Das fremde Schwein

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Es war einmal eine Bäuerin. Die hatte eine übertriebene Liebe zu den Schweinen. Sie hätschelte und tätschelte sie wie Kinder, und stopfte ihnen das allerbeste Futter ein, dass sie recht rund und schwer wurden. An diesen Tieren hing ihr ganzes Herz. Sie waren ihr Stolz, ihr Ruhm, ihr Alles. Kam jemand ins Haus, dann hiess es: „Kommt, schaut zuerst meine Schweine an. Sind das nicht Prachtskerle? Solche seht ihr nicht grad wieder.“ Vom Stall gings in die Küche. Da musste der Besucher den Blick zum weiten, hölzernen Kamin erheben. Dort hingen die rauchgeschwärzten Fleischstücke der letzten Metzgeta. Wieder protzte die Bäuerin: „Seht diese Schinken, - zwanzig Pfund wiegt jeder. Seht diese Würste, - man könnte damit um das ganze Haus einen Scheilizaun machen. Seht diese Speckbachen, - sie sind so gross und dick wie die Sandsteinplatten des Stubenofens. Alles von meinen Schweinen.“ Ja, die Bäuerin, die wusste wie man Schweine gross und fett macht, und darauf war sie nicht wenig stolz.

Doch dieser Stolz hatte noch zwei schlimme Gefährten: Geiz und Hartherzigkeit. Kam ein Bettler auf den Hof und bat um ein Stück Brot, dann hiess es: „Faulenzer, pack dich fort. Was wir nicht selber essen, das geben wir den Schweinen.“

Zur Herbstzeit lag oft unter den Bäumen viel Obst. Dann kam vielleicht ein armes Kind daher und fragte: „Gute Frau, darf ich ein Körbchen voll auflesen?“ Die Antwort tönte wie ein Geisselhieb: „Mach dich weg von hier. Was nicht in den Keller geht, gehört den Schweinen.“

Wenn der Segen des Jahres eingeheimst und Küche und Keller, Speicher und Scheune gefüllt waren, dann feierte man die Kilbi. Drei Tage lang schwelgten die Leute im Überflüsse und freuten sich des Lebens.

War das Fest vorbei, dann zogen die Armen von Haus zu Haus und baten um die Kilbireste. Da machten unsere braven Bäuerinnen nicht nur die Küchenschränke, sondern auch die Herzen weit auf und füllten den Darbenden ihre Körbe mit Güschole, Küchlein, Bretzeln, Schinken- und Bratenstücken. So gebot es gute, alte und echt christliche Bauerntradition. Nur die Frau mit den Schweinen schien das nicht zu wissen. Wie ein hässiges Wächsi surrte sie im Hause herum und gab allen Bittenden die gleiche Antwort: "Was bei uns übrig bleibt, bekommen die Schweine. Die geben uns Wurst und Speck dafür, aber von euch hat man nur Undank und Ärger.“ Dann schmetterte sie die Türe zu, um so ihren Worten noch den nötigen Nachdruck zu verschaffen.

Sie hatte kein Mitleid mit den Armen. Sie kannte nicht die Seligkeit des Gebens, denn sie hatte noch nie einem hungernden Kind einen Apfel geschenkt, nie einer schwachen Wöchnerin ein Weissbrot gebracht, nie einem müden Wanderer einen Teller Suppe geschöpft. Sie hatte für niemanden etwas übrig. Alles, alles war für die Schweine.

Die Bäuerin starb eines jähen Todes und ihre Seele ging hinüber in die andere Welt, wo Geld und Gut nichts mehr gelten, und nur die guten Werke noch zählen, die man im Leben verrichtet hat.

Von jetzt an musste der Bauer die Schweine selber füttern. Als er eines Morgens in den Stall trat, da hätte er vor Überraschung bald die schweren Melchtern fallen lassen. Aus dem einen Verschlag grunzten ihm drei hungrige Schweine entgegen, und doch waren dort immer nur deren zwei gewesen. Woher das dritte kam und wie es da hineingeraten, das war ihm ein unheimliches Rätsel. Mit natürlichen Dingen konnte es nicht vor sich gegangen sein. Der Bauer goss das Futter in den Trog und schaute zu, wie die Tiere sich gierig draufstürzten und godernd nach den besten Bissen suchten. Sie waren alle drei gleich gross, gleich schmutzig, gleich borstig, gleich gefrässig. Er hätte unmöglich entscheiden können, welche zwei die seinen und welches das fremde war. Am selben Tage ging er mehrmals durch das Dorf, horchte auf die Reden der Leute und wünschte sehnlichst zu vernehmen, es sei da oder dort über Nacht ein fettes Schwein entlaufen oder gestohlen worden. Doch nichts dergleichen war zu hören. Er selber wollte nicht nachfragen, eine innere Stimme hielt ihn davon ab. Tage vergingen, niemand meldete sich. Da kam ihm plötzlich ein furchtbarer Gedanke: Sollte das Schwein vielleicht --?

Er schüttelte entsetzt den Kopf. Nein! nein! - und tausendmal nein - nur das nicht denken. Aber der Gedanke war nun einmal da und liess sich nicht mehr verbannen. Er quälte den Bauer bei der Arbeit, er folterte ihn in schlaflosen Nächten, er jagte ihm den kalten Grausen über den Rücken, er stellte ihm die Haare zu Berge, er hätte ihn bald noch um den Verstand gebracht. Der Unglückselige musste die drückende Last seines Geheimnisses ganz allein tragen, durfte keinem Menschen eine Silbe davon verraten. Was für ein Gerede hätte das im Dorf gegeben. - Den Schweinestall wagte er nicht mehr zu betreten. Es war ihm, als ginge dort ein böser Geist um, der ihn verderben wolle.

So vergingen lange, bange Wochen. Endlich nahte die Erlösung von dem Übel. Eines schönen Tages kam ein unbekannter Händler ins Dorf. Dem bot der Bauer die drei Schweine an. Ohne zu markten wurde der Handel abgeschlossen. Der Fremde lud die Tiere auf seinen Wagen und führte sie fort. Der Bauer fragte nicht wohin. Er wollte es lieber nicht wissen. Den ganzen Erlös teilte er den Armen aus, um damit zu sühnen, was die Bäuerin durch Geiz und Hartherzigkeit gesündigt hatte. 

 

Quelle: German Kolly, Sagen aus dem Senseland, Freiburg 1965. Mit freundlicher Genehmigung der Verlag Herder GmbH. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.Maerchen.ch

 

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