Der Prinz und sein Gevatter

Land: Schweiz
Kategorie: Schwank

Es war einmal ein Prinz, der mit seiner Mutter, der alten Königin, in La Punt unten wohnte. Der Prinz war ein schöner und guter Jüngling, aber im Kopf etwas zurückgeblieben. Umso mehr Grips hatte sein Pächter und Gevatter Christel; der konnte ihn um den Finger wickeln, gerade wie er wollte, ohne dass der andere das Geringste merkte. Nur die Königin mahnte ihn oft und sagte: «Lieber Sohn, trau diesem Schuft nicht - der spielt dir einen Streich um den andern, glaube mir, das ist ein Fuchs.» Auch der Schreiber mochte den Gevatter nicht. Aber das half alles nichts. Der Prinz war ganz vernarrt in diesen Mann und versessen darauf, jeden Tag in den Stall zu gehen - das tat er verrückt gern. Der Prinz hatte auch einen grossen Grundbesitz, eine Viehherde und einen grossen Stall voller Schafe. Zeitweise ging der Pächter auf das Maiensäss Tabac, das dem Prinzen gehörte, um das Vieh auszufüttern, zeitweise wohnte er im Dorf. Jetzt eines Morgens früh, als der Prinz kaum aufgestanden ist, erscheint der Gevatter in aller Eile und bittet um Erlaubnis, mit dem Prinzen zu sprechen. «O Herr Prinz», rief er, «was bin ich doch für ein armer Mann; was habe ich für eine "schöne" Ordnung im Stall! Heute Nacht ist der Wolf eingebrochen und hat mir wieder zwei schöne Schlachtschafe gerissen. Wenn es auf diese Weise weitergeht, so weiss ich nicht mehr, was ich anfangen soll. Ich habe eine grosse Familie, glaubt mir's, und wenn ständig ein Schaf fehlt, so werde ich zugrunde gehen.» - «Ach, du armer Teufel», sagte jetzt der Prinz, es tut mir sehr leid, dass du so ein Pech hast» - und den Geldbeutel aus der Tasche nehmend - «hier, nimm diese beiden Goldstücke und kauf dir zwei andere Schafe.» - «Gott belohne und segne Euch, Herr Gevatter», sagte jetzt Christel, und auf dem Heimweg dachte er: «Heute habe ich ihn wieder reingelegt! Wenn der wüsste, dass ich es bin, der die Schafe getötet hat! Sapperlot! Wie wird das Fleisch des jährigen Schafes gut sein!»

Kurze Zeit später sagte an einem Sonntag die Frau des Pächters zu ihrem Mann: «Heute wollen wir wacker essen; ich will den Hafen übers Feuer hängen und Schweinefleisch mit Maisklössen kochen.» - «Weißt du was», sagte er, «mach ein riesiges Feuer, damit es bald zu sieden beginnt; heute will ich den Gevatter wieder reinlegen. Mein Geldbeutel beginnt schlaff zu werden, und ich habe grosse Lust, ihn zu füllen. Aber du musst mir helfen. In dem Augenblick, wo es überkocht, lässt du das Holz samt der ganzen Asche unter dem Hafen verschwinden, und ich renne unterdessen hinüber und rufe den Prinzen. Dann binden wir ihm einen Bären auf und erzählen, der Hafen koche ohne Feuer.» Sobald Christel sah, dass das Wasser im Hafen fast überlief, rannte er zur Tür hinaus und schrie zum Prinzen, den er gerade auf der Strasse traf: «Herr Prinz, Herr Prinz, wenn Ihr ein Wunder, etwas noch nie Dagewesenes sehen wollt, so kommt in meine Küche.» - «Was hast du denn jetzt wieder?» fragte der Prinz. «Was ich habe? Ich habe einen Hafen, der kocht ohne Feuer!» - «Du wirst doch nicht etwa Spass machen», sagte jetzt der Prinz, «wie kann ein Hafen ohne Feuer kochen?» - «Herein, nur herein, schaut selber, ob das nicht wahr ist.» - Und – tatsächlich, als er in die Küche kommt, sieht der Prinz, dass das Wasser im Hafen überlief, obwohl kein Feuer darunter brannte. Und in dem Augenblick hob die Frau den Hafen hoch und zeigte dem Prinzen, dass das Fleisch gar war. «Hol’s der Teufel», sagte der Prinz, «das wäre etwas für uns, wir, die so viel Holz brauchen. Wie viel verlangt Ihr dafür?» - «Aber Herr Prinz», antwortete der Gevatter, «es tut mir leid, doch dieser Hafen ist nicht käuflich.» - «Oho, oho», sagte jetzt der Prinz, «nicht einmal für des Königs Geld? Gebt Ihr ihn mir für zehn Goldstücke?» - «Aber, Herr Gebieter, weil es für Euch ist, so will ich ihn hergeben und ihn auch gerade in Euren Palast hinübertragen.»

