Glückliche Stunden
Bei einem armen Häuschen klopfte einmal ein Bettler an die Tür und bat um ein Nachtlager. „Das geht leider nicht“, sagte ihm der Hausherr, „denn die Geburt unseres Kindleins hat soeben begonnen.“ Der Bettler liess sich jedoch nicht abweisen und endlich gab man ihm einen Platz auf der Ofenbank. Dort setzte er sich hin und während die Frau in den Wehen lag, betete der Bettler vor sich hin: „Jetzt no nid, jetz no nid.“ Tatsächlich zog sich die Geburt hin, so dass die Hebamme zu schimpfen begann über das seltsame Gebet des Gastes. Doch er liess sich nicht beirren, bis er endlich sein Gebet beendet hatte und das Kind geboren wurde. Lächelnd trat er zur frischgebackenen Mutter und sagte: „Vorher, das waren unglückliche Stunden, jetzt aber ist das Kind zu einer glücklichen Stunde geboren.“ Und wirklich: Das Kind war gesund und alle freuten sich, dass sie dem fremden Gast Obdach gewährt hatten.
Neu erzählt nach: Müller, Josef: Sagen aus Uri 1Basel 1926, unter dem Titel Glückhaftige und unglückhaftige Stunden