Vom Goldloch 

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Wenn man vom Spitalgantrisch gegen den Känel wandert, so sieht man rechterhand die Weisse Fluh. An ihrem Nordwesthang liegt hoch oben auf einer kleinen Felsplatte das Goldloch. Trosseln und Vogelbeerstauden verdecken es. Das Goldloch ist ein 1 - 12 m tiefer Felsschacht, einem Sodloch ähnlich.

Ein verwegener Jäger stieg einst in die Tiefe dieser Höhle hinab. Da unten fand er einen Gang, der in das Innere des Berges führte. Dort war ein grosser, dämmerig beleuchteter Raum, und in dessen Mitte stand - o welche Pracht - eine Tanne aus reinem Gold. Wie ein Kind vor dem Christbaum, so stand der Jäger da, ganz versunken in den Anblick des funkelnden Baumes. Doch plötzlich schrak er zusammen. Tap-tap-tap kam es wie langsame, schwerfällige Schritte immer näher, und das Echo davon tönte wie ganz fernes Donnerrollen durch den Berg. Dem Jäger gruselte es. Eiligst brach er sich eine Handvoll Zweige von dem goldenen Baume und stürzte dem Ausgange zu. Aber er schlug bald hier, bald dort mit dem Kopf an den Fels, und mit Entsetzen musste er feststellen, dass der Gang immer enger und enger wurde.

Jetzt kommt er dem Schacht näher. Schon sieht er das Tageslicht schwach durch die Öffnung leuchten. Aber diese Öffnung des Ganges ist kaum mehr zwei Spannen breit. Schon fühlt er den Fels an Brust und Rücken. Noch zwei Schritte, dann ist er draussen. Todesangst packt ihn. Kalter Schweiss rinnt von seiner Stirne. Die goldenen Zweige entsinken seiner Hand. Die Finger krallen sich in die Felsritzen und suchen einen schwachen Halt. Die Füsse stemmen sich gegen die Wand. So schiebt er sich ruckweise wieder ein Stück vorwärts. Noch einen Schritt, dann ist er im Schacht. Aber der Gang verengt sich noch mehr. Jetzt ist er nur noch eine Spanne breit. Der Jäger ist förmlich eingeklemmt. Sein Atem stockt. Da fühlt die eine Hand den Rand des Felsens und umklammert ihn krampfhaft. Ein Ruck - und halb erstickt, zerschunden und blutüberströmt taumelt er in den Schacht. Gerettet. Nach dem Gold im Berge gelüstet ihn fortan nicht mehr.

Aber dieses Abenteuer weckte in andern Leuten die Sucht nach Gold. Denn Gold bedeutet Reichtum, Macht und Lebensgenuss. Im Laufe der Jahre ist noch mancher in den dunklen, gähnenden Abgrund des Goldlochs hinab gestiegen, in der Meinung, die Stunde des Glückes könnte ihm, ja gerade ihm doch endlich schlagen. Ging es nicht mit manchen grossen Erfindungen und Entdeckungen auch so? Dutzende, vielleicht hunderte suchten und probierten vergebens - und plötzlich gelang es einem. Könnte es nicht auch hier so sein? Es stiegen immer wieder andere voll Hoffnung in die dunkle Höhle und kehrten enttäuscht ans Tageslicht zurück. Keinem wollte sich der unterirdische Gang öffnen, und keiner hat den goldenen Baum je wieder gesehen. 

Vor vielen Jahren machten vier Männer aus Plaffeien nochmals den Versuch, das Geheimnis des Goldlochs zu erforschen. Mit Leitern stiegen sie in die Tiefe des Schachtes und fanden noch verschiedene Spuren früherer Schatzgräber. Mit dem Pikel grub einer den Boden auf, die Erde schaufelte er in einen Kessel, der von den Gefährten an einem Seil ans Tageslicht gezogen wurde. Während er da drunten grub, hüpfte plötzlich eine kleine Kröte im Loch herum. Er nahm sie auf die Schaufel und warf sie in den Kessel. Dieser wurde hinaufgezogen, und Erde und Kröte über die Felswand geschüttet. Der Mann in der Tiefe pickelte und schaufelte weiter. Nach einiger Zeit lag vor ihm wieder eine grössere Kröte. Ahnungslos brummte er: „Hier sollte es ‚Chrotteloch‘ heissen und nicht ‚Goldloch‘“. Dann schaufelte er das garstige Tier in den Kessel, deckte es mit ein paar Schaufeln Erde zu und gab das Zeichen zum Aufziehen. Der Inhalt des Kessels wurde wieder über die Felswand hinabgeschüttet. Der Schatzgräber pickelte und schaufelte frohgemut weiter. Doch plötzlich wackelte vor ihm abermals eine Kröte, ein riesiges Tier. Es schien, als wäre sie aus der Tiefe emporgetaucht. Sie war so gross wie die Schaufel. Sie glotzte den Mann mit giftig grünen Augen an, blähte sich bedrohlich auf und wurde immer grösser und dicker, bis sie zuletzt fast die ganze Bodenfläche überdeckte. Da packte den Goldgräber das Entsetzen. Er zweifelte nicht daran, dass sich ein Teufel in der Kröte verberge. Schleunigst ergriff er die Werkzeuge, kletterte wie gehetzt die Leiter empor und verliess mit seinen Gefährten in wilder Flucht die Stätte des Grauens.

Seither ist es still geworden um das Goldloch. Nur scheue Gemsen suchen dort unter den Trosseln und Vogelbeerstauden etwa noch Schutz vor brennender Hitze oder vor Verfolgern. Hie und da klettert auch ein wundriger Wanderer hinauf, um droben einen Blick in die unheimliche, dunkle Tiefe zu tun. Oder lockt ihn vielleicht immer noch der goldene Baum?

 

Quelle: German Kolly, Sagen aus dem Senseland, Freiburg 1965. Mit freundlicher Genehmigung der Verlag Herder GmbH. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.Maerchen.ch

 

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