch vorhandene leere Probsteigebäude auf seinem Hügel droben hat sich ein eignes Dörflein Wislikofen angebaut. Noch eine Reihe anderer Höfe ist vorhanden, die zu den vorigen gehörten und noch gehören: Mühlebach, Bauernmühle, Lochmühle, Goldenbühl, Belchen, Böbikon, Imberg, Rütihof, Hasle. Sie alle haben sich eines gleich hohen Alters zu berühmen und wissen ihre Geschichte nicht bloss auf die Tage der Ritter und Äbte, sondern bis auf jene Urzeit zurückzuführen, da noch die wohltätigen guten Bergmännchen den Landstrich bewohnten. Diese hatten ihr Haus ganz in der Nähe der Talmühle, in der grossen Felsenwand des jäh abstürzenden Schanzenberges. Vom Tale aus sieht man in der Fluh die Erdmännchenhöhle wohl, doch niemand weiss, wie weit sie sich nach innen verzweigt, denn sie ist keinem zugänglich, als nur den Raben, die da brüten und scharenweise ein und ausfliegen. 

Als die Bergmännchen da droben wohnten, war ein solches Wohlleben im Lande, dass man jetzt noch davon erzählen hört. Kam der Mäher des Morgens auf die Matte, der Pflüger auf den Acker, der Schnitter ins Ährenfeld, siehe, da fand er die Arbeit oft halb, oft schon ganz getan. Der Fuhrknecht sah am Morgen die Rosse gestriegelt und gefüttert, die Magd ihre Wäsche herausgewaschen und zum Bleichen in die Sonne gelegt, der Bäcker den Teig geknetet und schon in deck Ofen gestossen, und dem Müllersknecht wurde die Nacht durch regelmässig das Korn aufgeschüttet, ohne dass er sich umzudrehen hatte. Da brauchte der Fuhrmann nur anzuspannen, der Bäcker nur zu verkaufen, und Knecht und Magd konnte manches Stündchen länger schlafen, ohne dass einem was am Lohne abging. Die Leute waren aber auch erkenntlich für solche Hilfe. Die Bergmännchen bekamen manchen hübschen Wecken, sie durften manchen vollen Krug Most oder Wein mit forttragen, um ihn leer wieder zu bringen. So weit ging das gute Einvernehmen gegenseitig, dass die Erdmännchen auch da und dort zu Stubeten kamen und den Kindern allerlei Spielzeug und Naschwerk mitbrachten. Auch ihre Neckereien waren artig und überraschend. Wenn ihnen ein Kind zu begehrlich entgegen sprang, sagten sie: Mach die Hand auf und die Augen zu und nun trags hinter in den Stubenwinkel! Das Kind tat so, und obwohl es dabei sah, dass es nichts anderes als eine kleine Kohle bekommen hatte, schwieg es doch aus Scheu und kroch still ins Bette. Aber wenn es am Morgen die Kohle nehmen und zum Fenster hinaus werfen wollte, fand es einen Edelstein, der von nun an sorgfältig aufbewahrt, oder in einen Ehering gefasst und oft bis auf die Neuzeit vererbt wurde. 

Es hat jedoch von jeher unnütze Leute gegeben, die zur Unzeit über Alles nachgrübeln müssen, und zu diesen gehörte auch der junge Talmüller. Wenn die Bergmännchen Abends bei ihm eintraten in langen Mänteln, die bis auf den Boden reichten, konnte er ihre Füsse niemals zu Gesicht bekommen, ja sie taten, als ob sie gar keine hätten, so leicht und geräuschlos war ihr Gang. Der Anschlag, den er nun ersann, gelang ihm freilich, jedoch bloss zu seinem eignen Schaden. Bevor die Erdmännchen wieder zu ihm kamen, hatte er Hausgang und Stubenboden bereits mit Mehl bestreut. Als er dann das Licht nahm und damit herum zündete, entdeckte er allerdings überall nur Spuren von Gänsefüssen.

Aber ein solcher Missbrauch des schönen feinen Mehls, der lieben Gottesgabe, sollte ihm schlecht bekommen. Von Stund an blieben die Männchen aus und mahlten ihm kein Mehl mehr, ja als er mit kommendem Frühjahr sein Vieh wie sonst auf den Schanzenberg zur Weide trieb, verlief es sich und stürzte über die steile Felswand zu Tode. Niemand zweifelte damals daran, dass der Zorn der Bergmännchen das Unglück angestiftet habe, und ein jedes Kind, das die Felsen dort kennt, weiss noch heut zu Tage davon zu erzählen. Die Erdmännchen sind ausgewandert, die Gaugenossenschaft hat sich zerschlagen Ritter und Äbte haben die Höfe in Besitz genommen, zuletzt sind sie gar noch in zweierlei Religionen geschieden worden und nun auch an zweierlei Kantone verteilt.

(A. Schuhmacher v. Siglistorf.) 

Sage aus Zurzach

Band 3.2, Quelle: Ernst L. Rochholz, Naturmythen, Neue Schweizer Sagen, Leipzig 1962, S. 124 - 126

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.