Der rote Hund von Plaffeien

Land: Schweiz
Kategorie: Sage

Das Freiburger Oberland ist ein herrliches Flecklein Erde. Sanftes Hügelgelände, umsäumt von grünen Matten, abgegrenzt durch die stolzen Bergriesen der Kaiseregg, Spitzfluh und Gantrisch und vieler gezackter Häupter, ist dieses Land eine Perle in Helvetias Prunkgewand. Wohl hat die Zivilisation schöne Strassen hineingebaut, auf denen im Sommer blitzschnelle Autos dahinrasen, aber kein Fabrikruss verdunkelt das klare Auge dieses Gebirgskindes, kein schrilles Pfeifen der Lokomotive bricht die heimatliche Stille. Unberührt von Überkultur ist auch der Volksschlag, der hier haust und schafft. Einfache, schlichte Leute sind in den braunen Holzhäusern daheim, zäh halten sie fest an den Sitten und Überlieferungen ihrer Vorfahren. Sorgsam hüten sie auch den Schatz uralter Geschichten und Sagen, die sie sich an den langen Winterabenden erzählen; während die Frauen lismen (stricken) oder flechten, strecken sich die Männer bequem auf den grossen, warmen Sandsteinofen. Und Frau Sage, die unermüdliche, geht um. Was ich einst erlauscht von ihrem Munde, mag hier weiteren Kreisen zur Unterhaltung wiedererzählt werden:

Gegen Ende des 17. Jahrhunderts trieb im Oberland ein schauriges Gespenst sein Unwesen. Es machte die Zufahrtsstrassen von der Hauptstadt nach den Tälern des Senseflusses unsicher. Mit Vorliebe hielt es sich in einer tiefen Höhle oberhalb Plaffeien auf. Gegen Leute, die es in Ruhe liessen, war das Ungeheuer harmlos; man nannte es in der Umgebung den «Gassentätscher.» Aber wehe demjenigen, der diesen Namen spöttelnd aussprach! An einem nebeligen Novemberabend verliessen zwei Vagabunden lärmend den «Alpenklub», damals das einzige Wirtshaus in Plaffeien. Arm in Arm wackelten beide die Strasse entlang. Am Dorfbrunnen erblickten sie zu ihrem Schrecken ein abscheuliches Ungetüm mit feurigem Rachen und flammenden Augen. Es rührte sich aber nicht, weshalb sich die Kumpanen bald von ihrem Schrecken erholten und ihm zuriefen: «Gassentätscher, hast du noch Durst? Geh uns aus dem Wege!» Da zeigte der rote Hund fletschend seine Zähne, die tapferen Spötter wollten fliehen, als sich ihnen ein brüllender Stier in den Weg stellte. Ein sicherer Tod harrte ihrer. Endlich gelang es ihnen, im schnellsten Tempo in ein nahes Haus zu fliehen, wo sie vor dem Gespenst sicher waren. Erst am folgenden Tage wagten sich die zwei Helden auf die Strasse.

Ein anderes Mal marschierte ein Jüngling von Plasselb nach Plaffeien. Im Ried klopfte er an das Fenster seiner Geliebten. Bald unterhielten sich die Verliebten in leisem Zwiegespräch. Plötzlich sahen sie auf einem Haufen Reiswellen einen wüsten Hund mit gespreizten Krallen sitzen. Er zeigte seine scharfen Zähne und liess ein unheimliches Brummen hören, ein Zeichen grosser Wut. Der mutige Bursche ergriff ein Holzscheit und warf es mit Leibeskraft gegen die wütende Bestie. Aber das Tier kehrt sich gegen seinen Angreifer. Sein Rachen speit Feuerflammen. Ausser sich vor Angst rennt der Jüngling fort, so schnell ihn seine Beine tragen können. Doch mit Riesensprüngen holt ihn das Ungetüm ein und legt ihm seine beiden Vorderpfoten auf die Schultern. Sie waren so schwer wie die Beine einer fetten Kuh von der Geissalpe. Dann zerkratzte der Hund dem Unglücklichen Kinn und Wangen und misshandelte ihn eine geschlagene Viertelstunde hindurch.

Eingang des Dorfes, beim grossen Kreuz, das heute noch neben dem Dütschbach steht, liess der Unhold sein Opfer los und verschwand knurrend. Nach diesem grausigen Vorfall blieben die Nachtschwärmer und Kilter (Freier) lange Zeit abends daheim. Ebenso wagte es kein mutwilliges Mägdlein mehr, nach dem Gebetläuten das Kammerfenster zu öffnen, aus Angst, es könnte der Gassentätscher draussen stehen. Nach mehreren Jahren gelang es einem beherzten Manne endlich, das Ungeheuer in der Nähe des Bürglentores mit einem geweihten Rosenkranz zu berühren. Darauf verwandelte es sich in eine schwarze Ziege, die sich bald weiss färbte und auf dem nahen Friedhof für immer verschwand.

 

Quelle: Pater Nikolaus Bongard, Sensler Sagen, Freiburg 1992.
Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.

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