Das Hähnchen von Crasta - Fabel/Tiermärchen, C. Decurtins

Das Hähnchen von Crasta

C. Decurtins
Kategorie: Fabel/Tiermärchen / ATNr: 130

Vor dem Haustor, auf der Banklehne, sass ein Hähnchen, das krähte wie verrückt: «Kikeriki — kikeriki!» Da kam die Meisterin heraus ans Haustor, stützte sich auf die untere Türhälfte und sagte nur so zu sich selber, während sie zum Hahn hinübersah: «Der ist jetzt schön fett, heute Abend wollen wir ihn schlachten, um am Sonntag einen schönen Braten für das Taufessen unseres Buben zu haben. Das Hähnchen hörte dies und dachte: «Wenn ihr das glaubt, so täuscht ihr euch!»

Es breitete die Flügel aus, flog über Dächer und Wald und gelangte auf den Alpstaffel, bis zur Hütte von Palüd Chape. Dort liess es sich aufs Dach nieder, ganz zufrieden, dass es in Sicherheit war.

Als es um sich blickte, sah es einen Schafbock daherkommen.

«Was führt dich in diese Gegend?» fragte es.

«Ich bin vor meinem Meister geflohen», antwortete der Schafbock, «denn der behandelte mich nicht gut. Die Schafe, die hatten es gut genug, die fütterte er recht, doch mich schlug er mit dem Stecken auf den Kopf, so bald ich mich heranmachte, um auch aus der Krippe zu fressen. Deshalb bin ich ganz still und leise abgehauen und bin jetzt hier.. »

«Auch mir gefiel es nicht mehr bei meiner Meisterin, lass uns also von nun an zusammen bleiben», sagte der Hahn. Es ging nicht lange, da sahen sie einen Esel daherkommen.

«Woher kommst du?» fragten sie ihn.

«Ich bin vor meinem Meister geflohen», sagte der Esel, «denn der lud mir alles Schwere auf; schwere Lasten musste ich ziehen oder tragen, die drückten mir meinen armen Rücken fast ein, und das Futter liess schwer zu wünschen übrig. Das Pferd wohl, das wurde gut behandelt, es bekam Hafer und sogar Zuckerstückchen, und zu ziehen hatte es ganz wenig, nur die Kutsche, das hat mich schliesslich tüchtig geärgert, so habe ich heute den Weg unter die Füsse genommen, und hier bin ich...»

«Auch uns ist es draussen nicht viel besser gegangen», sagten der Hahn und der Schafbock, «und deshalb haben wir uns hierher zurückgezogen. Bleiben wir also alle drei beieinander», und ganz zufrieden gingen sie in die Hütte.

Da blickte der Esel zufällig aus dem Fenster, und was sah er? Einen gewaltigen Bären, der auf die Hütte zu­ trabte. «Um Gottes willen», schrie er, «der Bär kommt»

«O Schreck», brüllte der Schafbock, «dann ist es um mich geschehen, denn Schaffleisch ist das, was der Bär am liebsten hat.»

«Ach was», meinte der Hahn, «verliert nicht sofort den Mut, lasst mich machen, und ihr werdet sehen wir werden dem Riesenbären Meister. Du, Schafbock, stellst dich zuoberst auf die Hütte, und wenn der Bär zur Tür hereinkommt, begrüsst du als Erster ihn mit deinen Hörnern, so dass er schon halb tot ist. Dann kommst du, Esel, aus dem Gässchen, teilst ihm Tritte aus und stapfst mit deinen Hufeisen auf ihm herum. Ich setze mich auf die Ofenstange, fliege dann hinunter und picke ihm die Augen aus.»

Und so machten sie es, und kurz darauf lag der Bär mausetot am Boden. Doch bis sie ihn aus der Hütte geschleift hatten, das war ein hartes Stück Arbeit. Durch die Rauferei hat­ te es dazu noch eine hässliche Unordnung in der Stube gegeben, da schickte der Hahn den Schafbock Wasser holen, um den Boden aufzuwaschen. Der Esel mit seinen Hufeisen und der Schafbock mit seinen Hörnern rieben tüchtig, und der Hahn mit seinen Flügeln wischte den Boden auf. Doch der war dabei recht nass geworden, und aus Angst, sich zu erkälten, setzte er sich vors Tor, um sich von der Sonne trocknen zu lassen. Es ging nicht lange, so schoss aus der Höhe pfeilschnell ein Habicht herab.

«O sag mir, Gevatter», fragte der Habicht den Hahn, kannst du mir sagen, wie sich die Hühner hinlegen, bevor sie einschlafen?»

»Ja», sagte der Hahn, «so tun sie» — und schob seinen Kopf unter die Flügel. Und in diesem Augenblick packte der Habicht das arme Hähnchen und flog mit ihm über den Wald von Fulun und über die Dächer von Crasta bis auf den Abhang von Blais. Dort waren Leute bei der Feldarbeit. «Wieso sagst du nicht: Gott segne eure Arbeit?» fragte das Hähnchen. Der Habicht öffnete den Schnabel, um den üblichen Gruss zu wechseln, und in dem Augenblick fiel das Hähnchen mitten in die Büsche hinein wo der Habicht nicht hinkommen konnte. «Man soll nicht unnötig reden», rief das Hähnchen mit lauter Stimme. «Und man soll nicht ohne Müdigkeit schlafen», schrie der Habicht wütend. Das Hähnchen wartete, bis der Habicht ausser Sicht war, dann machte es sich ganz zufrieden wieder auf den Flug gegen Palüd Chape.

Oh – welchen Empfang die beiden Gefährten ihm bereiteten! Künftig verliessen sie das Land um ihre Hütte herum nicht mehr, sie weideten den ganzen Tag auf dem Staffel. Das Hähnchen pflügte mit seinem Schnabel die Erde um und suchte sich schmackhafte Würmchen, und sie hatten ein goldenes Leben!

 

Märchen aus dem Oberengadin

Aus: U.Brunold-Bigler/K. Widmer, Die drei Hunde, Rätoromanische Märchen aus dem Engadin – Oberhalbstein –Schams, Chur 2004

 

 

Märchenbetrachtung in Märchenforum Nr. 72