Der Hauskobold im Rosskummet - Sage

Der Hauskobold im Rosskummet

Land: Schweiz
Region:
Kategorie: Sage

Ein alter Handwerksmann von Schüpfheim im Entlebuch war in meinem älterlichen Hause zu Wettingen oftmalen auf der Stör (Hausarbeit im Taglohn) und erzählte da einmal aus seiner eigenen Familie Folgendes:

Schon viele Jahre hatte in meines Grossvaters Hause ein Geist gewohnt, dem man deshalb allerlei nachsah, weil es eine herkömmliche Meinung war, dass er mit zu uns gehöre. Allein mit der Zeit benahm er sich immer boshafter und quälte bald ein Schaf, bald ein Schwein, dass es umstand und Spuren wie von glühenden Zangen am Halse trug. Unser Grossvater war deshalb auch schon oft entschlossen gewesen, einen solchen Nachtschaden in die Schorgrube (Miststätte) zu bannen; allein die Frau hielt ihn durch allerlei Vorstellungen immer wieder davon ab. Wenn man, stellte sie ihm vor, mit dir nach deinem Tode auch einmal so verführe? Und wie leicht ist's ihm, uns ein schlimmes Andenken zurück zu lassen, wenn man ihn so plötzlich ausjagt! Aber denk doch auch, ein Bub muss halt gebubet haben. So sagte die Grossmutter überhaupt, wenn sie den Kobold benennen wollte.

Der Grossvater gab nach und so blieb's dann lange wieder beim Alten. Allein der nächste Vorfall änderte Alles. Während nämlich der Grossvater einmal draussen an der Scheune mit Jemand zu reden hat, sieht er sein Hündlein vom Kobold dermassen gequält und gewürgt werden, dass es winselnd zwischen seine Beine heranschlüpft und Schutz sucht. Der Handel selber, über den er gerade hat Auskunft geben müssen, war schon ein verdriesslicher; nun ergreift er die zunächst dastehende Schossgabel und geht in der Richtung, in welcher das Hündlein hergesprungen kam, so rasch gegen den Kobold vor, dass er ihn fast über die Dachtraufe hinaus drängt. Hier zum erstenmal verfiel der Geist in ein menschenähnliches Weinen und Schluchzen und bat flehentlich um Schonung. Er liess sich auch sogleich auf einen förmlichen Vertrag ein, um nur nicht über diesen entscheidenden Punkt der Dachtraufe vollends hinausgeworfen zu werden. Unter der Bedingung, weder Knechten, noch Mägden, noch dem Vieh ins Künftige weitern Schaden zufügen zu wollen, erhielt er hier vom mitleidigen und frommen Grossvater noch einmal Haus- und Stubenrecht.

Dieses sein Versprechen hielt der Geist in der Folge auch treulich; höchstens erlaubte er sich noch gegen die Söhne kleine Neckereien. Für die Nacht war ihm nämlich in der Schlafkammer der Knaben eine eigene Bettstelle mit einem Laubsack angewiesen. Hatte nun einer der Knaben im Schlafe ein Bedürfniss und musste aus dem Bette, so fuhr der Kobold rasch in das alte Rossgeschirr, das ob seinem Bette hieng und klingelte und schetterte in dem Schellengeläute, das daran war, dermassen herum, dass der Knabe eiligst wieder unter die Decke kroch und bis zum Morgen mit dem St. Vit um ein säuberliches Bette accordierte.

Im Uebrigen war er der beste Wetterprophete, und das gieng so zu. Bei schlechter Witterung lag er in der Wohnstube oben aus dem Steinofen. Sollte gutes Wetter eintreten, so lief er unruhig in Hof und Scheune herum. Kam die Zeit der Heuärnte, so hatte er es beständig mit den Mähern zu thun. Er gieng ihnen in die Matten nach, ohne dass man ihn am Wege bemerkte; aber am nahegelegenen Sulwalde, unterhalb der Lägerenberge, trat er zu ihnen auf Schussweite heran. Da stand er dann stille in der Grösse eines Knaben, und sie achteten alle auf die verschiedenen Zeichen, die er ihnen mit seinem Hute gab. Dies waren nämlich eben so viele Witterungsbestimmungen für die nächsten Tage der Heuete. Liess er seinen Hut am Kopfe sitzen, so folgte beständiges Wetter; schwenkte er den Hut einmal langsam gegen die Erde, so gab's ein wenig Regen; schwenkte er ihn schnell, so konnte man für den folgenden Tag ein Gewitter erwarten; schwenkte er ihn zweimal, so gab's einen ganzen Regentag; dreimal, so durfte man alles Gras nur stehen lassen und gleich wieder heimgehen, denn geschnitten wäre es im unfehlbar kommenden Landregen verfault. Darauf konnte sich der Grossvater so bestimmt verlassen, dass er sein Futter und sein Heu beinahe immer im besten Stande heim gebracht hat. Als nach seinem Tode die Söhne das Gut theilten, erschien jener Wetterprophete nicht wieder, und mir selbst hat man nur noch sein altes Rosskummet gezeigt.

Band 1, Quelle: Ernst L. Rochholz, Schweizer Sagen aus dem Aargau, Band 1 Aarau, 1856, Seite 295

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchen.ch