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Die Ehre

Vor langer Zeit lebte in einem Gebirgsdorf ein alter Mann mit seiner ganzen Sippe.

Glücklich und zufrieden wohnte diese grosse, einträchtige Familie in ihrem Haus. Gemeinsam mühten sich alle auf dem Feld, gemeinsam setzten sie sich zu Tisch, gemeinsam teilten sie Leid und Freud.

Einmal stand der alte Mann ganz früh am Morgen auf und ging auf den Hof, um die Pferde zu füttern.

Da sah er, dass über Nacht der Winter gekommen war. Ringsum war alles weiss, der Hof war tief verschneit und zum Tor lief eine frische Spur durch den Schnee. Das wunderte den Alten, denn die ganze Sippe war daheim, sie hatten keine Gäste gehabt, die Söhne, die Schwiegertöchter und die Enkel waren alle im Haus. Er beschloss festzustellen, wohin die rätselhafte Spur führte.

Der Alte trat durch das Tor und verfolgte die Spur. Sie lief durch das ganze Dorf, dann aufs Feld hinaus und hörte auch dort nicht auf. In der Mitte des Feldes stand ein einzelner Rosenbusch.

Hier brach die Spur ab. Der alte Mann blieb vor dem Rosenbusch stehen und rief: «Du, der du heute Morgen mein Haus verlassen und dich in diesem Busch versteckt hast, sei so gut und antworte mir!»

«Ich, dein Glück, habe beschlossen, dein Haus zu verlassen. Ich möchte mich jetzt in dem Haus dort drüben niederlassen. Aber da du mich nun einmal eingeholt hast, will ich dir einen Wunsch erfüllen. Sag, was ist dir am liebsten: Vieh, Land oder prächtige Kleider?»

«Ich bitte dich um Folgendes», antwortete der Alte, «warte, bis ich mich mit den Meinen beraten habe, ich bin bald wieder da.»

«Gut», antwortete das Glück, «ich will solange warten, halte dich aber nicht allzu lange auf.»

Der Alte eilte nach Hause und erzählte, dass das Glück von ihnen gegangen sei, dass er es jedoch eingeholt habe und vor welche Wahl es ihn gestellt habe.

Nun begannen alle zu beraten.

«Du solltest um viel Land bitten, dann bringen wir gute Ernte ein und brauchen uns keine Sorgen zu machen», sagte die Frau.

«Vielleicht sollten wir lieber um gute Pferde bitten», sagte der älteste Sohn.

«Es wäre doch gar nicht übel, wenn wir schöne und prächtige Kleider bekämen», sagten die Töchter des Alten.

Die Geschwister begannen zu streiten, denn jeder wollte beweisen, dass sein Wunsch der vernünftigste sei. Da meldete sich die jüngste Schwiegertochter, deren Stimme man bisher noch kaum vernommen hatte: «Wenn möglich, so bittet doch um Ehre!»

«Du hast recht, Töchterchen!», sprach der Alte erfreut.

«Wieso bin ich alte Frau nicht gleich auf diesen Gedanken gekommen!», rief die Alte.

Nun erklärten alle, dass die jüngste Schwiegertochter recht habe. Der alte Mann eilte aufs Feld zurück und trat zum Rosenbusch. «Ihr habt euch aber lange beraten!», meinte das Glück.

«Sag, wofür hat sich deine Familie entschieden?»

«Wenn du gehst, so nimm alles», antwortete der Alte, «doch lass uns unsere Ehre.»

«Da werde ich dein Haus nicht verlassen können», sprach das Glück, «denn wo Ehre ist, da ist auch das Glück.»

So kehrte das Glück in das Haus des alten Mannes zurück und so lebt die Familie bis heute glücklich und zufrieden.

Märchen der Karatschaien

Aus: Wintermärchen, herausgegeben von der Mutabor Märchenstiftung, ISBN 978-3-9523692-1-0