Nun rannte der Prinz zur alten Königin und rief: «Frau Mutter, Frau Mutter, ich habe eine Anschaffung gemacht! Ich habe einen Hafen gekauft, der ohne Feuer kocht. Kommt sogleich in die Küche und schaut, ob es etwa nicht so ist, wie ich gesagt habe!» - Jetzt musste die alte Köchin das brennende Holz darunter wegnehmen und alles auslöschen, dann hängten sie den Hafen auf, und der Prinz sagte zur Mutter: «Jetzt, Frau Mutter, könnt Ihr sehen, wie bequem das ist und wie viel Holz wir sparen werden!» - Doch das Wasser im Hafen blieb kalt, und vom Sieden war keine Rede. Der Schreiber begann zu grinsen, ging ganz leise aus der Küche und dachte. «Diesmal ist der gute Prinz wieder schön an der Nase herumgeführt worden.» - Die Frau Königin sagte jetzt zu ihrem Sohn: «Du bist aber wirklich ein armer Trottel, es tut mir leid, es dir sagen zu müssen. Alle guten Ermahnungen, die ich dir gegeben habe, haben nichts geholfen; jetzt gehst du hinüber und sagst jenem Schuft, was er ist und dass wir ihm die Pacht wegnehmen, wenn er noch einmal die Frechheit hat, dich derart anzuschmieren.»

Nun ging der Winter vorbei, und eines Tages, als Christel wieder gar kein Geld mehr hatte, sagte er zu seiner Frau: «Heute hätte ich Lust, den Prinzen wieder über den Tisch zu ziehen, und wenn es uns gelingt, so hauen wir von La Punt ab, es darf uns niemand mehr hier finden, du musst nur tun, was ich dir sage.» Kurze Zeit später sah Christel den Prinzen auf der Strasse draussen, da befahl er seiner Frau: «Leg dich sofort mitten in der Stube auf den Bauch und tu so, als wärst du tot.» Dann rannte er Zetermordio schreiend zum Prinzen: «O Herr Prinz, Herr Prinz, ich bin ein armer, unglücklicher Mann! Meine Frau ist gerade jetzt gestorben!» - «Gott bewahre!» sagte der Prinz, «wie ist das möglich, ich habe sie doch gerade vorher gesehen?» - «So kommt sogleich mit mir in die Stube, dann könnt Ihr es selbst sehen.» Und tatsächlich - drinnen sahen sie die Frau in voller Länge mausetot daliegen. «Ihr armer Mann», sagte der Prinz, «das ist wohl ein grosses Unglück für Euch alle, dass Ihr diese gute Hausfrau verloren habt. Da habt Ihr allen Grund zu klagen und zu weinen, denn so eine kriegt Ihr nicht mehr!» Und Christel wollte nicht mehr aufhören zu schreien und tat wie halb verrückt. Da sagt er plötzlich, indem er sich gegen die Stirn schlägt: «O ich Dummkopf, dazustehen und mich derart aufzuführen! Ich, der ich sie ins Leben zurückholen kann! Und nicht vorher daran gedacht zu haben!» - «Was für ein Mittel habt Ihr denn, um einen Toten wieder lebendig zu machen?» fragte der Prinz, «das ist nicht möglich, tot bleibt tot.» - «Ich kann helfen, wartet nur», und Christel holte eine Pfeife aus dem Schrank und pfiff dreimal von hinten gegen seine Frau, und beim dritten Pfiff stand sie auf und war quicklebendig. 

«Lass mich diese Pfeife anschauen, Donnerweiter! Die muss ich haben», sagte der Prinz und zog einen mit Goldstücken gefüllten Beutel hervor. «Ich glaube, damit könnt Ihr zufrieden sein». Und er warf den Beutel auf den Tisch, ging zur Stube hinaus und zu seiner Mutter, um ihr die Pfeife zu zeigen. Am nächsten Tag sah er vor dem Tor des Palasts den Schreiber und konnte sich nicht verkneifen, ihm zu erzählen, was er gesehen hatte, und ihm die Pfeife zu zeigen. Der Schreiber begann zu lachen und sagte: «Diesmal, Herr Prinz, seid Ihr wieder von oben bis unten angeschmiert worden!» - «Was, du Schuft, du hast die Frechheit, deinem Herrn derartige Gemeinheiten an den Kopf zu werfen? Warte, wir werden noch ein Wörtlein miteinander zu reden haben!» Dann ging der Prinz in sein Zimmer, und einen Augenblick später erschien er mit seinem Gewehr am Fenster und schoss den Schreiber kaltblütig nieder. Schlagartig sprangen alle herbei und sahen den Schreiber mausetot am Boden liegen. Die Königin schrie: «O du unglücklicher Sohn, was hast du getan?» – Als er nun den Schreck der Mutter sah, sagte der Prinz: «Beruhigt Euch Frau Mutter, wenn ich den Schreiber umgebracht habe, so kann ich ihn auch wieder lebendig machen» – und er pfiff dreimal von hinten gegen den Schreiber. Aber der regte sich auch beim dritten Pfiff nicht mehr. «O du Teufelsgevatter!» - schrie der Prinz jetzt, «warte nur, du wirst deinen Lohn kriegen, so wahr ich hier stehe. Los, kommt alle mit mir, wir wollen ihn verhaften.» Alle gingen mit Gewehren und Schwertern hinüber, aber was fanden sie? Das Haus war verschlossen, und niemand darin! Der Gevatter hatte sich aus dem Staub gemacht, der war über den Albula geflohen, und niemand hat ihn mehr gesehen - und das Märchen ist zu Ende.

(Oberengadin)

 

Quelle: Die drei Hunde, Rätoromanische Märchen aus dem Engadin, Oberhalbstein und Schams. Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler/Kuno Widmer, Desertina Verlag, Chur 2020. © Ursula Brunold-Bigler.  

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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