Die singenden Berggeister

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

 

„In meinen jungen Jahren war ich Holzer. Erst arbeitete ich in einem Bergwalde des Muscherenschlundes, in der Nähe von Sangerenboden. Es war ein heisser Tag. Am Abend fühlte ich mich sehr müde, ja, müder als sonst, und meinen Kameraden muss es nicht besser ergangen sein; denn wir krochen an diesem Abend alle schon früh ins Heulager, viel früher als sonst. Mitten in der Nacht wachte ich plötzlich auf. Da hörte ich einen wundersamen Gesang. Er schien aus weiter Ferne zu kommen, wohl von der Höhe der Berge hernieder, war aber ganz klar und deutlich vernehmbar. Ich richtete mich auf und lauschte und lauschte stundenlang. Ich habe nie mehr in meinem Leben einen so himmlisch schönen Gesang vernommen. Erst gegen Morgen hin verklang und erstarb er in den Himmelshöhen. Andern Tages fragte ich meine Genossen, ob sie diese zauberhafte Nachtmusik auch gehört hätten. Sie schüttelten die Köpfe, sie hatten alle fest geschlafen und nichts davon vernommen. Ein alter Holzer aber erklärte mir: „Was du gehört hast in dieser Nacht, das war der Gesang der Berggeister. Er bedeutet nichts Gutes; wir werden noch heute ein Unwetter erleben.“ - Wie er gesagt, so kam es auch. Schon am frühen Nachmittag brauste ein furchtbares Gewitter über den Muscherenschlund. Es hagelte und hagelte, bis Wege und Weiden fusshoch mit Schlossen bedeckt waren, und die ganze Landschaft einen winterlichen Anblick bot.“

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Der Gesang der Berggeister ist heute noch in manchen Gegenden unserer Freiburgeralpen zu hören. Doch hat er nicht überall die gleiche Weise. Im Känel am Fusse des Schafharnisch, klingt er wie ein hoher, monotoner Jauchzer. Auf der Geissalp tönt er melodisch reicher und wird vom Treibruf hooh - hooh - hooh unterbrochen. Die Tiere hören aber nicht darauf. Im Schönboden und in der Bregga hat er wieder einen andern Klang. Aber immer, wenn der Gesang der Berggeister zu hören ist, tritt ein plötzlicher Wetterumschlag ein, der meist Schneefall bringt.

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Welsche Ankenbettler kamen einmal mit ihren Kindern auf den Schönboden und übernachteten hier. Am andern Tage regnete es bis gegen Mittag. Dann heiterte der Himmel auf, und das Bettelvolk zog talwärts. Gegen Abend suchte der Hüterbub einige Kühe, die noch zu melken waren. Auf einmal hörte er weiter unten im Tale ein Kind weinen und schreien. Er glaubte, die Bettler hätten eines der ihrigen aus Unachtsamkeit verloren. Er ging dem Geschrei nach und, als er glaubte, an der gesuchten Stelle zu sein, da vernahm er das Weinen aus der entgegengesetzen Richtung. Nun lief er gegen die Geissalp hin. Dort angekommen, körte er das Kind wieder am Hohberg drüben weinen. Und als er auf dem Hohberg anlangte, kam der sonderbare Ton von der Schwarzen Fluh herüber. Der Knabe gab sein Suchen auf, trieb die verspäteten Kühe zum Stafel und erzählte sein Erlebnis dem Küher. Der schüttelte den Kopf und sagte nur: „Morgen wirst du sehen, was das ‚Plären‘ zu bedeuten hat.“

Am andern Morgen waren Berge, Weiden und Wälder tief überschneit, und es schneite noch immer. Da mussten die Hirten mit ihren Herden zu Tale fahren.

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Es war im Herbst. Einsamkeit lag über den Bergen. Kein Herdengeläut klang mehr auf den Weiden, und kein Jauchzer ertönte mehr. Im Breggaschlund droben brannten zwei Männer noch Kohlen. Eines Tages hörten sie oben im Tale ein Jodeln und Singen und Hooh-hooh-Rufen. Dazwischen tönte das helle Läuten der Herdenglocken und das dumpfe Brummen der Treicheln. Es war, als ob eine verspätete Herde noch zu Tal fahren wollte. Doch der Klang kam immer aus der gleichen Richtung und wollte sich nicht nähern. Die Köhler horchten lange. Endlich sagte der Jüngere: „Was soll das Singen und Klingen bedeuten? Ein ‚Zügel‘ kann es nicht mehr sein, es ist ja längst alles zu Tale gefahren. Wir sind die einzigen, die noch da droben hausen.“ Nach einer Weile antwortete der Ältere: „Das sind die Berggeister. Wir müssen hier rasch fertig machen und dann hinuntergehen. Es wird ein böses Wetter geben.“

Eine Stunde später verliessen die beiden die Alp und wanderten dem Tale zu. Auf einmal erhob sich heulend und pfeifend ein Sturmwind. Es begann zu schneien. Als sie zur Rippa kamen, reichte ihnen der Schnee schon bis an die Knie. Nur mit äusserster Mühe gelang es ihnen noch, bis zum Schwarzsee hinunter zu kommen. 

 

Quelle: German Kolly, Sagen aus dem Senseland, Freiburg 1965. Mit freundlicher Genehmigung der Verlag Herder GmbH. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.Maerchen.ch

 

 

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