Das Neunuhrbrot am Steigfeld  - Sage

Das Neunuhrbrot am Steigfeld 

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Auf dem Wege von dem Bergdorfe Hettenschwil nach Leuggern, wo die Aare ihrer Mündung in den Rhein zugeht, hat man die Waldungen der Mooshalde und das quellenreiche Gehölz des Stubenbrünnli zu durchwandern, dann führt der Pfad auf das Ackerland des Steigfeldes und man ist einem bewaldeten Hügel gegenüber, in dessen Abhang die Höhle der Erdmännchen liegt.

Schwarzwälder, wie sie aus dem benachbarten Amte Waldshut auch jetzt noch in die Heu- und Kornernte auf den Taglohn ins Aargau herüber kommen, hatten einst wohl eine halbe Stunde nach Feierabend auf einem dieser Kornfelder fortgeschnitten und waren doch nicht fertig geworden; am folgenden Frühmorgen indess, als sie wieder kamen, lag derselbe Acker bereits ganz geschnitten in Garben. Das sei eben das Nachtwerk jener Männchen, hiess es, die unter dem Steigfelde wohnten und nach der Abendglocke zur Feldarbeit herunter kämen, so oft ein Regen der Frucht oder dem Heu zu schaden drohe. Solches war dem Schwarzwälder Gesinde gar erwünscht zu hören, sie beschlossen sofort sichs zu Nutzen zu machen, und bestachen den Sigrist von Hettenschwil, dass er morgen eher als gewöhnlich die Abendbetzeit läute; damit sei ihnen ein heisser Tag verkürzt, die Zwerge würden die Arbeit schon fertig machen und man könnte diese Männchen dann einmal in ihrer wahren Gestalt betrachten.

Nach Verabredung läutete der Sigrist am folgenden Tage die Abendglocke wohl eine Stunde früher. Eben erst hatte sich die Sonne hinter den Berg gelassen, es war noch heller Tag; da kamen die Männlein zusammen hervorgetrippelt und schauten nach allen Himmelsgegenden aus. Doch da war ringsum kein Wölkchen und kein Zeichen zu sehen, das auf kommenden Regen gedeutet hätte; und so, geblendet vom Tageslicht, gingen sie blitzschnell wieder in die Höhle zurück und haben sich seitdem nicht wieder täuschen lassen. 

Wenn im Herbste das meiste Land schon gepflügt und besäet war, lag vielleicht ein einzelner Acker noch unbestellt dazwischen, weil dem armen Bäuerlein, dem er gehörte, sein Zugvieh erkrankt war. Da kamen sie in den Stall, fütterten und striegelten die Tiere, dass sie wieder gediehen, und nicht zufrieden damit, pflügten sie oft des Nachts dem Manne auch seinen Acker um.

Ein andermal konnte es geschehen, dass er und sein Treibbube vom Morgen bis Mittag hinter dem Pfluge stand und Beide noch nichts als die längst verdaute Mehlsuppe im Magen hatten. Da trugen ihnen die Männchen das Neunuhrbrot aufs Feld, einen grossgebackenen Waijen. Um diesen Kuchen für Zwei hübsch teilen zu können, brachten sie immer auch ein Messerchen mit, nicht grösser als unsre Kindermesser sind, Hegel geheissen, deren eines einen Kreuzer gilt. Mit solchen kleinen schwachen Klingen geht das Zerschneiden eines braungebackenen Speckkuchen gar langsam, und der Treibbube, der gierig nach dem Leckerbissen sah, sagte vorwitzig zum Männchen: „Wenn ihr doch stets so schlechte Krappenstecher habt, so gebt uns die Waijen lieber ganz, wir werden sie schon in Frieden teilen, anstatt da die Zeit mit Zuwarten zu verlieren.“ Bedauerlich schaute das Männchen den Gernklug an und ging hinweg. Woher nehmen sie aber auch ihre Waijen, fuhr der Bube fort, da sie ja kein Korn pflanzen? Und der Bauer erwiderte: „Hast du denn nicht von den Schnittern gehört, dass in der Ernte ein grosser Teil unsrer Halme ohne Ähren ist, weil die Zwerge sie für sich abkuppen?“

„Donner,“ sagte der Bube, „da haben sie's leicht einem um neun Uhr einen Bissen Schleckware zu bringen, wenn sie die geschlagene Nacht das Korn vom Acker stehlen. Aber ich will noch heute mit dem Feldhüter Wache halten und den Dieben von meiner langen Schafgeissel eins zu versuchen geben!“ 

Kaum war dies Wort heraus, so hörte man den Scheucheruf des davon gegangenen Erdmännchens. Auf dies Zeichen sah man seine Kameraden rings aus den Fluren ihrer Höhle zuspringen, und seitdem scheinen sie die Gegend ganz verlassen zu haben. 

Sage aus Hettenschwil

Die Bemerkungen, welche S. 30—32 dieser Schrift über den Bilmessschnitt gemacht sind, finden in dieser Zwergensage eine augenfällige Bestätigung. Wo der Zwerg unter der Furche des Feldes wohnt, da dringt sein unterirdisches Schmiedefeuer mit reifender Kraft in die droben stehende Saat; so weit geht dann ein rotbrauner Grasstreifen durch die Matten, ein gelber Kornstreifen durch die Frucht, in der Breite einer Heerstrasse, in der geraden Richtung einer Kegelbahn (vergl. Aargau. Sag. Nr. 113. 440).

Nach etruskischer Sage ist der Zwerg Tages der ausgeackerte Enkel Jupiters, und von ihm haben die Menschen die Weissagungskunst erlernt.

Cieoro De diviantione II, cap. 23 fügt bei, er habe Kindergrösse und Greisenklugheit gehabt. Unfern dem See qui pliau (Fels, welcher weint) im Waatlander Tale von Thomay, oberhalb des Schlosses Chatelard, haben die Feen gewohnt und noch befinden sich dort ihre Backöfen. Im Tälchen bei Ver wohnten sie auf der Staubmühle, Ie moulin de la poussière, es gab auch unter ihnen, der Ormonder - Sage zu Folge, solche von mohrischer Gesichtsfarbe. Man konnte sie durch hübsch bebänderte Schuhe anlocken.

H. Runge, in der Zeitung Bund 1857, Nr. 230 — 234. 

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch.