Die Murtenlinde

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

 

Am 22. Juni 1476, da brach um die Mittagsstunde das Heer der Eidgenossen aus dem Walde hervor und warf sich mit Todesverachtung auf die Burgunder. Das feindliche Geschütz donnerte und riss Lücken in ihre Reihen. Doch, ohne hinter sich zu schauen, rückten sie mit unwiderstehlicher Kraft vorwärts. Wer wollte sich einer Lawine, die vom Berghang herniederdonnert, in den Weg werfen und ihr Halt gebieten? Also drangen die Eidgenossen unaufhaltsam vor. Was sich ihnen entgegensetzte, wurde in den Staub geschmettert. Da löste sich das stolze Burgunderheer auf und floh wie eine Herde, in die der Wolf gefallen. Aber der Weg zur Flucht ward ihnen abgeschnitten, und ein wildes Schlachten begann. Man war nicht zufrieden, den Feind besiegt zu haben. Vernichten wollte man ihn, um nie mehr mit ihm kämpfen zu müssen. So geschah es in der ewig denkwürdigen Schlacht von Murten.

Als der Sieg errungen war, gab der Hauptmann der Freiburger, Petermann von Faucigny, einem jungen Krieger den Befehl, nach Freiburg zu eilen und dort die frohe Botschaft zu verkünden. Das war ein ehrenvoller Auftrag. Der Soldat brach vom nahen Lindenbaume einen Zweig. Der sollte das Siegeszeichen sein. Dann machte er sich auf den Weg. Die Sonne brannte sommerlich heiss. Wohl mancher Baumesschatten lud zu kurzer Rast ihn ein. Doch der Boote achtete ihn nicht. Ein Brunnen am Wegesrand bot ihm kühlen Trank an,  er huschte vorüber. Erst wollte er den geängstigten Menschen die Siegeskunde bringen. Wie viele Mütter bangten heute in der Stadt um ihre Söhne, wie viele tausend Kinder um ihre Väter. Er durfte diesen allen die erlösende Frohbotschaft bringen. Darum nicht gesäumt. Weiter - weiter.

Schon winken in der Ferne die Türme und Tore der Stadt. Der Schweiss brünnelt ihm vom Gesichte. Das Herz schlägt wild, als wollte es zerspringen. Der Atem geht keuchend. Es flimmert ihm vor den Augen, und in den Ohren rauscht es wie Meeresbrandung. Doch weiter – weiter. Jetzt erreicht er das Stadttor. Seine letzten Kräfte schwinden, der Atem stockt, die Beine wollen ihn nicht mehr tragen. Weiter - weiter, hämmern alle Pulse. Noch eine kleine Strecke und er ist am Ziel …

Auf dem Rathausplatze ist die ganze Bevölkerung der Stadt versammelt und wartet fiebernd auf Nachricht. Man weiss, dass es heute zur Schlacht gekommen ist. Doch über den Ausgang des Kampfes ist man noch im Ungewissen. Ein banges Gefühl lastet zentnerschwer auf allen Gemütern. Sollte der Burgunder gesiegt haben? Dann liegen unsere Väter und Söhne auf dem Schlachtfelde  und wir werden bald die Rache des Siegers zu fühlen bekommen. Stunde um Stunde verrinnt. Immer noch keine Kunde.

Doch plötzlich gellt ein Schrei: „Ein Bote kommt,  macht Platz!“

Ein junger Krieger, rauchend von Hitze und Schweiss wankt keuchend durch die erregte Menschenmenge. Jetzt bleibt er stehen  ringt nach Atem  schwingt den Lindenzweig  und ruft: „Sieg! Sieg!“ Dann sinkt er erschöpft zu Boden.

Sieg! Sieg! Dieses eine Wort, es pflanzt sich mit der Schnelligkeit des Blitzes über tausend und tausend Lippen fort und schwillt an zu einem brausenden Orkan. Es nimmt von tausend und tausend Menschenherzen den bangen Kummer, der wochenlang auf ihnen gelastet. Sieg! Sieg! jubeln alle Glocken der Stadt. Sieg! Sieg! antworten ihre Schwestern in den Dörfern draussen. Sieg! Sieg! bimmelt von der hintersten Bergkapelle noch ein silberhelles Glöcklein ins letzte Tal hinauf.

Doch der Bringer dieser Freude hörte nichts vom Jubel der Menschen und vom Klang der Glocken. Sein Herz schlug nicht mehr. Man löste den Lindenzweig aus seiner erstarrten Hand und grub ihn an der Stelle, wo der Held gefallen, in den Boden. Das Reis wuchs und wurde ein starker Baum: Die Murtenlinde. Sie steht noch heute auf dem Rathausplatze zu Freiburg.

 

Quelle: German Kolly, Sagen aus dem Senseland, Freiburg 1965. Mit freundlicher Genehmigung der Verlag Herder GmbH. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.Maerchen.ch

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