Die Muttergottes im Felsental

Land: Schweiz
Kategorie: Legende

Als noch ein vielbegangener Pilgerweg aus dem Schwabenland durchs Merishausertal, durch das „Loch , das Mühlental zum Kloster Allerheiligen führte, ein Weg, der sich in vielen Krümmungen durch eine wild romantische Gegend schlängelte, zogen einst mit der sinkenden Sonne zwei Wanderer diesen einsamen Pfad, ein rauher, bärtiger Rittersmann, und an seiner Hand ein blühender Knabe mit blonden Locken. Der Rittersmann trug einen kurzen, faltigen Mantel, nicht Helm noch Panzer, doch war ein starkes Schwert an seine Seite gegürtet; der Knabe war fein gekleidet und hielt, wie als Spielzeug, Bogen und Pfeile in seinen Händen. Kaum trugen ihn noch die schwachen Füße; die Wanderer hatten eine lange, saure Tagesreise hinter sich. Es war der dritte Tag ihrer Wanderung; vor einer Woche war das Knäblein noch weinend am Todbette seiner Mutter gestanden, deren Gemahl als Kreuzritter focht im heiligen Lande, und sie hatte dieses ihr teuerstes Gut einem Diener ihres Herrn anvertraut, der während dessen Abwesenheit seiner Väter Burg verwaltete. „Gelobet mir, so sagte die Sterbende zu dem Ritter mit brechender Stimme, das Knäblein nach der Burg Bruneck zu bringen, nahe dem Kloster Königsfelden, im Lande der Aare; dort soll es mein Bruder erziehen, bis der Vater zurückkehrt aus dem heiligen Lande!“ Und dem weinenden Kinde reichte sie ein verschlossenes Kästchen mit den Worten: „Das bewahre als ein Heiligtum und trag’ es mit dir, wo du gehst und stehst; deiner Mutter Kleinodien sinds, nie trenne dich davon, nur in der allerhöchsten Not. - Und deinem Beschützer hier folge auf sein Wort und gedenke dabei deiner Mutter, die für dich bitten wird bei unsrer lieben Frau, dass dir kein Leids geschehe auf der weiten Wanderschaft.“

Und beide gelobten, der Sterbenden letzten Willen zu halten und begruben sie und traten die beschwerliche Wanderschaft an. Freundlich führte der Alte das Knäblein und verkürzte ihm den Weg mit freundlichen Worten, aber im Herzen erwachte die Gier nach den Schätzen des verschlossenen Kästchens, und er brütete einen blutigen Plan, sie an sich zu bringen, und des Knaben Mund auf ewig zu schließen. Drum hatte er das zarte Kind durch die lange Tagesreise ermüdet mit dem Versprechen, es noch heute in das große und schöne Kloster Allerheiligen zu führen, und als nun die Dämmerung hereinbrach, spähte er rechts und links nach einem sichern Versteck seitab von dem Fußpfad, um die blutige Tat zu vollführen. Da entdeckte er ein enges felsiges Seitental, von einem Bächlein durchrauscht, von hohen Felswänden eingeschlossen, die näher und näher zusammenrückten; dichtes Gebüsch überschattete die Felsen von oben; selten schien ein menschlicher Fuß die einsame Schlucht zu betreten. „Mein junger Herr, so sagte er zu dem ermatteten Knäblein, die Nacht bricht herein, eure Füße tragen euch kaum mehr, das Kloster ist noch fern und keine Herberge in der Nähe, wir müssen heute im freien Felde übernachten, wie es Rittersleuten auch geziemt; seht da ein stilles Tal, da ruhen wir aus an dem rauschenden Quell und stärken uns und befehlen uns in der Mutter Gottes Schutz, sie wird uns bewahren vor Räubern und Mördern und wildem Getier des Waldes, und morgen wandern wir weiter nach dem gastlichen Kloster am Rhein.“ Und das Knäblein, zu gehorchen gewohnt, folgte dem rauhen Begleiter, denn es sehnte sich nach Ruhe und löschte aus dem Quell seinen Durst, legte sein Kästchen unter das Haupt in den Rasen und empfahl sich nach der Mutter Rat in der „lieben Frauen“ Schutz, und bald fielen ihm die müden Augen zu. Aber als es still war rings im Tal und der volle Mond emporstieg über den Felsen und die Schlucht erleuchtete, da schickte sich der Unhold an, die schreckliche Tat zu vollführen. Lieblich ruhte des Mondes Licht auf dem lockenreichen Antlitz des Kindes; es war, als wollte sein Ausdruck im letzten Augenblick noch das harte, geldgierige Herz erweichen. Da stand er im Kampf mit sich selbst, bald legte er schon die Hand an den Griff des mächtigen Schwertes, bald zog er sie zurück; endlich, rasch entschlossen, riss er es aus der klirrenden Scheide, um des Kindes unschuldiges Blut zu vergießen. Dieses aber hatte einen schweren Traum; es sah seine Mutter in der Schaar der Seligen, welche die Königin des Himmels umgeben, sich selbst aber weit von ihnen getrennt, drum fing er an, die Gnadenreiche sehnlich zu bitten, ihn doch auch hinauf zu nehmen in die ewige Seligkeit. Durch das Klirren des Schwertes vom Schlafe aufgeschreckt, stammelte er die Worte: „O Mutter Gottes, erbarme dich mein!“, als eben sein Begleiter das Schwert erhob zum tödlichen Streich. Erschrocken schaute er auf und siehe, da wars ihm, als neigte sich von dem gegenüberstehenden mondbeleuchteten Felsen ein hohes graues Bild der Maria mit dem Kinde zu ihm herüber; von Schreck ergriffen, warf er das Schwert von sich und floh davon, wie von bösen Geistern gejagt, und das Knäblein, erwachend, sah das blanke Schwert im Grase und seinen Begleiter fliehend und erriet bald, was geschehen, und warf sich auf die Knie und dankte der lieben Frau für die gnädige Errettung. Und im Gebet winkte auch ihm von dem mondbeleuchteten Felsen her die holdselige Maria mit dem Kinde, und er glaubte nicht anders, als dass ein Wunder geschehen, um sein junges Leben zu schützen vor des Mörders Hand. Bald sank er wieder in süßen Schlaf und am Morgen war das Bild verschwunden; er aber wanderte, dem betretenen Pfade folgend, nach dem Kloster Allerheiligen und erzählte den Mönchen das Wunderbare, was ihm widerfahren. Und sie erbarmten sich sein und priesen mit ihm die Allmacht Gottes und seiner Heiligen und wallfahrteten hinaus mit Kreuz und Fahne in das einsame Tal und richteten daselbst ein Kreuz auf, und lange noch glaubten die Pilger in den verwitterten Felsen die Züge der wundertätigen Maria mit dem Kinde zu erkennen.

 

Aus: R. Frauenfelder, Sagen und Legenden aus dem Kanton Schaffhausen, Schaffhausen 1933.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

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