Der bleibt an meiner Stelle

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Unweit Dagmersellen sei in einem Walde ein Kloster gestanden und auf dem Wege, der neben dieser Stelle hinläuft, soll schon mancher eine Letze geholt haben, weil es dort spukt. Lockend ist der Platz besonders für Schatzgräber. Ein alter Mann, der Nachts beim Mondschein des Weges ging, sah auf einem Stocke Rossbollen und bald darauf eine schöne Jungfrau, die mit einem weissen Körbchen am Arme neben ihm vorbeiging. Erst jetzt fiel ihm die Erscheinung auf und ahnte er, warum es ihm gewesen, als ob die Bollen einen Metallglanz hätten. Er lief zurück, aber sie waren verschwunden.

Ebendahin zogen, mit den nötigen Sachen wohl ausgerüstet und besegnet, in einer Fronfastennacht zwei junge Burschen. Auf einmal stand vor ihnen, wie aus dem Boden gewachsen, eine Klosterpforte, die man sonst vor- und nachher nie gesehen. Sie getrauten sich nicht zu klopfen und liefen weg. Es reute sie aber, sie fassten neuen Mut, gingen hin und pochten an. Da rief von innen eine weibliche Stimme, dass auf der Selle ob der Türe die Schlüssel liegen, sie sollten nur hinauflangen und aufmachen. Als die beiden halb erschrocken zauderten, rief die Stimme wieder, sie sollten doch hinlangen und öffnen. Nun taten sie 's und fanden drinnen eine Jungfrau, die sie an einen mit Speis und Trank besetzten Tisch sitzen hiess, mit den Worten: „Esset und trinket und erschreckt nicht, wenn nach einer Stunde zwölf schwarze Männer kommen und mich auf dem Ambos zu kleinen Stücklein verschlagen. Hier der Wand nach sind die Geldkisten und da sind zwei Säcke, dass ihr in dieselben von dem Gelde fassen könnt, jeder so viel er will. Welcher aber seinen Teil nicht zu tragen vermag, der muss an meiner Stelle bleiben." Um elf Uhr kamen die schwarzen Männer und es ging so wie die Jungfrau gesagt hatte. Wie sie fort waren, füllten die Burschen ihre Säcke und wollten gehen. Einer nahm aus Geiz so viel, dass er mit der Bürde nicht recht weiter vermochte und bat den andern, ihm tragen zu helfen, er werde ihm dankbar sein. Aber derselbe war gescheiter und schritt mit seiner Sache zufrieden voraus, während der Kamerad ausruhend mit der schweren Last zurück blieb und nicht mehr gesehen ward. Er musste statt der Jungfrau bleiben, die jetzt ein Kind der Seligkeit wurde.

 

Quelle: Alois Lütolf, Sagen, Bräuche, Legenden aus den fünf Orten Luzern, Uri, Schwyz, Unterwalden und Zug, Luzern 1865. Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung, www.maerchenstiftung.ch.

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