Das Jnnere des Strichenberges - Sage

Das Jnnere des Strichenberges

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Zu Ende des vorigen Jahrhunderts verfielen einige Oberfrickthaler Bauern auf die Meinung, der höchste Juraberg ihrer Gegend, der Strichen bei Oberhof, müsse in seinem Kerne goldhaltig sein. Man bekräftigte sich diesen Glauben durch goldfunkelnden Lehm, den eine Quelle aus dem Berge herausschwemmte, noch mehr aber durch die auch jetzt noch lebendigen Erzählungen von der Zwergenwirthschaft, die sich an diese Waldberge knüpft, und von den goldenen Geschenken, die manche Leute mit ins Dorf herunter gebracht haben sollten.

So kam man zum Entschlusse den gewaltig breiten Strichen bis in sein Inneres hinein anzugraben. Auf seiner halben Höhe, nahe an dem Wege, der über die Benken nach Aarau führt, begann man eine Schürfung; dorten an dem linken Strassenbord ist auch heute noch eine grosse ringförmige Grube in der Wiese zu erkennen, innerhalb ihrer eigenen Umschüttung liegend und schon wieder übergrast. Bald fand sich auch ein Bergknappe, der den Leuten den inneren Bau des Gebirges erklärte und ihnen die Art angab, wie man demgemäss den Stollen zu schlagen und fortzuführen habe. Da die Voraussagungen dieses Mannes ganz zutreffend blieben, so überliessen sich die Teilnehmer seiner Leitung und trieben nun den Stollen wohl bei einer Viertelstunde unterirdisch weiter. Je weiter man vordrang, um so richtiger erwiesen sich alle Behauptungen des fremden Bergknappen. Dennoch stockte das Unternehmen gar bald wieder, weil sich, wie die Männer erklärten, eben gar kein Gold finden lassen wollte; aus ihrer Erzählung aber hört sich die Angst vor den im Berge hausenden Erdmännchen so deutlich heraus, dass vielmehr diese die Leute bewogen hat, die Arbeit einzustellen. Sie schildern ihre Erlebnisse folgender Massen.

Im Anfange begegneten die Schaufler einem im Innern mächtig sich aufthürmenden Felskegel, der ihnen die Richtung zu sperren drohte. Während man versuchte ihn zu umgehen, fand sich's, dass er rundförmig wie ein einzelstehender Thurm für sich emporstieg, und man konnte ihn also nebenher stehen lassen. Allein er zeigte eine eigentümlich schwarze Oeffnung in seiner Grundlage, die wie ein Ofenloch gestaltet schien, und dies reizte einen der Bauern hinein zu steigen. Er fand das Innere ganz einer Schlossküche ähnlich, von oben her hieng jedoch ein einzelner Felsen herab, wie der Klöpel in einer Glocke sich bewegend, und drohte den Verwegenen augenblicklich zuzudecken. Weiter nach innen trafen die grabenden Männer auf einen Abgrund, der abermals zu ihrem Glücke nur seitwärts hinzog und ihnen kein Hinderniss wurde; derselbe war so erstaunlich tief, dass man von nun an allen Schutt des Stollens, den man vorher mit Mühe und Zeitverlust zum Berg hatte hinauskarren müssen, in ihn hinunter leerte. Nie aber konnte man aus dem Tone des hinabkollernden Gesteines schliessen, dass der Abgrund sich auszufüllen beginne.

Noch tiefer drinnen im Berge erschien ein See, mit dessen Spiegel man in einerlei Richtung stand. Jenseits desselben, so hatte ihnen der Knappe schon vorher gesagt, werde das Goldlager anstehen; denn aus diesem Gewässer müsse jene Quelle stammen, deren einzelne Goldplättchen das ganze Unternehmen ursprünglich eingegeben hatten. Niemand wollte sich entschliessen, dieses schwarze und unübersehbare Gewässer zu überfahren, und die Leute wurden uneinig. Des Nachts, da sie zusammen in ihrer Kammer lagen, sahen sie auf ihrem Werkzeugskasten eine dünne Flamme lange brennen. Dies deuteten sie nun auf die nahe Gefahr, die ihrem Leben drohe, und sie liessen den Bau verfallen.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 271

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch