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Die Stiftung für Märchen und Erzählkultur

Die böse Prinzessin

Land: Schweiz
Kanton: Graubünden
Kategorie: Novelle

Ein König gab einem Prinzen, der seine Tochter zur Braut wollte, zu bedenken: «Ich war nicht im Stande, ihre Bosheit zu meistern. Dir wird es gleich gehen.» Der Prinz wollte sie trotzdem, und sie war froh, dass er sie nahm.

Am Hochzeitstag stand nach dem Verlassen der Kirche eine Kutsche mit fünf Pferden bereit, eines davon war so lebhaft und wild, dass es die andern nicht in Ruhe liess und nicht einmal angeschirrt werden konnte. Die Braut stieg heftig zitternd auf die Kutsche, und der Prinz versuchte noch selbst, diesen Schimmel gefügig zu machen. Je härter der Prinz vorging, desto höher bäumte der Schimmel sich auf; er drohte alles über den Haufen zu werfen. Da stiess der Prinz ihm kurz entschlossen sein Schwert in die Brust und sagte zu seiner Braut: «So mach ich's, wenn mir jemand widerspricht!» Er hatte zeitlebens eine ganz unterwürfige Frau.

(Oberhalbstein)

 

Quelle: Die drei Hunde, Rätoromanische Märchen aus dem Engadin, Oberhalbstein und Schams. Caspar Decurtins/Ursula Brunold-Bigler/Kuno Widmer, Desertina Verlag, Chur 2020. © Ursula Brunold-Bigler.  

Eingelesen von der Mutabor Märchenstiftung auf www.maerchenstiftung.ch.