Das Schlossfräulein von Kastels

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

An der Strasse von Freiburg nach Düdingen liegt die Ortschaft Kastels, von den französisch sprechenden Freiburgern Caty genannt. Hier findet man die Reste einer alten römischen Befestigung. Die Ruinen sind dem Walde zu gelegen, am steilen Abhang des Saanetales. Es sind die Überreste einer stolzen Burg. Nur einige Kalksteinbrocken sind noch zu sehen und drinnen im Felsen einige halbverschüttete Höhlen und Gänge, die Überreste vom ehemaligen Burgverlies — jetzt ein willkommener Spielplatz für unternehmungslustige Buben. Alte lebenskundige Leute wissen zu berichten von einem wunderhübschen Schlossfräulein von Kastels, das alle hundert Jahre zu sehen war in mondhellen Quatembernächten. Es trug ein blütenweisses Gewand, dessen Falten bis zu den Füssen reichten; auf dem Kopf hatte es eine Haube nach altmodischer Art. Wem das Burgfräulein erschien, dem zauberte es ein Schloss von märchenhafter Pracht vor; dann spazierte es vor demselben auf und ab. Wenn das Fräulein einen nächtlichen Wanderer erspähte, winkte es ihm lebhaft freundlich zu und lud ihn zum Eintritt ein. Es versprach dem Besucher einen reichen Schatz, der im Schloss verborgen war. Selten aber besass jemand den Mut, der seltsamen Einladung zu folgen; diese Weigerung machte das Schlossfräulein stets traurig; es fing an zu jammern und vergoss auch Tränen. Denn zur Sühne schwerer Vergehen seiner Ahnen musste es sich am Schlossplatz zeigen, bis es erlöst würde. Wer die Verwunschene erlöst, dem fällt der gesamte Gold- und Silberschatz zu, der im Schlossgewölbe vergraben liegt. Der Beherzte muss aber dabei strenges Stillschweigen beobachten, sonst wäre alle Mühe umsonst.

Mit mehreren Abweichungen enthalten die verschiedenen Sagen über das Schlossfräulein von Kastels denselben Kernpunkt der Handlung.

 

a) Einst begegnete ein Bauer gegen Abend dem weissgekleideten Fräulein, welches einen roten Regenschirm trug. Er redete die Dame an und fragte sie, woher sie komme und wohin sie gehe. Sie antwortete: «Ich bin eine unerlöste arme Seele welche auf Befreiung wartet. Schon mancher hat mich angesprochen und mich erlösen wollen, aber keiner konnte es bisher.» Der Mann versprach, es zu probieren und folgte dem Fräulein. Es führte ihn auf einen Turm und zeigte ihm ein tiefes Gelass, das mit Wasser angefüllt war. Darin aber wimmelte es von hässlichen Schlangen. Viele Sprossen führten in die grausige Tiefe hinab. Der Bauer nahm allen Mut zusammen und versuchte hinabzusteigen. Doch je mehr er dem Wasser und seinen giftigen Bewohnern sich näherte, um so stärker wurde seine Furcht und sein Grausen. Er wagte sich nicht weiter vor. Schrecken und Angst lähmten seine Glieder. Er fürchtete für sein Leben und kehrte eilig wieder hinauf, ohne die Verwunschene erlöst zu haben. Da schwanden plötzlich Schloss und Herrin und der geängstigte Bauer machte sich eilends nach Hause.

 

b) Ein anderer Bauerssohn befand sich am späten Abend auf dem Heimweg, begleitet von seinem treuen «Bäri». Da erschien ihm das Fräulein und forderte ihn auf, einen verborgenen Schatz zu heben. Der Bursche sagte ohne Bangen zu und erklärte sich bereit, den Wunsch der Dame zu erfüllen. Er folgte ihr durch einen langen unterirdischen Gang, der von einem Labyrinth von Seitengängen durchquert war und beim Schlossweiher in eine tiefe Höhle führte. Das Fräulein ging immer voran und trug einen hübschen Sonnenschirm. Bevor die beiden die geheimnisvolle Höhle betraten, gab die Führerin ihrem Begleiter die strenge Weisung, in der Höhle bei der Hebung des Schatzes ja kein Wort zu reden. Anfangs hielt der junge Mann sein Versprechen. Der Gang der Höhle erstrahlte von einem wunderbaren Lichte. Da überkam den Burschen eine grosse Freude über den aussichtsreichen Fund. Er vergass sein Versprechen und sprach unüberlegt: «Bald bin ich ein reicher Mann.» Kaum hatte der Jüngling das Wort gesprochen, tat es einen gewaltigen Donnerschlag, von dem der Boden erzitterte; Schloss und Herrin waren verschwunden, aber auch der erhoffte Schatz. Tiefe Finsternis umfing den Unvorsichtigen. Langsam tappte er vorwärts, bis er auf einmal auf der mondhellen Landstrasse stand. Nur sein Hund blieb zurück und kam nie mehr zum Vorschein, soviel er auch locken wollte. Der unbesonnene Bursche bekam keine Gelegenheit mehr, den verborgenen Schatz zu heben. Er musste noch froh sein, mit heiler Haut davongekommen zu sein.

c) Nach einer dritten Überlieferung erschien die Schlossherrin einem angeheiterten Bauern, welcher sich über die Gestalt lustig machte. Das musste er aber schwer büssen. Als er heimgekommen war fand er alle Kühe im Stall paarweise mit den Schwänzen zusammengeflochten. Sie brüllten vor Angst und gaben am andern Morgen rote Milch.

 

Quelle: Pater Nikolaus Bongard, Sensler Sagen, Freiburg 1992.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch

Diese Website nutzt Cookies und andere Technologien, um unser Angebot für Sie laufend zu verbessern und unsere Inhalte auf Ihre Bedürfnisse abzustimmen. Sie können jederzeit einstellen, welche Cookies Sie zulassen wollen. Durch das Schliessen dieser Anzeige werden Cookies aktiviert. Details finden Sie in unserer Datenschutzerklärung.

Cookie Einstellungen

Diese Cookies benötigen wir zwingend, damit die Seite korrekt funktioniert.

Diese Cookies  erhöhen das Nutzererlebnis. Beispielsweise indem getätige Spracheinstellungen gespeichert werden. Wenn Sie diese Cookies nicht zulassen, funktionieren einige dieser Dienste möglicherweise nicht einwandfrei.

Diese Webseite bietet möglicherweise Inhalte oder Funktionalitäten an, die von Drittanbietern eigenverantwortlich zur Verfügung gestellt werden. Diese Drittanbieter können eigene Cookies setzen, z.B. um die Nutzeraktivität zu verfolgen oder ihre Angebote zu personalisieren und zu optimieren.
Das können unter Anderem folgende Cookies sein:
_ga (Google Analytics)
_ga_JW67SKFLRG (Google Analytics)
NID (Google Maps)