Die hochmütige Prinzessin

Land: Schweiz
Kategorie: Novelle

Ein König hatte eine sehr hochmütige Tochter. Da kam ein Prinz und hielt um ihre Hand an. Sie antwortete spöttisch, er sei es nicht wert, ihr die Schuhbändel zu lösen, geschweige denn, sie zur Frau zu nehmen.

Da eben der Hofnarr gestorben war, wurde der Prinz mit seinem Vater einig, den Hofnarren zu spielen. Er kaufte drei Goldkugeln und tat dergleichen, als würde er im Keller unten nach Schätzen graben. Die Prinzessin wollte eine dieser Kugeln. Er sagte: «Ich gebe sie dir, wenn ich eine Nacht mit dir schlafen kann.» Ohne weiter nachzudenken, willigte sie ein.

Nach einiger Zeit befand sie sich in andern Umständen, was damals mit dem Tod bestraft wurde. Da sagte sie zum Hofnarr: «Lieber will ich dich heiraten, als das Leben verlieren. Nimm alle Wertsachen mit, die du hast, und lass uns fliehen.»

Er nahm einen grossen, sehr schweren Sack. Als sie über eine Brücke gingen, liess er diesen hinunterfallen, und der Sack schwamm mit dem Wasser davon. Sie weinte. «Mach dir keine Sorgen; wir wollen eine Wirtschaft aufmachen und Getränke ausschenken», sagte er. Er hiess sie darauf, an der Strasse zu stehen und Getränke zu verkaufen. Zuerst ging es gut. Dann kamen die Soldaten und tranken, ohne zu bezahlen. Am Abend fragte er, wie es gegangen sei. Sie zeigte sich ganz verzagt und war wütend auf die Soldaten des Königs, die sie um den ganzen Gewinn gebracht hatten. Er sagte. «Zu einem Geschirrstand werden die nicht kommen. Du kannst Schüsseln verkaufen. Das kommt an.» Zuerst ging es gut. Der Prinz hatte jedoch die Kavallerie angewiesen, gegen Abend mit den Pferden diesen Stand umzuwerfen und alles in Scherben zu schlagen. Die Frau war deswegen halb verzweifelt. Jetzt sagte der Mann: «Es ist besser, bei jemandem als Magd zu dienen.» Sie trat am andern Tag eine solche Stelle an und versprach, dem Mann täglich heimlich vom Mittagessen zu bringen. Er arbeitete am selben Ort als Maurer. Eines Tages, als sie sich unter der Schürze einen Krug mit Suppe und Fleisch umgebunden hatte, um es dem Mann zu bringen, trat der Prinz in die Küche und forderte sie zum Tanz auf. Sie widersetzte sich vergebens. «Nur wenigstens die Kleider wechseln», bat sie. «Nichts da!» befahl er. Sie tanzte, er schnitt rasch die Schnur am Krug durch, der rollte durch den Saal, und da fiel das Essen heraus, zur grossen Belustigung aller und zur Schande der armen Köchin. Die fiel beinahe tot um. Der König sagte: «Sohn, jetzt reicht’s, gib dich zu erkennen.»

Daher sagt man: «Frau, du fällst in das, was du verspottest.» - «Man weiss, was man ist, nicht, was man werden muss.»

(Oberhalbstein)

 

Quelle: Die drei Hunde, Rätoromanische Märchen aus dem Engadin, Oberhalbstein und Schams. Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler/Kuno Widmer, Desertina Verlag, Chur 2020. © Ursula Brunold-Bigler.  

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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