Das unerwartet abgebrochene Schauspiel

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Volksschauspiele wurden ehemals sehr häufig veranstaltet und die Bauern liebten selbe sehr. Es gibt in Oberwallis der Orte wohl wenige, wo man von abgehaltenen Schauspielen nicht noch etwas zu erzählen weiss — Jetzt sind diese Volksunterhaltungen viel seltener geworden. Zu leugnen ist es nicht, — die Vorbereitung eines Spieles und die Einübung der Rollen raubt dem Landarbeiter viel kostbare Zeit und nimmt selbst blankes Geld in Anspruch; auch kommt viel Volk von Nah und Fern zu solchen Spielen zusammen, was Unannehmlichkeiten absetzt und viele zu unnötigen Geldauslagen verleitet. Darum wird den Volksschauspielen nicht allgemein mehr das Wort gesprochen, obschon deren gute Seite nicht ganz kann in Abrede gestellt werden.

Zwei Rollen durften bei den Volksspielen nie fehlen: ein gewaltig gehörnter, langbeschweifter Satan mit seinen Gehülfen und ein scheckig gekleideter Possenreisser, — sogenannter Gaukler oder Narr. — Das schwarze Gefolge des vermummten Teufels hielt beim Auf- und Umzug und während des Spieles die Polizei und die zu Neugierigen in ziemender Ferne. Jeder Unfug wurde schnell beseitigt; sassen z. B. zwei Verliebte neben einander, gar freundliche Blicke wechselnd, wurden sie zuverlässig von hingesandten Satansgehülfen unter Hohnlachen der Zuschauer auseinandergejagt. — Einem Schuldentreiber, der so manchem dummen Bauern die Batzen- und Pfundrechnung näher zu verstehen gab, bot Luzifer unter allen Augen den Bruderhandschlag, usw.

Sehr schneidend und ohne allen Respekt geisselte aber der Gaukler der Menschen Tun und Lassen, hatte darum auf die öffentliche Moral grossen Einfluss. Die beissenden Sprüche des Narren am Spiele erhalten sich lange im Munde des Volkes; Jeder — Privatleute — Vorsteher — Gemeinden — müssen denselben Rechnung tragen. — Derbe Verweise wurden manchmal den Zuschauern gerade ins Gesicht geworfen; z B.:

I gse da Eini (deutend) midenem langu Hals.
Wenn ihr's de nit wisst — di weiss all's.

In einer etwas störrischen Gemeinde wurden die Pfarrer oft gewechselt. Weil eben der Fall wieder eintraf, sprach der Gaukler einer Nachbargemeinde:

In N. wellund d'Heru nimme blibu.
Und di wa nid gehnd, tiensch no tribu.
Da gensch de ins Gmeihus ga tobu,
Wellum Herr schnu welle robu, u.s.f.

In einer andern Gemeinde begannen die Töchter eine neue Mode mit eng zusammengefalteten Vorschosen (Vorschürzen) einzuführen. Da lachte ein Narr am Spiel:

In N. hat d'Hoffart d'Meidjini zwungu,
Schmali Vorschosjini z'trägu wie e Chuozungu!

und die Vorschos wurden wieder breiter wie jene anderer Christentöchter, was gewiss der Pfarrer auch in zwanzig der feurigsten Predigten nicht zuwege gebracht hätte.

In St. Niklaus wurden die Volksschauspiele ob dem Dorfe am Saume eines grossen Tannenwaldes aufgeführt, der von steilen und ziemlich lockern Gebirgsfelsen überragt wird. Der Platz eignet sich für Schaubühne und Zuschauer sehr gut.

Im vorigen Jahrhundert war's, als da in einem grossen Spiele das "jüngste Gericht" vorgestellt wurde. — Das ganze Stück war, wie damals unerlässliche Mode, in lauter altmodischen Reimen, sogenannten "Knüttelversen" abgefasst; denn ohne Verse durfte auf der Bühne nichts gesagt werden.

Als eben der erzürnte Richter, nachdem er in langen Reihen die Schuldigen und Unschuldigen angehört und ihre nichtigen Ausreden und Entschuldigungen widerlegt hatte, das grosse Urteil gesprochen und die zahlreichen Dämonen furchtbar heulten und wüteten, sieh! da entstand hoch im Gebirge dumpfes Getöse und die erschrockenen Spieler und Zuschauer gewahrten mit Entsetzen, dass eben ob ihren Häuptern furchtbare Steinblöcke sich ablösten und krachend in mächtigen Staubwolken den Berg herabrollten. Dieser nicht ungewöhnliche Steinbruch gefährdete zwar weder den Schaubühnenplatz noch das Dorf St. Niklaus, weil die herabfallenden Blöcke durch einen im Tale unsichtbaren Graben abgeleitet werden; aber der Schein trog derart, dass ein allgemeiner Schrecken Alles ausser Fassung brachte. Unter verzweifelndem Jammergeschrei sprangen alle, Spieler und Zuschauer, in wilder Hast, die Stärkern über die Schwächern hinaus und voran, nach allen Gegenden auseinander. Weder Zäune, Gärten und Wiesen noch Mitmenschen wurden geschont: die einen verloren ihre Kleider, die andern verrenkten und brachen ihre Glieder. Alle waren blass vor Todesschrecken. — So endete das grosse Trauerspiel. — Schiller mag die Szene mitangeschaut haben, da er niederschrieb: «Der schrecklichste der Schrecken ist der Mensch in seinem Wahn.»

 

Quelle: M. Tscheinen, P. J. Ruppen, Walliser Sagen, gesammelt und herausgegeben von Sagenfreunden, Sitten 1872.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

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